„Dieser Krieg hat alles verändert“

Irina Scherbakowa ist Mitbegründerin der russischen NRO Memorial International, die am 29. September 2022 in Leipzig mit einem Sonderpreis des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen für ihren besonderen Einsatz für die Zivilgesellschaft in Osteuropa geehrt wird. Wir trafen Frau Scherbakowa in Weimar und sprachen mit ihr darüber, warum sie Russland verlassen hat, wie sie die Arbeit von Memorial von Deutschland aus fortsetzen will und was Stiftungen tun können, um in dieser schwierigen Situation zu helfen.

Irina Scherbakowa
© Detlef Eden
8 Minuten 14.09.2022
Interview: Nicole Alexander

Stiftungswelt: Frau Scherbakowa, im Dezember 2021 wurde die Moskauer Zentrale von Memorial International, Russlands ältester Nichtregierungsorganisation, die Sie 1989 mitbegründet haben, gerichtlich aufgelöst. Wenige Monate später sind Sie ins Exil gegangen, zunächst nach Israel, dann nach Deutschland. Haben Sie sich in Russland nicht mehr sicher gefühlt? 

Wenn man in Fernsehsendungen ständig persönlich diffamiert wird, wenn die Polizei kommt und nach einem fragt, wenn die eigene Organisation 15 Stunden lang durchsucht wird, dann fühlt sich das schon bedrohlich an. Wobei all das für meine Familie wahrscheinlich schlimmer war als für mich selbst. Diese Einschüchterungsversuche sind ja seit vielen Jahren Hintergrund meiner Arbeit. Nein, der Auslöser für meine Entscheidung, Russland zu verlassen, war der Angriffskrieg gegen die Ukraine.  

Inwiefern? 

Für mich war es psychisch und moralisch einfach nicht mehr möglich, in Russland zu bleiben. Dieser Krieg hat alles verändert. Ich bin ein Mensch des öffentlichen Lebens. Doch mit Beginn des Ukraine-Krieges hatte ich keine Möglichkeit mehr, mich öffentlich zu äußern, meine Meinung zu sagen. Auch das kann einen Menschen vernichten. 

Zurzeit leben Sie in Weimar, haben einen Forschungsauftrag an der Universität Jena. Wie fühlt es sich an, mit über 70 Jahren die Heimat verlassen zu müssen? 

Aus meiner Generation haben nicht so viele Russland verlassen. Manche wurden von ihren Kindern, die im Ausland leben, rausgeholt. Ich selbst habe in den vergangenen Jahren nie an Emigration gedacht, obwohl sich die Situation für NGOs in Russland seit Jahren zusehends verschlechtert. Wegzugehen ist fürchterlich. Nach einem langen Leben lässt man alles zurück. Wissen Sie, ich bin in Moskau geboren, meine Familie lebt dort seit über 100 Jahren. Doch das, was sich in meiner Heimat derzeit abspielt, ist für mich nicht mehr zu ertragen. In dieser Situation gibt es keine gute Lösung. 

Als Mitbegründerin von Memorial International setzen Sie sich seit vielen Jahren für die Wahrung der Menschenrechte in Russland und die Aufarbeitung der sowjetischen Geschichte, vor allem des stalinistischen Terrors, ein. Nun wurde die Organisation liquidiert. Haben Sie heute das Gefühl, Ihre Arbeit sei umsonst gewesen?  

Das muss man differenzieren. Memorial ist ja nicht insgesamt liquidiert worden. Memorial International war ein Netzwerk aus mehreren Organisationen, von denen nicht alle aufgelöst wurden. Das bedeutet, dass die Kolleginnen und Kollegen in Moskauer Organisationen und in einigen russischen Regionen ihre Arbeit fortsetzen, wenn auch unter sehr schwierigen Bedingungen. Und ich bin absolut sicher, dass alles, was wir seit 1989 aufgearbeitet, gesammelt und veröffentlicht haben, nicht verloren gehen wird. 

