• Dossier Nachhaltigkeit

„Schaut auf die Stiftungen!“

Nachhaltigkeit ist der Schwerpunkt des Deutschen Stiftungstages, der vom 28. bis 30. September 2022 in Leipzig stattfindet. Im Interview erzählt Sylke Freudenthal, Vorständin der Veolia Stiftung und Leiterin des Arbeitskreises Umwelt beim Bundesverband Deutscher Stiftungen, warum das Thema längst nicht nur für Umweltstiftungen relevant ist und weshalb sich Politik und Wirtschaft in Sachen Nachhaltigkeit so einiges von Stiftungen abgucken können.

4 Minuten 09.09.2022
Interview: Nicole Alexander

Nachhaltigkeit lautet das Thema des diesjährigen Deutschen Stiftungstages, der vom 28. bis 30. September 2022 in Leipzig stattfindet. Ein überfälliger Schwerpunkt? 

Sylke Freudenthal: Grundsätzlich haben Stiftungen enormes Potenzial, dieses große Thema Nachhaltigkeit mit Leben zu füllen. Vielleicht schrecken manche ein wenig vor der Vielschichtigkeit des Begriffs zurück und vor dem, was sich alles dahinter verbirgt. Wir befinden uns gerade in einem gesamtgesellschaftlichen Transformationsprozess, erleben viel Wandel in Unternehmen, in der Verwaltung und in den Kommunen, und natürlich muss sich dieser Wandel hin zu mehr Nachhaltigkeit auch in Stiftungen vollziehen.  

Helfen soll dabei der sogenannte Leitfaden zum Deutschen Nachhaltigkeitskodex (DNK), den einige Stiftungen im Januar 2022 veröffentlicht haben. Einer der Initiatoren dieses Leitfadens war die Veolia-Stiftung, deren Vorstand Sie angehören. Wie ist es zu dieser Initiative gekommen? 

Letztlich geht sie auf die Mitgliederversammlung des Bundesverbandes im Jahr 2019 in Mannheim zurück. Damals wurden die Grundsätze guter Stiftungspraxis unter anderem um einen Grundsatz ergänzt, nach dem sich Stiftungen dazu verpflichten, nachhaltig in Verantwortung für die zukünftigen Generationen zu handeln. Danach haben sich mehrere Stiftungen zusammengefunden, um diesen Anstoß gemeinsam weiterzutragen und andere dabei zu unterstützen, ihr Nachhaltigkeitsmanagement zu professionalisieren. Zu den Initiatoren des Leitfadens zählten übrigens längst nicht nur Umweltstiftungen. Das war uns auch ein großes Anliegen.  

Warum?  

Weil das Thema Nachhaltigkeit sehr oft mit dem Thema Umweltschutz gleichgesetzt und damit ausschließlich den Umweltstiftungen zugeschrieben wird. Aber das stimmt eben nicht. Nachhaltigkeit ist ein sehr viel umfassenderer Begriff, der auch die sozialen und gesellschaftlichen Verantwortungsfragen stellt und darauf Antworten gibt. Deshalb ist das Thema Nachhaltigkeit für jede Stiftung relevant – unabhängig davon, welchen Zweck sie verfolgt.     

Um das komplexe Thema Nachhaltigkeit fassbarer zu machen, unterscheidet der DNK-Leitfaden für Siftungen drei Themenfelder: Nachhaltigkeit zum einen in der Förderpraxis, zum anderen in der Vermögensanlage und schließlich in der Organisation selbst – eine Dreiteilung, die sich auch der Stiftungstag zu eigen macht. In welchem dieser drei Themenfelder sehen Sie den deutschen Stiftungssektor besonders gut aufgestellt, wo den größten Nachholbedarf? 

In allen drei Bereichen gibt es viele sehr positive Beispiele. Bei der nachhaltigen Vermögensanlage etwa nehmen einige Stiftungen eine wichtige Vorreiterrolle ein. Nachholbedarf sehe ich am ehesten beim Nachhaltigkeitsmanagement in der eigenen Organisation. Das betrifft in der Regel die Verwaltung. Aber es gibt auch viele Siftungen, die Gebäude managen, die Flächen verwalten und bewirtschaften oder die eine große Zahl von Mitarbeitenden beschäftigen. Überall da spielen Nachhaltigkeitsaspekte, seien sie sozialer oder ökologischer Natur, eine wichtige Rolle. Mein Eindruck ist, dass dieser Bereich bislang etwas weniger in den Blick genommen wurde, weil man sich vor allem auf das wirksame Tun in der Förderpraxis fokussiert hat. Entsprechend könnten insgesamt die eigene Organisation und die Verantwortung nach innen noch stärker in den Fokus rücken. 

Der DNK-Leitfaden ist auch Thema einer Veranstaltung auf dem DST. Worum geht es in dabei konkret? 

Wir wollen mehrere Stiftungen unterschiedlicher Größe zu Wort kommen lassen, die den DNK in ihren Prozessen genutzt haben. Geplant ist eine Art Workshop, in dem sie von ihren Erfahrungen berichten und andere daran teilhaben lassen. Außerdem bieten mehrere Stiftungen, die am DNK-Leitfaden mitgearbeitet haben, an zwei Tagen eine offene Beratung an (Termine und Ort siehe unten – Anm. der Red.)  

Apropos Beratung: Welchen Tipp haben Sie für Stiftungen, für die das Thema Nachhaltigkeit in der eigenen Arbeit noch neu ist? 

