• Dossier Nachhaltigkeit

Ohne Klimaschutz kein Kinderschutz

Der Klimawandel ist da – und zwingt auch Stiftungen, die nicht per se ökologische Zwecke verfolgen, ihn in ihrer Programmarbeit mitzudenken. Wie das gehen kann, zeigt das Beispiel der Hermann-Gmeiner-Stiftung, die in „grüne“ Projekte der SOS-Kinderdörfer in Afrika investiert.

3 Minuten 08.09.2022
Autorin: Claudia Straßer

Überschwemmungen, Hitzewellen, Dürren: Die Meldungen über Naturkatastrophen in aller Welt häufen sich. Der Klimawandel trifft besonders arme Länder im globalen Süden. Experten warnen nicht nur vor langfristigen ökologischen Schäden. Sie befürchten auch eine Verschärfung der wirtschaftlichen und sozialen Lebenssituation von Milliarden von Menschen. 

Aufgrund der komplexen Ursachen und vielfältigen Folgen werden künftig immer mehr Stiftungen und gemeinnützige Akteure den Klimawandel in ihrer Arbeit berücksichtigen müssen – auch wenn sie nicht per se ökologische Zwecke verfolgen. 

Auch die Hermann-Gmeiner-Stiftung, die 2001 vom Verein SOS-Kinderdörfer weltweit gegründet wurde, hat dies erkannt: Die Stiftung, die den Verein bei seiner Kernaufgabe, dem Kinderschutz, finanziell unterstützt, investiert in „grüne“ Projekte der SOS-Kinderdörfer in Afrika. Sie kombinieren Bildungs- und Familienarbeit mit der Vermittlung von Wissen zum Umweltschutz, der Einführung innovativer Technologien und sozioökonomischer Förderung.

Hungersnöte und noch mehr Armut

Laut Weltklimarat ist Afrika einer der Kontinente, der die Folgen des Klimawandels aktuell am stärksten zu spüren bekommt. Die Einkommen der Menschen dort sind stark von Landwirtschaft abhängig, die Folgen von Dürren und damit einhergehenden Ernteausfällen für die zumeist ohnehin arme Bevölkerung dramatisch: Hungersnöte und noch mehr Armut. 

Die Menschen suchen dem durch Landflucht zu entkommen – nicht selten mit der Folge, dass Familien auseinanderbrechen und neue Nöte entstehen. Viele Kinder verlassen die Schule ohne Abschluss, weil sie arbeiten und dadurch zum Familieneinkommen beitragen müssen. Zudem fehlt es an Geld für die Gesundheitsvorsorge. 

Wer jedoch Kindern Zukunftsperspektiven geben will, muss für die Sicherung der entsprechenden Rahmenbedingungen sorgen, damit sie möglichst bei ihrer Familie aufwachsen, sich in einem sicheren Umfeld entwickeln und zur Schule gehen können. Daher ist es heute unerlässlich, Aktivitäten zur Klimaanpassung in die Programmarbeit zum Kinderschutz zu integrieren.  

Modell-Ökofarmen in Ruanda

Vor diesem Hintergrund haben die SOS-Kinderdörfer bereits bestehende Programme in fünf afrikanischen Ländern um Umwelt- und Klimaschutzkomponenten ergänzt. Das Ziel: Das Umweltbewusstsein von Kindern und ihren Familien zu fördern und damit die Widerstandsfähigkeit der vom Klimawandel betroffenen Gemeinden insgesamt zu stärken. Zudem erlernen Jugendliche und Erwachsene klimaresistente Anbaumethoden oder die Herstellung und Nutzung alternativer Energien, um dann die sozioökonomische Unterstützung zu erhalten, die sie etwa zum Betreiben einer klimaresistenteren Landwirtschaft brauchen.

Beispiel Ruanda: Die Landwirtschaft ist der wichtigste Wirtschaftssektor des ostafrikanischen Landes, das eines der ärmsten der Welt ist. Doch aufgrund vermehrter Dürreperioden kommt es immer häufiger zu Ernteausfällen; Vieh verdurstet und verhungert. 