Irina Scherbakowa im Interview
Irina Scherbakowa im Interview mit der "Stiftungswelt"
© Detlef Eden

In der Moskauer Zentrale befindet sich ein umfangreiches Archiv zu allen Fragen des Gulags und der Dissidentenbewegung in der Sowjetunion sowie ein Museum mit Objekten aus dem Alltagsleben in den Zwangsarbeitslagern. Fürchten Sie um deren Existenz?  

Jeder in Moskau, der irgendetwas hat, das nicht dem Staat gehört, muss Angst darum haben. Aber eine unmittelbare Bedrohung für das Archiv oder das Museum sehe ich nicht. Denn diese Archive gehören nun Organisationen, die nicht liquidiert wurden.  

Memorial wurde im Dezember 2021, also wenige Wochen vor dem Angriff Russlands auf die Ukraine, gerichtlich aufgelöst. Sehen Sie einen Zusammenhang zwischen diesen beiden Ereignissen? 

Wir sind natürlich nicht so größenwahnsinnig zu glauben, dass mit der Liquidation von Memorial der Krieg angefangen hat. Vielmehr war das eine Säuberungsaktion im Vorfeld des Krieges. Memorial International war ein internationales Netzwerk, das aus mehreren Organisationen bestand. Und dieses Netzwerk sollte zerstört werden. Allerdings hatten wir eher mit Strafen gerechnet, denn das war die Politik der letzten Jahre. Dass wir nun liquidiert wurden, war ein Warnsignal, welches das wahre Gesicht dieses Regimes hat deutlicher werden lassen. Und das wurde in der Welt auch so verstanden.  

Für viele in Deutschland kam diese Erkenntnis über das wahre Gesicht des Putin-Regimes recht überraschend.   

Memorial hat immer davor gewarnt, wohin die Reise geht. Das wollte man in Deutschland nicht wahrhaben. Natürlich hat sich das Regime im Laufe der Zeit verändert. Bei Putins Machtantritt vor 22 Jahren gab es den heutigen Gewaltapparat noch nicht. Dennoch war vieles schon damals ersichtlich: Die Pressefreiheit wurde von Anfang an eingeschränkt, die NGO-Arbeit immer mehr behindert. Was jetzt passiert, ist eine endgültige Transformation. Aber so ist das bei solchen Regimen. Stalin hat nach seiner Machtergreifung auch nicht sofort mit Massenrepressalien und -terror angefangen, der Große Terror fand Jahre später, 1937, statt.   

Sie sehen also durchaus Parallelen zwischen dem Putin-Regime und der Stalin-Diktatur? 

Was wir derzeit erleben, ist die Verwandlung eines autoritären Regimes in eine Diktatur. Und diese Diktatur wird immer aggressiver und gewaltbereiter. Natürlich wiederholt sich die Geschichte nicht. Und die ganze Situation heute ist anders als zu Stalin-Zeiten, das ist ja klar. Deshalb tut man sich so schwer mit einer Definition des Putin-Regimes. Man spricht von Faschismus, man sagt, es sei eine hybride Diktatur oder ein postmoderner Totalitarismus. Nach unseren historischen Erfahrungen entsteht zunächst eine Ideologie, um die herum dann eine Gewaltherrschaft aufgebaut wird. Das ist bei Putin anders.  

Der westlichen Berichterstattung zufolge sind viele Russen merkwürdig indifferent gegenüber den Kriegsgräueln in der Ukraine. Wie erklären Sie sich das?  

