• Zum 80. Jahrestag des Kriegsendes – Margot Friedländers Mission „Seid Menschen!“

„Das Tor steht offen, zum ersten Mal steht es offen.“

Im Alter von 102 Jahren entschließt sich die Holocaust-Überlebende Margot Friedländer zur Stiftungsgründung. Ihr Lebenswerk fortzusetzen, ist eine Ewigkeitsaufgabe. Wo stehen wir 80 Jahre nach Kriegsende, kurz vor dem Ende der Zeitzeugenschaft? Wie kann es weitergehen? 

Margot Friedländer, 1921 in Berlin geboren und Überlebende des Holocausts, wird in diesen Wochen fast täglich nach Ihren Erinnerungen an das Ende des Zweiten Weltkrieges befragt. Sie ist eine der wenigen noch lebenden Zeitzeuginnen und Zeitzeugen. In ihrer Biografie Versuche, dein Leben zu machen erinnert sie sich: 

„Am 5. Mai 1945 verließ der Kommandant Karl Rahm das Lager. Aufgescheucht laufen die SS-Männer im ganzen Ghetto herum. Sie luden ihre Habe auf Lastwagen, die sie vorher mit großen Aufbauten versehen hatten. Ihre Habe – das war auch all das, was sie uns gestohlen haben. Ein SS-Mann stand am Fahnenmast vor dem Tor und zog die Hakenkreuzfahne ein. Er faltete sie zusammen und klemmte sie sich unter den Arm. 

Dann fuhr ein Auto in Theresienstadt ein. Ich sah es kommen, durch das Fenster der Kaserne, in der ich wohnte. Die Kaserne lag direkt an der Hauptstraße, die nach Prag führte. Ich traute mich kaum hinauszusehen, denn bisher war es streng verboten gewesen, nach dieser Seite aus dem Fenster zu schauen. Ein offener Jeep mit einer großen Rotkreuzflagge über der Kühlerhaube. Wenig später weht diese Fahne über Theresienstadt. Wir trauen dem Frieden nicht. Es herrscht eine seltsame Stimmung. Niemand freut sich, niemand jubelt, niemand ändert seinen Tagesablauf auch nur ein bisschen. Wir verrichten unsere Arbeit wie an jedem anderen Tag. Die SS ist verschwunden. Sind wir nun befreit? Wie fühlt es sich an, befreit zu sein? Wir haben zu lange auf diesen Moment gewartet. Jetzt ist er da, und wir können, wir wollen es nicht glauben.“ 

Mit der Befreiung aus der Mordmaschinerie der Nationalsozialisten beginnt für Margot Friedländer der „innere Kampf mit dem Schuldgefühl als Überlebende und der Schmerz über das Schicksal meiner Familie“. Margot Friedländer ist die einzige Überlebende ihrer direkten Familie. Sie emigriert mit ihrem Mann Adolf, den sie noch im Ghetto Theresienstadt heiratet, in die USA und verarbeitet den Verlust ihrer Familie, ihre Monate im Untergrund und im Lager schweigend. 52 Jahre lang.  

„Es hat lange, lange gedauert bis wir Menschen geworden sind.“  

Erst nach dem Tod ihres Mannes schreibt sie ihre Geschichte nieder und kehrt 2003 erstmals nach Berlin zurück, um ihre Erinnerungen öffentlich zu teilen. Aus dem inneren Kampf wird eine Mission, die sie bis heute dazu antreibt, unermüdlich vor allem junge Menschen zu ermahnen: „Seid Menschen! Respektiert einander!“ 

Dass 80 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges in Europa wieder Krieg herrscht, dass die Rechtsextremen in Europa und auch in Deutschland wieder erfolgreich Stimmen gewinnen und der Antisemitismus von rechts wie von links nicht nur im Netz, sondern auch auf den Straßen Deutschlands erschreckende Ausmaße angenommen hat, enttäuscht Margot Friedländer. Aufgeben ist jedoch keine Option für sie. Im Gegenteil.  

Im Alter von 102 Jahren beschließt sie über Nacht, eine Stiftung zu gründen, die ihr Lebenswerk fortsetzen soll, beispielsweise ihre Arbeit an Schulen. Seitdem sie als 88-Jährige aus New York nach Berlin übersiedelte, besucht Sie pausenlos weiterführende Schulen. Sie liest den Schülerinnen und Schülern aus ihrer Biografie vor und stellt sich ihren Fragen. Wenn sie die Ankunft des Zugtransports aus Auschwitz mit Hunderten von Toten und Sterbenden beschreibt, der im April 1945 im Ghetto Theresienstadt ankommt, kann man in den Klassenzimmern eine Stecknadel fallen hören. Es ist der Tag, an dem sie erfährt, was der „Osten“ ist und an dem ihre Hoffnung stirbt, ihre Mutter und ihren Bruder lebend wiederzusehen. 

