Der stille Einsatz für die Demokratie: Stiftungsprojekte abseits der Schlagzeilen
Viele Menschen sorgen sich derzeit um den Zustand und die Zukunft unserer Demokratie. Stiftungen engagieren sich in vielfältiger Weise, um junge Menschen zu fördern, Dialog zu ermöglichen und soziales Vertrauen zu stärken. So wird Demokratie als eine Grundhaltung eingeübt, die mehr ist als die politische Organisation des Staates.
© Hertie-Stiftung / Die Arbeiter
Wer den politischen Zeitgeist beobachtet, kommt an einem ernsten Satz nicht vorbei. Er fällt in Podcasts und Talkshows, steht in Großbuchstaben auf Demo-Schildern und wird von engagierten Stimmen eindringlich auf öffentlichen Podien diskutiert. Selbst der Bundespräsident hat ihn kürzlich am Gedenktag 9. November ausgesprochen. Der Satz lautet: Die Demokratie ist in Gefahr.
Viele zivilgesellschaftliche Akteur*innen sehen sich daher in der Pflicht zu handeln. Die Ansätze sind vielfältig. Neben konkreten politischen Strategien wie dem Versuch der Nemetschek Stiftung, die Wahlbeteiligung zu erhöhen, gibt es zahlreiche Initiativen, die eher im Unscheinbaren ihren Beitrag leisten, ohne das Wort Demokratie überhaupt zu erwähnen. Laut einer Befragung des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen gibt mehr als die Hälfte (57 Prozent) der rechtsfähigen Stiftungen bürgerlichen Rechts an, operativ oder fördernd in der Demokratieförderung tätig zu sein. Doch noch nicht einmal fünf Prozent der Stiftungen widmet sich laut Satzung der Förderung des demokratischen Staatswesens oder des bürgerschaftlichen Engagements. Entsprechend erfolgt die Stärkung der Demokratie oft auf anderem Wege, über andere Satzungszwecke.
Zum Beispiel der Franziskustreff in Frankfurt am Main: Hier bekommen Wohnungslose und Bedürftige täglich Frühstück und ein freundliches Wort – menschliche Wärme, nicht nur an kalten Tagen. Wenn Bruder Paulus Terwitte über die Einrichtung im Kapuzinerkloster spricht, schlägt er eine etwas andere Tonlage an, als man vielleicht erwarten würde. Es geht im Franziskustreff nämlich nicht um Mildtätigkeit oder klassische Sozialarbeit. „Eines dürfen Sie bei uns nicht: unseren Gästen helfen wollen“, sagt er den Ehrenamtlichen in der Essensausgabe immer wieder.
Ein besonderes Menschenbild
© NOI CREW
Worum geht es stattdessen? Der Franziskustreff folgt einem besonderen Menschenbild. Die Gäste werden nicht als bedürftige Empfänger*innen gesehen, sondern als „Lebenskolleginnen und Lebenskollegen“. Alle Menschen verbindet die Erfahrung des Scheiterns – oder zumindest das Wissen darum, jederzeit scheitern zu können. In diesem Bewusstsein zu leben und trotzdem täglich aufzustehen, sich zu zeigen und gesellschaftlich einzubringen, sei gelebte Stärke, sowohl unter den Gästen des Franziskustreffs als auch aufseiten der dort Aktiven, betont Bruder Paulus. Letztlich jedes Engagement lebt vom einkalkulierten Wagnis. Wer nichts riskiert, wird nichts verändern.
Mit dieser Philosophie des mutigen Sich-voran-Tastens steht Bruder Paulus gar nicht so weit entfernt vom amerikanischen Denker John Dewey (1859-1952) und dessen umfassend angelegter Demokratietheorie. Für Dewey ist Demokratie eine Lebensform. Demokratisch sind ihm zufolge jene Gemeinschaften, die fortwährend anstreben, die bestehenden Verhältnisse für alle zu verbessern. Das Wachstum der Einzelnen und das der Gemeinschaft bedingen einander. Dementsprechend müssen alle gesellschaftlichen Praktiken und Institutionen danach beurteilt werden, ob sie – so Dewey – „unsere Erziehung verbessern, unsere Sitten verfeinern und unsere Politik weiterentwickeln“. Stiftungen können genau hier ansetzen, wenn sie die Demokratie stärken möchten.
Ideen von morgen
© Wiesbaden Stiftung
Die Wiesbaden Stiftung fokussiert sich mit ihrem Leonardo-Schul-Award vor allem auf den ersten Aspekt. Wobei der Begriff „Erziehung“ hierfür zu altbacken klingt. Es geht eigentlich um eine sehr zeitgemäße Form der Jugendförderung. „Wir wollen eure Ideen von morgen“ lautet der Appell, mit dem in diesem Jahr rund 1.500 Schülerinnen und Schüler dazu eingeladen wurden, Zukunftsinitiativen zu entwickeln und in zehn Kategorien einzureichen. Die Preisverleihung im Hessischen Staatstheater gestaltet die Wiesbaden Stiftung als glamouröse Gala, ähnlich einer Oscarnacht, um den Kindern und Jugendlichen Wertschätzung entgegenzubringen und ihnen ein besonderes Erlebnis zu bieten.
