Bauen für das Gemeinwohl: Wie Stiftungen neue Räume schaffen
Stiftungen wirken oft im Hintergrund – durch Förderprogramme, Projekte oder Beratung. Doch einige von ihnen setzen nicht nur Impulse, sondern schaffen ganz konkret neue Räume: Wohnraum, Bildungs- und Forschungsorte, Quartierstreffpunkte oder Orte für soziale Teilhabe. Manche Stiftungen engagieren sich direkt in der Immobilien- und Quartiersentwicklung, etwa indem sie ökologische Wohnsiedlungen fördern, gemeinwohlorientierte Gebäude entwickeln oder nachhaltige Stadtteilarbeit baulich verankern.
Die Gründe für dieses Engagement sind vielfältig: Manche Stiftungen wollen sozial gerechte und nachhaltige Stadtentwicklung voranbringen, andere reagieren auf drängende Herausforderungen wie steigende Mieten, Flächenknappheit oder fehlende Orte für Bildung, Forschung und Kultur. Und viele stellen fest: Wer baut, kann langfristig und unmittelbar wirken.
In diesem Artikel stellen sich vier Stiftungen vor, die genau das tun: Ihre Projekte zeigen, wie vielfältig der Beitrag von Stiftungen zur Gestaltung lebenswerter Städte und Regionen sein kann.
© Nikola Haubner
Bauen für eine generationsübergreifende Nachbarschaft: Villa ganZ - Dicke-Osmers-Stiftung
Der Wohnungsbau stagniert, die Schaffung von bezahlbarem Wohnraum ist eine dringliche Aufgabe. Lebenswerte Wohnungen für jedermann sind notwendige Komponenten einer demokratieresilienten Gesellschaft. Initiativen und Stiftungen zeigen innovative Wege auf, Wohnarmut zu bekämpfen und Gemeinwohlhandeln zu aktivieren.
Nahrung, Kleidung und Wohnung sind Grundgüter, die essentielle Bedürfnisse des Menschen befriedigen. Doch Alleinerziehende und alleinstehende Personen mit geringem Einkommen sind mit Wohnraum unterversorgt. Unzureichende Wohnchancen zementieren nicht nur materielle Ungleichheit, sondern bedrohen auch den sozialen Zusammenhalt.
Die gemeinnützige Stiftung Villa ganZ ist eine Initiative, die modellhaft zeigt, wie Stiftungen die Wohnproblematik anpacken können. Unser Name ist Programm: generationsübergreifendes alternativ-nachbarschaftliches Zusammenleben.
Ziel unserer operativen Stiftung ist es, durch Errichtung von gemeinschaftsorientierten Wohnprojekten eine inklusive Gesellschaft zu verwirklichen. Hier können Menschen ohne hinreichendes ökonomisches Fundament aber mit sozialem Kapital miteinander leben: vom kleinen „Wir“ nachbarschaftlicher Nähe zum großen „Wir“ gesellschaftlicher Verbundenheit.
Ein zentrales Element bei der Bekämpfung der Wohnungsnot ist Kooperation. Mit Partnern wie der Baugruppe JAWA in Hannover-Limmer zeigen wir, wie das Zusammenwirken verschiedener Akteure gelingen kann. Inzwischen sind eine KG, eine GmbH und die Stiftung Villa ganZ in einer Wohnungseigentümergemeinschaft verbündet. Der Bau eines Drei-Gebäude-Komplexes, in dem die Stiftung sieben Wohneinheiten und eine Teestube unterhält, ist ein verallgemeinerungsfähiges Kooperationsmodell.
Eine Hürde im Bauprozess ist die Bürokratie. Die Ausstellung von Abgeschlossenheitsbescheinigungen oder Grundbuchblättern nimmt enorme Zeit in Anspruch. Dies und der generelle Personalmangel in Behörden behindern den Fortgang solcher Projekte erheblich. Um Hindernisse zu überwinden, ist Abbau von Bürokratie und Aufstockung des Fachpersonals notwendig. Zudem können Bürgernähe und neue Kooperationsformen zwischen Bürger*innen und Staat helfen, bedarfsgerechtere und lösungsorientiertere Pfade zu bahnen.