Ein erster Schritt, um sich diesem Thema zu nähern, ist die sogenannte Wesentlichkeitsanalyse. Dabei geht es darum, gemeinsam mit den verschiedenen Interessengruppen der Stiftung zu schauen, welche Nachhaltigkeitsthemen für sie von besonderer Relevanz sind und wie sie durch ihr Tun als Organisation diese Themen voranbringen kann. Dieser Prozess hilft, Prioritäten zu setzen und ins Handeln zu kommen. 

Und wie lässt sich sicherstellen, dass das Thema Nachhaltigkeit dauerhaft in der Organisation einer Stiftung verankert wird?  

Der Schlüssel ist, dass es ein grundsätzliches Commitment auf oberster Ebene, also auf Vorstandsebene, gibt. Und dann braucht es natürlich eine an die jeweilige Stiftung angepasste Struktur, um dieses Commitment in die Breite zu tragen. So kann es hilfreich sein, wenn es eine Ansprechperson in der Stiftung gibt, die diesen Prozess koordiniert und die sich beispielsweise darum kümmert, dass die verschiedenen Stakeholder miteinander in Gespräch kommen, etwa um bestimmte Ziele zu vereinbaren oder um sich auf Kennzahlen zu einigen.  

Eine Art Nachhaltigkeitsbeauftragte der Stiftung? 

Ja. Je nach Größe der gesamten Organisation kann diese Rolle entweder die Geschäftsführung selbst übernehmen oder einen Koordinator für das Thema benennen. Wenn die Stiftung hingegen dezentral organisiert ist, sollte es in den einzelnen Bereichen Ansprechpersonen geben, die sich für das Thema verantwortlich fühlen. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist natürlich, bestimmte Anreizsysteme zu implementieren und das Erreichen von Nachhaltigkeitszielen in die Leistungsbewertung der Beschäftigten einfließen zu lassen. 

Können Sie dafür ein Beispiel nennen?  

Ein Anreiz wäre etwa ein flexibler Gehaltsbestandteil bei Führungskräften, der sich an ihren Erfolgen in bestimmten Nachhaltigkeitsaspekten bestimmt. Das kann das ökologische Bewirtschaften von Flächen sein oder eine Verbesserung in Sachen Arbeitssicherheit – je nachdem, was prioritär ist in dem Bereich, in dem die Führungskraft tätig ist. Dadurch kommt ein Reflexionsprozess in Gang, der nötig ist, um bisherige Arbeitsweisen zu hinterfragen und zu verbessern.  

Der Stiftungstag soll neben dem inhaltlichen Austausch der Vernetzung und Anbahnung von Kooperationen dienen. Wie kann das beim Thema Nachhaltigkeit gelingen?   

Ein Beispiel: Die Arbeitskreise Bürgerstiftungen und Umwelt organisieren ihr informelles Treffen, das traditionell am Abend des ersten Kongresstages stattfindet, gemeinsam. Das bietet sich geradezu an, weil sich beide Seiten mit ihren jeweiligen Spezialkompetenzen sehr gut ergänzen. So zeichnen sich Bürgerstiftungen durch ihr großes Engagement aus und erfahren in der Regel viel Rückendeckung durch die Zivilgesellschaft. Umweltstiftungen hingegen bringen enormes fachliches Know-how und viel Erfahrung in der Umsetzung von Projekten ein – beste Voraussetzungen dafür, dass sie auf lokaler Ebene gemeinsam viel bewirken können. Auf dieses Informelle Treffen setze ich große Hoffnungen.   

Welche Erwartungen haben Sie darüber hinaus an diesen Stiftungstag? 

Es ist immer hilfreich, sich vor Augen zu führen, was bereits funktioniert, wo es schon gute Ansätze gibt und wie wir gemeinsam dafür sorgen können, dass diese Ansätze wachsen und in die Breite getragen werden. In diesem Sinne erhoffe ich mir vom Stiftungstag zum einen Ermutigung, Wissensvermittlung und einen gemeinsamen Lernprozess. Zum anderen soll er auch eine gewisse Signalwirkung nach außen haben.  

Inwiefern? 

Indem er der Öffentlichkeit zeigt: Ihr sucht Wege zu nachhaltiger Entwicklung? Schaut auf die Stiftungen, die machen das ganz vielfältig. Jedes Unternehmen, jede Kommune steht ja beim Thema Nachhaltigkeit vor denselben Herausforderungen wie die Stiftungen. Und es gibt in unserem Sektor so viele herausragende Beispiele, von denen sich Wirtschaft und öffentliche Verwaltung einiges abgucken können.   

Stiftungen als Vorbild für nachhaltige Entwicklung? 

Genau. Wäre es nicht schön, wenn Stiftungen in der Gesellschaft nicht nur vornehmlich als Geldgeber, sondern vor allem auch als Ideengeber wahrgenommen werden? Es sollte normal werden, dass Politik, Kommunen und auch Unternehmen auf der Suche nach Lösungen für gesellschaftliche Herausforderungen gerade auch auf die gute Praxis und Pilotprojekte von Stiftungen schauen.

Über die Gesprächspartnerin:
Sylke Freudenthal
Sylke Freudenthal
© Veolia

Sylke Freudenthal ist Beauftragte für nachhaltige Entwicklung bei Veolia Deutschland und Vorstand der Veolia Stiftung. Von 2009 bis 2016 war sie ehrenamtlich Sprecherin des Berliner Stiftungsnetzwerks und von 2013 bis 2018 stellvertretende Vorsitzende des Vorstands der Stiftung Naturschutz Berlin. Seit 2015 ist die studierte Journalistin und Betriebswirtin Sprecherin des Unternehmensnetzwerks von UPJ e.V. und seit 2019 Leiterin des Arbeitskreises Umwelt beim Bundesverband Deutscher Stiftungen.