In Russland gibt es eine jahrhundertealte Gewöhnung an staatliche Gewalt und die Erfahrung, dass man gegen diesen Staat eigentlich nichts unternehmen kann, weil er immer der Stärkere sein wird. Und der Staat hat in den letzten Jahren alles getan, um zu zeigen, dass er bereit ist, Gewalt anzuwenden. Und zwar viel massiver, als das etwa zu Zeiten Leonid Breschnews [Staats- und Regierungschef der UdSSR von 1964 bis 1982, Anm. d. Red.] der Fall war. Die Menschen, die gegen Putin auf die Straße gehen, werden schon bei der Festnahme und in der Untersuchungshaft bedroht und manchmal zusammengeschlagen. Putin hat eine Gewaltmaschine gebaut, gemischt mit Propaganda, die es den Menschen erleichtert, sich anzupassen, und verschiedene Antworten bereithält: Die Ukraine ist unterwandert von Faschisten, Nationalisten, vom bösen Westen, der Russland schon immer gehasst hat. Diese Propaganda bietet den Menschen eine bequeme Fluchtmöglichkeit. Meinem Eindruck nach ist es eine Mischung aus Angst und Bequemlichkeit, die dazu führt, dass viele Russen nicht wahrhaben wollen, was in der Ukraine geschieht. Und ich glaube, dass der Preis, den Russland für diese Verdrängung zahlen wird, sehr hoch sein wird. 

„Die Aufarbeitung der sowjetischen Geschichte kennt keine Grenzen.“

Irina Scherbakowa

Ende September wird Memorial International auf dem Deutschen Stiftungstag in Leipzig mit einem Sonderpreis des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen ausgezeichnet, den Sie als Mitbegründerin von Memorial entgegennehmen werden. Was bedeutet diese Auszeichnung für Sie und für die Arbeit von Memorial? 

Ohne die Unterstützung ausländischer Stiftungen wäre unsere Arbeit schon seit langer Zeit nicht möglich. Das ist ja das, was uns die russischen Machthaber vorwerfen: dass wir unsere Arbeit mit ausländischem Geld finanzieren. In den 1990er-Jahren wurden wir vor allem von deutschen Stiftungen unterstützt. Es gibt Stiftungen, mit denen wir schon seit über 30 Jahren zusammenarbeiten, mit der Körber-Stiftung zum Beispiel oder der Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft. Dabei ging es vor allem um Programme und Projekte zu den russisch-deutschen Beziehungen, zur russisch-deutschen Geschichte. Memorial hat sich von Anfang an ganz bewusst International genannt.  

Warum? 

Weil uns klar war, dass die Aufarbeitung der sowjetischen Geschichte keine Grenzen kennt. Im Gulag waren Tausende von Deutschen, Polen, Russen inhaftiert. Und auch Italiener, Franzosen, politische Immigranten, Menschen, die jahrzehntelang in der Sowjetunion gelebt hatten, wurden Opfer des sowjetischen Repressionssystems. Deshalb haben wir von Anfang an gesagt: Das ist unsere gemeinsame Geschichte. Dass dies auch im Ausland so wahrgenommen wurde, hat sich nicht zuletzt in der Unterstützung gezeigt, die wir nach der Liquidierung von Memorial aus der ganzen Welt, aber vor allem aus Deutschland erfahren haben. 

Wie sah diese Unterstützung aus? 

Sehr viele Organisationen, Museen, Gedenkstätten, Forschungsstellen, Universitäten haben Briefe geschrieben und sogar demonstriert. Das war ein Akt der Solidarität, und diese Solidarität ist ungebrochen. In diesem Sinne ist auch der Sonderpreis des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen ein Zeichen der Solidarität, eine moralische und auch eine reale Unterstützung. Und unsere Aufgabe wird es sein zu zeigen, dass unsere Arbeit international weiter fortgesetzt werden kann und muss – auch wenn das natürlich sehr schwierig ist.         

Der Preis wird von einem Unterstützungsfonds in Höhe von derzeit 100.000 Euro flankiert, um es Memorial zu ermöglichen, Strukturen im Ausland aufzubauen. Haben Sie bereits konkrete Pläne, wie diese Strukturen aussehen sollen? 