Ein positives Signal für die Zukunft des Wohnungsbaus wäre ein weiterer Ausbau staatlicher Förderung. Dieser hätte das Potential, begrenztes Eigenkapital von kleineren Stiftungen und Initiativen wirkungsvoll zu stärken. Ein konkretes Beispiel ist die „Neue Wohngemeinnützigkeit“, die entscheidende Impulse für ein Beleben der Baukonjunktur setzen, Partnersuche für integrative Wohnprojekte erleichtern und die Schaffung neuen Wohnraums initiieren könnte.
Der Weg zur Überwindung der Wohnungsnot ist voller Widerstände, aber auch voller Möglichkeiten. Zivilgesellschaftliche Initiativen wie die Stiftung Villa ganZ sind ermutigende Prototypen dafür, wie Kreativität, Kooperation und staatliche Förderung erfolgreich ineinandergreifen können. Der Schlüssel liegt in einem Pakt für das Gemeinwohl, um allen Menschen eine sichere und bezahlbare Behausung zu garantieren. Diese Erkenntnisse und Erfahrungen bringen wir ein in unser zweites Projekt - am hannoverschen Kronsberg.
Text: Kristina Osmers (Vorstand) und Werner Dicke (Stiftungsratsvorsitzender)
Mehr Informationen: Villa ganZ – Dicke-Osmers-Stiftung
© Villa ganZ - Dicke-Osmers-Stiftung
Bauen für bezahlbaren Wohnraum: Paul Gerhardt Stift
Für uns im Paul Gerhardt Stift ist Bauen kein Selbstzweck. Es ist ein wichtiges Mittel, um unseren Auftrag in einer wachsenden Stadt verlässlich erfüllen zu können. Seit 150 Jahren begegnen wir den sich wechselnden sozialen Bedarfen in unserem Kiez im Wedding. Dabei fällt auf: Eine der größten sozialen Herausforderungen in Berlin ist der fehlende bezahlbare Wohnraum. Diese Erkenntnis hat unsere Entscheidung zu bauen bestärkt.
Seit 2024 sanieren wir ein denkmalgeschütztes Jugendstilhaus auf unserem rund 20.000 Quadratmeter großen Stiftsgelände. Im Januar 2026 begann dort zudem der Neubau. Beide Projekte entstehen auf demselben Grundstück. Der Neubau umfasst 116 Wohnungen, davon 100 als Sozialwohnungen. Diese mietpreis- und belegungsgebundenen Wohnungen sichern dauerhaft bezahlbaren Wohnraum und sind für uns der zentrale Beitrag, um der größten Not der Stadt zu begegnen.
© tafkaoo architects
Der Anlass für unser Engagement ist klar: Wir wollen eine inklusive Stadtgesellschaft fördern. Als Stiftung verfolgen wir kirchliche, mildtätige und gemeinnützige Ziele. Wir verstehen unser Handeln im Wohnungsbau auch als Beitrag zur öffentlichen Daseinsvorsorge. Neben kommunalem und genossenschaftlichem Wohnungsbau schaffen wir so langfristig bezahlbaren Wohnraum für Menschen aus unterschiedlichen sozialen Schichten. Gleichzeitig hätten wir ohne das Privileg einer freien Baulücke auf unserem Gelände nicht bauen können. Ein Grundstück in zentraler Lage bedeutet Verantwortung: Wir wollen sicherstellen, dass es langfristig dem Gemeinwohl dient.
Für uns ist Wohnen mehr als ein Dach über dem Kopf. Es geht um nachhaltige und soziale Stadtentwicklung: kurze Wege, ressourcenschonende Mobilität und eine Infrastruktur, die zu den Bewohner*innen passt. Mit unseren Angeboten wie der ambulanten Pflege, Senioren-Wohngemeinschaften, ärztliche Versorgung, Familienzentrum, Kita, Park sowie kulturellen und geistlichen Angeboten schaffen wir ein Umfeld, das den Alltag erleichtert und eine offene Gemeinschaft fördert.
