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„Bei manchen sind enge Freundschaften entstanden“

Im Jahr 2016 wurde das Patenschaftsprogramm „Menschen stärken Menschen“ für die Begleitung von Geflüchteten ins Leben gerufen. Die Bürgerstiftung Barnim Uckermark war von Anfang an dabei. Zeit für eine Zwischenbilanz mit ihren Mitarbeiterinnen Katja Schmidt und Katja Neels.

3 Minuten 19.09.2022
Patenschaft I: Bei Mozamel und Ruth besteht keine offizielle und damit geförderte Patenschaft mehr, da sie sich schon vor fünf Jahren kennengelernt haben. Ihre Beziehung ist aber so eng, dass sie trotzdem weiterhin Kontakt halten. Ruth bezeichnet Mozamel sogar als ihren "kleinen Bruder".
© Lena Guntenhöner

Stiftungswelt: Frau Schmidt, Frau Neels, wie viele Patenschaften hat die Bürgerstiftung Barnim Uckermark seit Gründung des Programms vor sieben Jahren begleitet? 

Schmidt: Seit 2016 haben wir in Barnim und in der Uckermark 200 pro Jahr vermittelt. Alles in allem sind es bis heute etwa 1.350 Patenschaften.   

Chancenpatenschaften können ganz unterschiedlich ausgestaltet sein. Sind das bei Ihnen 1:1-Beziehungen oder auch größere Gruppen?   

Schmidt: Hauptsächlich sind das 1:1-Beziehungen. Es gibt zwar Mentorinnen und Mentoren, die mehrere Mentees haben, aber die treffen sich unabhängig voneinander. 

Was machen die Tandems, wenn sie sich treffen?

Neels: Bei den meisten geht es um Unterstützung im Alltag, dicht gefolgt von Deutschlernen, Hausaufgabenhilfe und Übersetzungstätigkeiten. Oft entsteht aus einer Übersetzungshilfe überhaupt erst eine Patenschaft. Was wir weniger haben, sind Tandems, die voneinander lernen. Also: Du machst mit mir Deutsch, ich mache mit dir Arabisch oder Russisch. Das ist eher die Ausnahme. Oft ist es das klassische Mentor-Mentee-System, woraus ein Helfergefälle entstehen kann, das manchmal auch nicht so toll ist. Bei manchen sind aber auch enge Freundschaften entstanden, die wir nach drei Jahren nicht mehr im Programm angeben können und die sich auch selbst oft nicht mehr als Patenschaften bezeichnen.

Welches waren die größten Herausforderungen, auf die Sie in der Patenschaftsarbeit gestoßen sind?

Neels: Vielleicht die Unterschiedlichkeit des Begleitbedarfs, also des Arbeitsaufwands für uns. Die Tandems sind ja nicht alle gleich. Manches flutscht und manches weniger. Man weiß vorher nicht, ob es viel Aufwand wird oder weniger. Da sind 200 Euro pro Tandem [die Förderung des Bundes, Anm. der Red.] natürlich nicht viel. Es geht immer um die Frage: Wie viel können wir leisten, um die Tandems gut zu begleiten?   

Was ist für Sie die größte Stärke des Programms?   

Neels: Was ich an dem Programm tatsächlich genial finde, ist, dass die Menschen im Vordergrund stehen. Wir können mit dem Geld, das wir bekommen, im Rahmen der rechtlichen Programmbedingungen eigentlich alles machen. Es muss natürlich zum Patenschaftsthema passen, aber ansonsten sind wir sehr frei.  

Wie setzt sich die Gruppe der Patinnen und Paten zusammen?  

Neels: Wir haben Patinnen und Paten, die ehemals selbst Mentees waren. In diesem Jahr haben wir eine ganz neue Klientel dazubekommen: Großstädter, die auf dem Land ihr Wochenendhaus haben. Ansonsten ist das eine wilde Mischung: Männer, Frauen, Berufstätige, Rentner – alle ab 30 Jahre aufwärts. Jetzt haben wir auch vermehrt Kontakt zu ukrainischen und polnischen Leuten, die hier sowieso schon leben.

Schmidt: Bei uns kommen noch die Studierenden hinzu durch die Hochschule [Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde, Anm. d. Red.]. Die machen schon einen relativ großen Anteil aus. 

