Drei Fragen an ... die Carl-Zeiss-Stiftung

Die Carl-Zeiss-Stiftung zählt zu den wichtigsten privaten Förderstiftungen für Forschung und Innovation in Deutschland. Dabei legt sie auch einen Fokus auf Künstliche Intelligenz. Im Kurzinterview spricht Programm-Manager Lukas Findeisen darüber, wie KI die Wissenschaft verändert und wie die Stiftung selbst KI im Arbeitsalltag nutzt.

Preisverleihung des Bundeswettbewerbs Künstliche Intelligenz 2024.
© Fotostudio Ale Zea

Die Carl-Zeiss-Stiftung fördert die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit KI als Gegenstand und Treiber der Forschung und wichtigste Zukunftstechnologie. Inwiefern verändert KI schon heute die Wissenschaft und inwieweit betrifft Sie das als Förderstiftung?

Bei unseren Gesprächen mit wissenschaftlichen Institutionen sehen wir neuerdings eine begrüßenswerte Ausdifferenzierung des Begriffes. Es wird häufiger das konkrete KI-Modell genannt, ebenso dessen Funktionen und Limitationen. Dies macht zum Beispiel die Beratung zu Projekten wesentlich konstruktiver, da die Einordnung zwischen Anwendung und Grundlagenforschung einfacher wird. KI-Kompetenz kommt immer mehr in der Breite an. Uns betrifft es direkt, da wir intern unser Wissen stets aktuell halten müssen und unsere Themen anpassen – zum Beispiel durch unser Scientific Advisory Board mit führenden KI-Wissenschaftler*innen. 
Außerdem nehmen wir eine Erhöhung der Taktung in der Wissenschaft und darüber hinaus wahr. Viele Schritte, die teils mehrere Tage oder Wochen dauerten, können jetzt in Minuten oder Stunden geschafft werden. Etwas das heute „neu“ war, kann eine Woche später schon state of the art und nach einem Monat in der alltäglichen Anwendung sein. Die inhaltlichen Sprünge sind unglaublich. Dies erzeugt enormen Druck und sorgt auch für Ängste – was, wenn eine andere Person (oder KI) meine Ergebnisse vor mir veröffentlicht?  
Letztlich verändern all diese Trends zusammen die Wissenschaft grundsätzlich: Sowohl bei den KI-Forschenden als auch in anderen Fachbereichen, die KI für ihre Arbeit nutzen. Zentrale Aspekte des Wissenschaftssystems werden in Frage gestellt, da „geschriebene Sprache“ (in Form von Publikationen) als zentrale Währung des Systems zum Austausch nicht mehr eindeutig ist. Rein hypothetisch: Ein KI-Modell ist in der Lage, Hypothesen zu bilden, diese zu überprüfen, Versuche durchzuführen, die Ergebnisse aufzubereiten und zu publizieren. Die Verlage nutzen ein weiteres KI-Modell zur Begutachtung und publizieren das generierte Werk, da es nachweislich neue Erkenntnisse enthält. Da stellt sich schon die Frage: Bei welchen Aufgaben in diesem Prozess braucht es einen Menschen, bei welchem eine KI? Und wie kann eine Karriere in der Wissenschaft gebaut werden, wenn die geschriebene Sprache als wichtigste Säule wegfällt?

Antragsprozesse nehmen sicherlich einen wichtigen Stellenwert bei Ihnen ein. Inwiefern nutzen Sie selbst Künstliche Intelligenz im Förderverfahren?