Jede Lesung beendet Margot Friedländer mit dem Satz: „Ich bin zurückgekommen, um mit euch zu sprechen. Euch die Hand zu reichen und euch zu bitten, dass ihr die Zeitzeugen sein werdet, die wir nicht mehr lange sein können. Es ist für euch.“  

Margot Friedländer
Margot Friedländer
© Marco Urban

Genau diese Mission legt Margot Friedländer auch in der Satzung ihrer Stiftung fest. Sie soll die Zeugenarbeit in einer Zukunft ohne Zeitzeuginnen und Zeitzeugen weiterführen, die Auseinandersetzung mit dem Holocaust und dem Gedenken an die im Nationalsozialismus verfolgten und ermordeten Menschen – nicht nur der Jüdinnen und Juden – fördern, den Einsatz für Freiheit und Demokratie stärken und das Engagement gegen Antisemitismus, Rassismus und Ausgrenzung unterstützen.  

Es liegt auf der Hand, dass für diese „Ewigkeitsaufgaben“ nur die Stiftungsform in Frage kommt, zumal vor dem Hintergrund, dass heute in Europa und den USA Freiheit und Demokratie nicht mehr selbstverständlich und die Erinnerungen an Terror und Krieg verblasst sind. Die ungeheuerliche Dimension der NS-Verbrechen gegen die Menschlichkeit wird häufig nur noch in Form von abstrakten Zahlen und betroffen ausgesprochenen Floskeln wahrgenommen. 

Margot Friedländer dagegen berührt Menschen. Mit ihrer persönlichen Lebensgeschichte können sich Menschen verbinden, denn sie ist auch eine Geschichte der universellen Gefühle von Angst, Demütigung, Ausgrenzung und Verlassensein, aber auch der Nächstenliebe, des Muts und der ungeheuren Lebenskraft. Wenn Margot Friedländer zu Respekt und Menschlichkeit aufruft, ist sie glaubwürdig und authentisch. Das spüren die Menschen in der Begegnung mit ihr und werden selbst aktiv. 

Für diese Engagierten vergibt die Margot Friedländer Stiftung einmal jährlich den mit 25.000 EUR dotierten Margot Friedländer Preis. Er zeichnet Menschen aus, die sich mit Aktionen und Initiativen für Toleranz, Menschlichkeit, Freiheit und Demokratie einsetzen und zur Aufklärung über den Holocaust und Antisemitismus beitragen – zum Beispiel in Schulen, an Hochschulen, in Elterninitiativen, Vereinen, Betrieben oder Bürgerinitiativen. Im Geiste ihrer Stifterin möchte die Margot Friedländer Stiftung Vorbilder aufzeigen, die wiederum ihrerseits andere ermutigen, mitzuwirken. Demokratie lebt vom Mitmachen jedes Einzelnen. 

Die Fortsetzung der Zeugenarbeit in einer Zukunft ohne Zeitzeugen und Zeitzeuginnen ist das Herzstück in der Entwicklung neuer Förderprogramme der operativ arbeitenden Margot Friedländer Stiftung. Die Stiftung hat sich das ambitionierte Ziel gesetzt, an jeder weiterführenden Schule in Deutschland eine sogenannte Zweitzeugin oder einen Zweitzeugen auszubilden, die oder der die Lebensgeschichte Margot Friedländers auch in Zukunft weitertragen kann.  

Mit Hilfe von Künstlicher Intelligenz entwickelt darüber hinaus ein Team im Auftrag der Stiftung und gefördert durch das Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes NRW einen „Avatar“ von Margot Friedländer. Dieser wird in der Lage sein, originalgetreue Antworten auf Fragen zukünftiger Generationen von Schülerinnen und Schülern zu geben. Diese Entwicklung braucht Zeit, denn es geht nicht darum, eine Wissensmaschine zu generieren, sondern einen echten Dialog zu ermöglichen, der ähnlich einer persönlichen Begegnung berührt und wachrüttelt.  

Die Förderprogramme der Margot Friedländer Stiftung befinden sich noch im Aufbau. Ihr Erfolg wird sich daran messen lassen müssen, ob es gelingt, die klaren und verbindenden Botschaften Margot Friedländers in alle Teile unserer Gesellschaft zu tragen:  

„Schaut nicht auf das, was euch trennt, sondern auf das, was euch verbindet. Respektiert einander. Seid vernünftig. Seid Menschen!“ 


 

Über die Stiftung

Die Margot Friedländer Stiftung fördert das Engagement für Menschlichkeit und Toleranz, für Freiheit und Demokratie sowie den Einsatz gegen Antisemitismus, Rassismus und Ausgrenzung. Im Mittelpunkt stehen neben der Verbreitung der Botschaften und Erinnerungen der Stifterin vor allem die Förderung junger Menschen und ihres Engagements im Sinne der Stifterin.

Mehr Informationen: Margot Friedländer Stiftung

Deutscher Stiftungstag 2025 in Wiesbaden

Heike Catherina Mertens, Geschäftsführerin der Margot Friedländer Stiftung, nimmt als Referentin an der Veranstaltung "Nie wieder ist jetzt – Wie eine gemeinschaftsstiftende Erinnerungskultur gelingen kann" im Rahmen des Deutschen Stiftungstags am 22. Mai 2025 in Wiesbaden teil: Programm | Deutscher Stiftungstag

 

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