Patenschaft II: Dorothea und Sajjad treffen sich einmal die Woche im Sprachcafé der Bürgerstiftung Barnim Uckermark. Für Sajjad ist das die einzige Möglichkeit, Deutsch zu lernen, da dem gelernten Rechtsanwalt aufgrund einer befristeten Aufenthaltsgenehmigung bisher kein Sprachkurs zusteht.
© Lena Guntenhöner

Das Programm war 2016 für die Begleitung von Geflüchteten aufgelegt worden. Inzwischen gibt es durch den Krieg in der Ukraine die zweite große Flüchtlingsbewegung. Gibt es auch schon Patenschaften mit ukrainischen Geflüchteten? 

Neels: Auf jeden Fall. Wir haben ja allein schon über 40 Gastgebende, die Ukrainerinnen und Ukrainer bei sich aufgenommen haben. Nicht alle können und konnten ihre Gäste begleiten, dafür suchen und vermitteln wir dann gezielt Patenschaften. Wir haben eine Gruppe von Ehrenamtlichen, mit denen wir das gemeinsam koordinieren und begleiten. Daraus sind in diesem Jahr bereits über 80 Patenschaften entstanden.

Schmidt: Bei uns gibt es einige ukrainische Menschen, die schon lange hier wohnen und die auch sehr gut organisiert sind. Ein Teil davon hat sich relativ schnell an uns gewendet und hilft jetzt zusammen mit anderen Freiwilligen im Nachhilfeprojekt beim Deutschlernen. Da entstehen sicherlich eine ganze Menge Patenschaften, es sind schon 40 Kinder dort. 

Zwar steht das Chancenpatenschaftsprogramm im Koalitionsvertrag und trotzdem musste in den vergangenen Jahren oft gebangt werden um die genaue Fördersumme. Wie ist das für Sie? 

Neels: Wir haben uns immer auf diese Gelder verlassen. Die ganzen Jahre über ist das Patenschaftsprogramm ein Garant dafür, dass wir diese Integrationsarbeit hier machen können und als Akteur ernstgenommen werden. Es ist insgesamt sehr schwer, stabile Projektförderungen zu bekommen, um dann auch zuverlässig und nachhaltig arbeiten zu können.   

Gibt es etwas, das Sie sich für die Zukunft wünschen?

Schmidt: Vielleicht eine Förderung im dritten Jahr. Der Anteil der weitergeführten Patenschaften ist bei uns nicht so hoch, im letzten Jahr waren es etwa ein Viertel aller Patenschaften. 

Über die Interviewpartner:
Katja Schmidt
© Ulrich Wessollek

Katja Schmidt, Leiterin Freiwilligenagentur Eberswalde und Mitarbeiterin der Bürgerstiftung Barnim Uckermark.

Katja Neels
© Alexandra Martinot

Katja Neels, Leiterin Freiwilligenagentur Prenzlau+Umland und Mitarbeiterin der Bürgerstiftung Barnim Uckermark, Projektkoordinatorin Uckermark 

Über das Programm „Menschen stärken Menschen – Chancenpatenschaften“:

Der Bundesverband Deutscher Stiftungen unterstützt als Träger des Bundesprogramms „Menschen stärken Menschen – Chancenpatenschaften" seine Mitgliedsorganisationen bei der Konzeption und Umsetzung ihrer Mentoring- und Patenschaftsprojekte. Derzeit werden 26 Stiftungen und Vereine administrativ und inhaltlich betreut und erhalten 200 Euro pro Patenschaft pro Jahr. Seit Beginn des Programms hat der Bundesverband Deutscher Stiftungen mehr als 15.000 Patenschaften initiiert.  

Das Bundesprogramm „Menschen stärken Menschen” wurde 2016 vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) für die Begleitung von Geflüchteten ins Leben gerufen. Zwei Jahre später wurde es mit den „Chancenpatenschaften“ für weitere Menschen in benachteiligenden Lebenssituationen geöffnet. Durch regelmäßige Treffen und eine individuell angepasste Unterstützung gelten Patenschaften als besonders wirkungsvolles Instrument zur Erhöhung der Teilhabechancen. 

Mehr Informationen: www.stiftungen.org/chancenpatenschaften