Ablaufdatum 2040: Was die Crespo Foundation als Verbrauchsstiftung besonders macht

Nicht alle Stiftungen sind für die Ewigkeit gegründet. Manche haben ein festgelegtes Ablaufdatum und haben sich das Ziel gesetzt, ihr Kapital innerhalb eines bestimmten Zeitraums für ihre Zwecke zu verbrauchen. Insbesondere seit die Gates Foundation in diesem Jahr verkündet hat, ihr Vermögen bis 2045 auszugeben, gerät das in Deutschland verhältnismäßig neue Modell der Verbrauchsstiftung zunehmend in den Blick. Erst seit 2013 ist diese Stiftungsform bei uns im Bürgerlichen Gesetzbuch verankert. Die Crespo Foundation in Frankfurt am Main zählt hier zu den Vorreiterinnen. Wie arbeitet eine Stiftung, deren Mittel endlich sind? Wie ändert das strategische Überlegungen? Was gilt es zu beachten? Darüber haben wir mit Dettloff Schwerdtfeger, Vorstandsmitglied der Crespo Foundation, gesprochen.

Das Bild zeigt das Crespo Haus an einer Straße.
© Foto: Christof Jakob
6 Minuten 04.09.2025
Gesprächspartner: Dettloff Schwerdtfeger

Mit dem Tod der Stifterin Ulrike Crespo 2019 wurde die Crespo Foundation in eine Verbrauchsstiftung umgewandelt. Warum war das der ausdrückliche Wunsch der Stifterin?

Ulrike Crespo hat bereits bei der Gründung der Stiftung Anfang der 2000er Jahre an der Idee einer Verbrauchsstiftung getüftelt. Ihr war der Gedanke fremd, sich selbst ein Denkmal zu setzen. Vielmehr stand der Gedanke Pate, aktuelle Probleme lösen zu wollen.

Gab es für die Crespo Foundation bereits 2019 Vorbilder beim Entschluss zur Umwandlung in eine Verbrauchsstiftung?

Meines Wissens gab es das nicht. Es kann durchaus sein, dass bei Ulrike Crespo, die in ihrer Vermögensberatung selbstverständlich international vernetzt war, amerikanische Vorbilder von Sunset-Funds und verbrauchsorientierten philanthropischen Konzepten einen Einfluss gehabt haben.

Üblicherweise ist mit einer Stiftungsgründung auch der Ewigkeitsgedanke verbunden: Ein bestimmtes Kapital wird für immer an einen bestimmten Zweck gebunden. Dieser grundlegende Charakter fehlt bei einer Verbrauchsstiftung. Spielt der Ewigkeitsgedanke dennoch bei Ihnen eine Rolle?

Nein. Hier nehmen wir in der Stiftung sehr ernst, was Ulrike Crespo denen, die sie noch persönlich kannten, mitgegeben hat: Sie wollte keine Strukturen schaffen, die sich „immer mehr verkrusten“ und von dem, was ihr wichtig war, immer weiter entfernen. Sie wollte Gutes stiften in einer Zeit, in der es noch genug Menschen gibt, die sie persönlich gekannt haben.

Stiftungen verfügen über eine unglaubliche Innovationskraft und können aufgrund ihrer besonderen Finanzierungsweise auch Ansätze ausprobieren und experimentieren. Wie verändert sich die Projektkonzeption, wenn die Ressourcen plötzlich endlich sind?

Wir probieren viel aus und versuchen dabei, trotz der begrenzten Zeit Ruhe zu bewahren und nicht auf kurzfristige Effekte zu setzen. Wir wollen weg vom „Projekthopping“ und der Projektförderung hin zu einer strategischen Unterstützung von Partnern. Das ist nicht immer einfach, und das wird auch nicht immer gelingen. Alle Partner, mit denen wir zusammenarbeiten, wissen, dass es uns nur noch 15 Jahre geben wird. Deswegen nehmen wir das Ende einer Förderung von Anfang an mit unseren Partnern in den Blick. Neben dem, was wir selbst ermöglichen können, suchen wir schon heute nach Förderpartnern, anderen Stiftern und Unternehmern, die sich für unsere Themen begeistern, damit sie vielleicht einschwenken und irgendwann den Staffelstab von uns übernehmen – wenn eine neue Generation von Verbrauchs-Stiftern nach Ulrike Crespos Vorbild gewachsen ist.

Arbeiten Sie jetzt mit mehr Druck oder mit mehr Freiheit? Was hat sich im Arbeitsalltag tatsächlich verändert, seit Sie wissen, dass die Uhr tickt?

Wir wissen das schon immer, insofern hat sich nichts verändert. Als wir 2019 das großzügige Erbe angetreten haben, musste das jährliche Fördervolumen der Stiftung schnell wachsen, um den von der Stifterin vorgegebenen Vermögensverbrauch zu starten. Das war eine sehr merkwürdige Mischung aus Druck und Freiheit:  Es sollte schnell gehen, wir waren sehr frei und wollten ja trotzdem sinnvoll fördern und nicht Geld verbrennen. Inzwischen haben wir ein breit diversifiziertes Förderportfolio mit den vier starken Themenfeldern Kunst, Kulturelle Bildung, Bildungschancen und Stärkung der Persönlichkeit. Darüber hinaus setzen wir auf drei Fokusthemen Leseförderung, psychische Gesundheit und digitale Kompetenz/digitale Gefahren – der genaue Fokus wird derzeit bearbeitet –, die den Themenfeldern beigeordnet sind. Das Förderbudget von circa 20 Millionen Euro pro Jahr ist gut ausgelastet, so dass der Druck, uns im Sinne einer größtmöglichen Wirkung auf weniger Partner mit dann höherem Engagement zu fokussieren, wächst.

Das Crespo Haus ist Ihr Leuchtturmprojekt - aber als Verbrauchsstiftung müssen Sie es irgendwann loslassen. Bauen Sie gerade bewusst etwas auf, um es dann im Stich zu lassen? Wie lösen Sie dieses Paradox auf?

Das Crespo Haus ist unsere Werkstatt, sie soll gläsern sein und transparent machen, was wir tun. Leuchttürme sind die von uns geförderten Menschen, Partner und Organisationen und deren positive Wirkungen im kulturellen und sozialen Bereich sowie im Bildungssektor. Das Crespo Haus haben wir für uns und für die Stadt Frankfurt saniert und nutzen es für die Dauer unseres Bestehens, bis es dann an die Stadt Frankfurt zurückfällt und als Begegnungs- und Kulturstätte weiter genutzt wird. Wir lassen da nichts und niemanden im Stich, sondern haben in einer bemerkenswerten Partnerschaft mit der Stadt Frankfurt eine auf Dauer angelegte Konzeption begonnen.


 

Über die Stiftung

Die Crespo Foundation ist eine gemeinnützige private Stiftung mit Sitz in Frankfurt am Main. Sie wurde 2001 von der Psychologin und Fotografin Ulrike Crespo (1950–2019) gegründet. Die Crespo Foundation tritt dafür ein, dass alle Menschen die Möglichkeit haben, selbstbestimmt zu leben und die Gesellschaft aktiv mitzugestalten. Mit ihren Programmen und Förderungen schafft sie Angebote und Möglichkeitsräume, in denen Menschen ihr Potenzial entfalten können. Seit Januar 2021 ist Dettloff Schwerdtfeger Vorstand der Crespo Foundation.

Über den Gesprächspartner

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