Zurzeit nutzen wir verschiedene Werkzeuge an verschiedenen Stellen der Stiftungsarbeit, vor allem, um die Qualität unserer Arbeit noch weiter zu verbessern. Vier Beispiele:

  1. Um Themen für Ausschreibungen zu identifizieren, nutzen wir Recherche-Werkzeuge zur Einordnung von Forschungsclustern. Als stark fokussierte Stiftung, die nur MINT-Forschung in drei Bundesländern fördert, ist es enorm wichtig, dass wir mit unseren Angeboten die richtigen Nischen finden. So stellen wir einen passenden Mehrwert für das Forschungssystem sicher. Durch KI können wir schnell einen Überblick über die Angebote aller anderen relevanten Förderer erhalten und mit unseren Ausschreibungsideen abgleichen. Diese Tätigkeit hat früher Wochen in Anspruch genommen. 
  2. Bei der Suche nach Gutachter*innen verwenden wir prädiktive KI-Werkzeuge, die extra für diese Anwendung gebaut worden sind. Wenn ich zu einem bestimmten Antrag Gutachten benötige, kann ich den Antrag dort in einem geschützten Bereich hochladen, und die KI destilliert die wesentlichen inhaltlichen Konzepte aus dem Antrag. Das Gleiche hat sie bereits mit Millionen von Publikationen getan – und erstellt nun auf Grundlage der Konzepte in dem Antrag ein Ranking möglicher passender Gutachter*innen. Dies ist nicht nur schneller als die klassische Suche, sondern führt auch zu Personen, auf die wir sonst nicht so einfach gekommen wären im internationalen Kontext. 
  3. Wir nutzen klassische generative Sprachmodelle, um gut verständliche Texte für die Öffentlichkeitsarbeit zu erstellen. Die „Übersetzung“ von komplexen Forschungserkenntnissen aus einer wissenschaftlichen Fachsprache in einen auch für Laien verständlichen Text ist anspruchsvoll. Die neuesten KI-Modelle können das inzwischen besser als Menschen.
  4. Schließlich sehen wir großes Potenzial, KI-Modelle im Begutachtungsprozess einzusetzen. Zurzeit testen wir, ob wir künftig alle schriftlichen Fachgutachten und Bewertungen durch KI-Modelle erstellen lassen. Die ersten Testergebnisse sind sehr vielversprechend: Die modernsten KI-Modelle kommen bei den besten und den schlechtesten Anträgen zu den gleichen Ergebnissen wie menschliche Fachgutachter. Dies schließt auch die inhaltliche Argumentation für eine Bewertung mit ein. Für uns würde der Begutachtungsprozess dadurch kostengünstiger und schneller – bei gleichbleibender Qualität. Und wenn das Schule macht, würde das nicht nur uns helfen, sondern auch das gesamte, völlig überlastete wissenschaftliche Begutachtungssystem massiv entlasten. Außerdem würde es den Förderprozess beschleunigen. Zwei Punkte sind dabei aber wichtig: Erstens: Wir nutzen ausschließlich lokale KI-Modelle, bei denen keine Daten an Dritte oder zum Training weitergegeben werden. Zweitens: Wer in die Endauswahl kommt, muss seine Idee persönlich vor einer Jury präsentieren. Die Förderentscheidungen werden immer von einem Menschen getroffen. 

Wie gehen Sie mit KI-generierten Förderanträgen um? 

Sollten wir einen Antrag als künstlich erstellt erkennen – was technisch schwer bis nahezu unmöglich ist –, würden wir ihn wahrscheinlich genauso behandeln wie einen nicht mit KI generierten Antrag. Die Nutzung von KI-Modellen für die Erstellung von Anträgen ist bei uns nicht per se verboten. Ein KI-generierter Antrag ist nicht automatisch ein guter Antrag. Dieser zeichnet sich nicht nur durch korrekte Syntax und eine schöne Sprache aus. Es braucht Kreativität. Ein Forschungsbedarf muss erkannt worden sein, das Konsortium muss mit den richtigen Kompetenzen besetzt sein, die Verpflichtung von Partnern geklärt und eine Geschichte um das Projekt gesponnen werden. All dies sind Dinge, die nur bedingt, wenn überhaupt, durch Sprachmodelle besser werden. Ob und wo diese das richtige Hilfsmittel auf dem Weg zum Erfolg sind, müssen die Antragstellenden entscheiden. Was uns hilft: In allen unseren Auswahlsitzungen müssen die Antragstellenden die Idee persönlich online vortragen und verteidigen gegenüber einer Fachjury. Wenn die textliche Darstellung durch KI beliebiger wird, dann tritt als Entscheidungsgrundlage das Menschliche mehr in den Vordergrund.