Bevor der rote Teppich ausgerollt wird, gilt es allerdings, Teilnehmende aus unterschiedlichen Schulformen für den Wettbewerb zu gewinnen. Geschäftsführerin Alrun Luise Schößler erinnert sich an die Bewerbung des Projekts an einer Wiesbadener Realschule, bei der sie zunächst in ziemlich skeptische Gesichter blickte. „Bei so einem Projekt gewinnen am Ende doch eh immer die vom Gymnasium“, fürchteten die Lehrkräfte. Realschüler*innen hätten mit ihren anderen Startbedingungen wenig Chancen. Die Bedenken ließen sich jedoch zerstreuen: Am Ende räumte tatsächlich ein elfjähriger Realschüler in einer der Hauptkategorien ab. Unter dem Motto „For a better planet“ präsentierte er ein pfiffiges Experiment mit biologisch abbaubaren Mülltüten und Regenwürmern.
Auch hier liegt der demokratierelevante Kern der Stiftungsarbeit unter der Oberfläche. Junge Menschen erhalten die Möglichkeit, ihre individuellen Talente einzusetzen, um die sie umgebende Gemeinschaft aktiv mitzugestalten. Zum einen identifizieren sie dabei konkrete gesellschaftliche Bedürfnisse wie die Müllreduzierung. Zum anderen lernen sie, dass Probleme nicht nur technisch zu lösen sind, sondern auch kommunikativ verhandelt werden müssen: durch Beschreibung, Dokumentation und Austausch ihrer Ideen. Demokratische Kultur besteht also nicht allein im Management von Veränderungsprozessen, sondern in einer Verständigungsarbeit. „Mein Engagement wirkt, meine Stimme zählt“ – eine subtile, aber prägende Erfahrung für Heranwachsende.
Für ein gutes Leben vor Ort
© Hertie-Stiftung / Die Arbeiter
John Dewey, der als Pädagoge die Bildung des Nachwuchses besonders unterstützte, hätte sicher auch das Programm „Jugend entscheidet“ gutgeheißen, das die Gemeinnützige Hertie-Stiftung betreibt. Es führt Jugendliche bundesweit an die Mechanismen der Kommunalpolitik heran – und sensibilisiert diese umgekehrt für die Lebenswelt der jungen Generation. Im Mittelpunkt stehen niedrigschwellige Begegnungen wie gemeinsames Grillen oder Eisessen, bei denen man über lokale Anliegen ins Gespräch kommt. Was macht ein gutes Leben bei uns in der Stadt aus? Was fehlt oder könnte besser laufen?
„Es geht um Freizeitgestaltung, um Partys für Vierzehnjährige, um Sommerkinos auf der Blühwiese neben dem Sportplatz“, berichtet Nora Boutaoui von der Hertie-Stiftung. „Die Jugendlichen bringen Themen ein, die sie selbst betreffen, aber auch die Allgemeinheit.“ Vorschläge wie eine bessere Beleuchtung von Schulwegen reagieren dabei auf Missstände, die überhaupt nur Jugendlichen im Alltag auffallen können. Oder die sich auf ihre Altersgruppe am stärksten auswirken: Die Stadt Annweiler am Trifels hat auf ihre Anregung hin einen „Lebensautomaten“ im Ort aufgestellt, aus dem man sich Periodenprodukte und Kondome ziehen kann – wichtig für alle, die ohne Auto sonst nur schwer Zugang dazu hätten.
„Das Vertrauen in die Demokratie hängt davon ab, wie wir sie vor Ort erleben“, sagt Boutaoui. In dieses Vertrauen lasse sich gar nicht früh genug investieren. Im besten Fall entsteht über die unterschiedlichen Ansätze der Stiftungen bei vielen Menschen ein positives „democrazy“-Gefühl – regelrechte Begeisterung für das progressive soziale Handeln. Die Nemetschek Stiftung, die das Wort einst für ihr Jubiläum erfand, hat es inzwischen als eine Art Motto etabliert. Ein bisschen Spaß bei der guten Sache kann nämlich auch nicht schaden.
Weiterführende Informationen
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Beim Deutschen Stiftungstag 2025 in Wiesbaden haben sich einige Projekte mit Vorträgen im Pecha Kucha-Format vorgestellt. Alle Beiträge sowie die Keynote von Düzen Tekkal finden Sie auf unserem YouTube-Kanal: www.youtube.com/@deutschestiftungen