Um dem entgegenzuwirken, unterstützt die Hermann-Gmeiner-Stiftung Kleinbauerfamilien beim Aufbau von Modell-Ökofarmen. Hier lernen die Familien, an die neuen klimatischen Bedingungen angepasste Nutzpflanzen zu kultivieren und nachhaltige landwirtschaftliche Praktiken anzuwenden. Als Teil eines Netzwerkes von Kleinbauern können sie durch den Verkauf ihrer Produkte und den Wissenstransfer untereinander zudem ihr Einkommen verbessern und sich gesünder ernähren. 

Eco Youth Clubs in Uganda 

Ein anderes Beispiel ist Uganda: In dem ebenfalls von extremer Armut betroffenen Nachbarstaat Ruandas werden die Regenwälder massiv abgeholzt, um Brennmaterial zu gewinnen. Die Folge: Es dauert immer länger und wird immer beschwerlicher, Holz und Trinkwasser zu beschaffen. Neben den Frauen sind für diese Aufgabe traditionell die Kinder verantwortlich. Daher bleibt ihnen oft keine Zeit mehr, zur Schule zu gehen – mit fatalen Auswirkungen auf ihre Bildungs- und Zukunftschancen. 

Dies will ein Green Project im Osten des Landes ändern: Hier werden Frauen darin geschult, CO2-arme Briketts und energiesparende Kochherde herzustellen und zu verkaufen. Dies ist nicht nur ein Beitrag zur klimaschonenden Energieversorgung. Durch den Verkauf haben die Frauen zudem die Möglichkeit, selbst Geld zu verdienen.  

Bislang wurden etwa 20 Schulen in der Region mit energiesparenden Herden ausgestattet. Der Plan ist, dass diese Schulen das Brennmaterial für diese Herde künftig von den Frauen beziehen, sodass die Kinder nicht mehr Holz beschaffen müssen und wieder zur Schule gehen können. 

Zudem wurden in den Schulen sogenannte Eco Youth Clubs gegründet, deren Sprecher:innen später in den Gemeinden die Lobbyarbeit zu Themen des Umweltschutzes vorantreiben sollen.

Holistische Ansätze werden immer wichtiger

Es wird deutlich: Angesichts des Klimawandels werden holistische Programmansätze auch beim Thema Kinderschutz immer wichtiger. Die Vermittlung von Wissen und Aktivitäten zur Klimaanpassung spielt hierbei eine maßgebliche Rolle. Das reicht von der schulischen Förderung des Umweltbewusstseins über die Vermittlung nachhaltiger Erwerbsmöglichkeiten in der Aus- und Weiterbildung von Erwachsenen bis hin zur Einbindung der umliegenden Gemeinden. 

Um als Akteur:innen des Wandels in ihrer Gemeinde agieren zu können, müssen gefährdete Kinder und ihre Familien heute über „grünes“ Fachwissen verfügen. Nur so können sie auf die neuen klimatischen Bedingungen mit existenzsichernden Maßnahmen reagieren. Und nur so lässt sich einer schwachen Infrastruktur, Migration und Binnenmigration entgegenwirken. 

Wenn sich eine Stiftung die gesellschaftliche Stabilisierung zur Aufgabe macht, muss sie auch auf die veränderten Rahmenbedingungen reagieren, die uns der fortschreitende Klimawandel diktiert. 

Über die Autorin:
Claudia Straßer
Claudia Straßer
© picture alliance / Philipp Gülland

Claudia Straßer ist Mitglied im Vorstand der Hermann-Gmeiner-Stiftung und leitet beim Verein SOS-Kinderdörfer weltweit die Abteilung Stiftungen. Außerdem ist sie Co-Leiterin des Arbeitskreises Internationales beim Bundesverband Deutscher Stiftungen.

Über die Hermann-Gmeiner-Stiftung:

Die Hermann-Gmeiner-Stiftung wurde 2001 vom weltweit aktiven Kinderhilfswerk SOS-Kinderdörfer gegründet. Sie unterstützt Programme der SOS-Kinderdörfer und trägt zu deren Finanzierung bei. Familienstärkung, Bildungsprojekte, Berufsförderungsprojekte, Gesundheitsprogramme und Nothilfeeinsätze sind der hauptsächliche Fokus. Aktuell engagieren sich die SOS-Kinderdörfer in 137 Ländern. Zurzeit werden über eine Million Kinder, Jugendliche und Familien von ihnen betreut.