Natürlich bringt ein Bauprojekt Herausforderungen mit sich. Genehmigungen brauchen Zeit, Kosten müssen im Blick bleiben und nicht alles verläuft nach Plan. Besonders bei der Sanierung des Jugendstilhauses sind Abstimmungen und Entscheidungen mit der Denkmalschutzbehörde manchmal langwierig. Geduld und eine solide wirtschaftliche Grundlage sind entscheidend.
Ein Baustein unseres langfristigen Ansatzes sind die 16 Stifterwohnungen im Neubau. Durch eine Zustiftung erhalten Menschen ein lebenslanges Wohnrecht, während unser Grundstockvermögen gestärkt wird. Die Wohnungen bleiben in unserem Eigentum und werden später neu vergeben.
Unsere Erfahrung zeigt: Bauen kann für Stiftungen ein sinnvoller Weg sein, wenn es zum Stiftungszweck passt. Es erfordert Mut und eine realistische Planung. Wer über ein Grundstück verfügt und sozialen Wohnraum schafft, profitiert von guten Finanzierungsbedingungen, ganz unabhängig ob Stiftung oder Privatperson. So entstehen Orte, die über Jahre hinweg tragen und einen konkreten Beitrag zur Lösung drängender sozialer Fragen leisten.
Text: Elisabeth Katharina Liebing (Leitung Öffentlichkeitsarbeit)
Mehr Informationen: Paul Gerhardt Stift zu Berlin
© Tobias Dombrwoski
Bauen für Bedürftige: Cultopia-Stiftung
Ein Zuhause kann über ein Leben entscheiden. Wer auf der Straße steht, steht oft mit nichts da: ohne Wohnung, ohne Sicherheit, ohne Perspektive. Es geht um Jugendliche, die sich durch den Alltag kämpfen, um Frauen ohne Schutzraum und Menschen, die nach einem Klinikaufenthalt buchstäblich ins Nichts entlassen werden. Diese Realität wollten wir nicht einfach hinnehmen.
Wir wollen bewusst Wohnraum für sozial Bedürftige bereitstellen. Nicht kapitalrenditeorientiert, sondern sozialrenditeorientiert. Unser Satzungszweck lautet: Wohnungslosen und Obdachlosen preiswerten Wohnraum zur Verfügung zu stellen.
Jahrelang suchten wir in Köln nach bezahlbaren Bestandsimmobilien, um sie für sieben bis neun Euro pro Quadratmeter an besonders bedürftige Menschen zu vermieten. Unsere Idee: einfach, voll möbliert, bezahlbar. Doch der Immobilienmarkt gab lange nichts her.
Unsere erste Immobilie, ein Zweifamilienhaus mit 170 Quadratmetern, kauften wir 2022 für 800.000 Euro. Noch im selben Jahr folgten drei weitere Bestandskäufe für insgesamt 1,6 Millionen Euro. Dort leben 35 bedürftige, junge Menschen und werden professionell durch unsere Partner betreut. Hier erhalten sie endlich eine Perspektive.
Mit den alten Bestandshäusern, die teilweise älter als 50 oder 100 Jahre sind, gab es keine wesentlichen Probleme. Dank guter Architekt*innen konnten wir Reparaturen und Sanierungen gut bewältigen.
Parallel dazu verfolgen wir seit elf Jahren ein besonders wichtiges Projekt: den Neubau eines Hauses für die vulnerabelsten Gruppen unserer Stadt. Geplant sind 16 Wohnungen für Frauen, die dringend Schutz brauchen, eine betreute WG für acht Jugendliche sowie sechs Plätze für obdachlose Menschen ohne Krankenversicherung, die nach einem Klinikaufenthalt einen sicheren Ort zur Genesung benötigen.