Über die Stiftung

Die Carl-Zeiss-Stiftung fördert Wissenschaft und Lehre in den MINT-Disziplinen
Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik. Als Partnerin exzellenter
Wissenschaft ermöglicht sie Freiräume für Grundlagen- und anwendungsorientierte
Forschung. Die Stiftung wurde 1889 von Ernst Abbe in Jena gegründet und ist heute eine
der ältesten und größten privaten wissenschaftsfördernden Stiftungen in Deutschland. Sie
ist alleinige Eigentümerin der Carl Zeiss AG und der SCHOTT AG. Ihre Fördertätigkeit wird
aus den Dividendenausschüttungen der beiden Stiftungsunternehmen finanziert.


Das Thema Künstliche Intelligenz beim Deutschen Stiftungstag 2026 in Hamburg

Zwischen Algorithmus und Autonomie: Was bedeutet KI für Förderentscheidungen?

Carl-Zeiss-Stiftung  | Stiftungswissen Kompakt x DST26

Termin: Mittwoch, 20.05.2026 | 15:00-16:30 Uhr

Ort: Raum Y 01-02 | CCH

Künstliche Intelligenz verändert, wie Förderanträge entstehen – und wie wir Entscheidungen treffen. Wenn Projektanträge zunehmend von Algorithmen optimiert werden, stellt sich die Frage: Wie erkennen wir noch Qualität, Glaubwürdigkeit und echte Innovationskraft? Und wo bleibt der menschliche Faktor, der Stiftungen ermöglicht, aus Freiheit zu handeln? Im Workshop diskutieren wir, welche Chancen, Risiken und Spannungsfelder KI für Förderentscheidungen mit sich bringt – Effizienzgewinn, Chancengerechtigkeit oder Beliebigkeit? Gemeinsam entwickeln wir Strategien, wie Stiftungen Kompetenzen, Prozesse und Haltungen anpassen können, um auch im KI-Zeitalter reflektiert und frei zu entscheiden.

Referierende

  • Dr. Felix Streiter, Geschäftsführer, Carl-Zeiss-Stiftung | Leitung AK Wissenschaft und Forschung
  • Stefan Schöbi, Geschäftsführer, Spheriq
  • Francesca Giardina, Themenverantwortung Digitalisierung und Gesellschaft, Stiftung Mercator Schweiz
  • Linda Rau, Lead Strategische Partnerschaften und Fundraising, JOBLINGE

Moderation: Karsten Timmer, Geschäftsführer, wohl&tätig

Innovation Track: Innovativ denken, digital handeln - KI in der Stiftungspraxis

iRights.Lab

Termin: Dienstag, 19.05.2026 | 13:30-17:30 Uhr

Ort: Helmut Schmidt Auditorium der Bucerius Law School, Jungiusstraße 6, 20355 Hamburg

Künstliche Intelligenz verändert unsere Welt grundlegend: Sie strukturiert Informationsflüsse, beeinflusst Entscheidungen und stellt zentrale Werte wie Demokratie, Gerechtigkeit und Teilhabe vor neue Herausforderungen. Stiftungen sind als Akteurinnen des gesellschaftlichen Fortschritts dabei besonders gefragt. Doch welche Rolle können und wollen sie in der digitalen Transformation übernehmen? Und wie gelingt es, die Potenziale zu nutzen, ohne die Risiken auszublenden? Das Pre-Event zum Deutschen Stiftungstag bietet Raum für Austausch, Orientierung und strategische Reflexion: Mit Impulsen und in Workshops wollen wir gemeinsam ausloten, wie Stiftungen ihre Arbeit KI-kompetent, verantwortungsbewusst und innovativ gestalten können. 

Bitte beachten: Der Innovation Track erfordert ein separates Ticket, das nur in Kombination mit einem DST-Ticket erworben werden kann. Es gibt 150 Plätze. (https://www.stiftungstag.org/tickets)

Agenda: Innovation Track | Deutscher Stiftungstag

Über den Gesprächspartner

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