Doch dieses wichtige Projekt steht jetzt auf der Kippe und das, obwohl ein erfahrener Architekt und ein ehemaliger Wohnungsamtsleiter uns als Berater beim Weg durch den Bürokratie-Dschungel halfen. Jetzt kam vor dem Kauf eines städtischen Grundstücks die Hiobsbotschaft: Der Ankermieter sprang durch einen Haushaltsstopp der Stadt Köln wenige Wochen vor dem Start ab. Nun sind wir auf der Suche nach einem anderen Mieter als sozialen Träger, der einspringt. Aufgeben ist für uns keine Option. Wir suchen jetzt dringend nach Partnern, Trägern und Unterstützer*innen, die uns helfen, den Plan umzusetzen und den Menschen eine Zukunft zu bieten.
Text: Dirk Kästel (Vorstandsvorsitzender)
Mehr Informationen: www.kunst-hilft-geben.de
Bauen für die Wissenschaft: Klaus Tschira Stiftung
Seit mehr als 30 Jahren fördert die Klaus Tschira Stiftung Forschung, Bildung und Wissenschaftskommunikation in Naturwissenschaften, Mathematik und Informatik. Dazu gehört auch das Bauen, denn Räume prägen Forschung.
Die Stiftung hat wiederholt Gebäude errichtet, deren Form den Inhalt spiegelt. Das Haus der Astronomie auf dem Heidelberger Königstuhl etwa erinnert an eine Spiralgalaxie. Die ESO Supernova in Garching bei München führt Besucher in die Weiten des Alls. Beide Orte sind Bildungsstätten: Sie machen Astronomie anschaulich und bieten Lehrkräften Fortbildung.
Auch in Heidelberg stehen markante Bauten der Stiftung. Das Advanced Training Center des Europäischen Laboratoriums für Molekularbiologie (EMBL) ist einer Doppelhelix nachempfunden – ein architektonischer Verweis auf die DNA. Das Mathematikon zeigt, was es beherbergt: Mathematik und Informatik und zugleich die Mathematik der Architektur selbst.
© Klaus Tschira Stiftung
Warum betreiben wir diesen Aufwand? Stifter Klaus Tschira, Mitgründer von SAP, war überzeugt: Gute Forschung braucht mehr als Labore und Rechner. Sie braucht gute Räume für Austausch, für Begegnung, für neue Ideen. Architektur sollte sichtbar machen, was innen geschieht: klar, verständlich, von dauerhafter Qualität.
Dieser Anspruch gilt bis heute. Aktuell begleitet die Stiftung zwei Projekte: das AudiMAX, ein Hörsaal- und Lernzentrum der Universität Heidelberg, und das Forum Deutsche Sprache in Mannheim, ein Mitmachmuseum sowie Forschungs- und Begegnungsort rund um Sprache. Beide sollen Wissen vermitteln und Neugier wecken.
Bauen ist jedoch riskant. Wer Bauherr ist, trägt Verantwortung, besonders bei festen Budgets und steigenden Kosten. Eine Alternative ist die Förderung über feste Zuschüsse. Das senkt das finanzielle Risiko und schafft Planungssicherheit. Doch es hat seinen Preis: Projekte mit der öffentlichen Hand dauern länger, sind komplexer und oft teurer.
Trotzdem unterstützt die Stiftung derzeit mehrere Vorhaben auf diesem Weg. Ob sie künftig wieder selbst große Bauprojekte realisiert, ist offen. Im Rahmen der strategischen Ausrichtung der Stiftung, die derzeit weiterentwickelt wird, wird auch die Rolle des Bauens geprüft.
Denkbar wäre in Zukunft eine Bauherrengemeinschaft mehrerer Stiftungen. Sie verteilen Risiken, bündeln Mittel und bewahren zugleich Gestaltungsfreiheit. So könnten weiterhin Orte entstehen, die Wissenschaft nicht nur beherbergen, sondern fördern.
Denn eines bleibt: Gute Ideen brauchen gute Räume.
Text: Lilian Knobel (Geschäftsführerin Bildung und Wissenschaftskommunikation)
Weitere Informationen:
https://www.haus-der-astronomie.de/de/ueber-das-hda
https://supernova.eso.org/germany/
https://www.embl.org/sites/heidelberg/
https://www.uni-heidelberg.de/de/universitaet/projekt-lernorte/audimax
© Architekturbüro Henn