Wir haben Pläne und wir haben auch Projekte und verschiedene Programme, die im Ausland fortgesetzt werden. Aber die formellen Fragen, die sich beim Aufbau einer neuen Organisationsstruktur stellen, sind natürlich nicht einfach. Das liegt daran, dass wir in Russland eine sehr schwierige Gesetzgebung haben, die alles unternimmt, um das Land international zu isolieren. Unsere Aufgabe ist es zu zeigen, dass wir gegen diese Isolation sind und dass wir versuchen, gemeinsam mit unseren ausländischen Partnern zu arbeiten.  

Welche Unterstützung speziell von Stiftungen wünschen Sie sich über den Fonds hinaus, um die Arbeit von Memorial International fortsetzen zu können?  

Es wird ja schon sehr viel getan. Mithilfe von Stiftungen haben beispielsweise russische Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler Stipendien bekommen, die zumindest eine Zeit lang ihren Lebensunterhalt sichern. Solche Akte der Solidarität sind ganz wichtig, weil sie zeigen, dass die Menschen daran glauben, dass wir weiter werden arbeiten können. Und das ist ja genau das, was das Regime in Russland verhindern will. Auch gibt es bereits Ausstellungen und Projekte, die wir gemeinsam mit deutschen Stiftungen machen. Ich hoffe, dass dies eine Grundlage sein wird für die weitere Zusammenarbeit. 

Die jahrzehntelange Unterstützung Ihrer Arbeit durch deutsche Stiftungen steht in einem gewissen Widerspruch zur Politik der Bundesregierung, die dem Putin-Regime bis zum Beginn des Angriffskrieges Russlands gegen die Ukraine sehr entgegengekommen ist. Wie erklären Sie sich diese Diskrepanz? 

Man darf das nicht pauschalisieren. Es gab verschiedene Linien in der deutschen Regierungspolitik gegenüber Russland. Und sie fing an, sich zu ändern, weil immer mehr Politikerinnen und Politiker, auch in der Regierung, erkannt haben, was für ein Regime in Russland herrscht. Russland wurde natürlich zu einem Gegenstand der politischen Kontroverse, weil es Deutschland historisch gesehen immer sehr nah war. Deshalb ist es eine sehr komplizierte Beziehung, überlagert zudem von DDR-Nostalgie einerseits und von Ängsten vor Russland andererseits. Und natürlich gab es sehr viele wirtschaftliche Interessen der sogenannten Realpolitik, vor der wir immer gewarnt haben, insbesondere vor der Gas- und Ölabhängigkeit Deutschlands von Russland. 

Welche Lehren sollten die Deutschen Ihrer Meinung nach aus all dem ziehen? 

Sie müssen begreifen: Was Putin will, ist eine neue Weltordnung. Das sind keine Floskeln. Man muss damit rechnen, dass Russland nicht in der Ukraine stehenbleibt. Wir brauchen uns nichts vorzumachen, es werden schwere Zeiten kommen. Es ist natürlich kein Vergleich zu dem, was die Ukraine derzeit erlebt. Es ist unerträglich zu hören, wie die Menschen dort durch Bombenangriffe sterben. Und ich kann sehr gut verstehen, dass für die Ukrainer, zumindest für einige ukrainische Intellektuelle, schon allein der Klang der russischen Sprache unerträglich geworden ist.  

Russische Putin-Gegner wie Sie muss das besonders schmerzen.  

Ja, und zwar nicht nur aus persönlichen Gründen. Eigentlich müssten die Ukraine und die demokratischen Kräfte in Belarus und Russland gemeinsam gegen Putin agieren. Doch viele Ukrainer wollen mit uns russischen und auch mit den belarussischen Oppositionellen nichts zu tun haben, weil sie der Meinung sind, dass wir den Krieg gegen ihr Land nicht verhindert hätten und deshalb jetzt besser schweigen sollten. Eine nur zu verständliche Haltung, die politisch aber fatal ist. Denn wenn die ukrainische und die russische Diaspora nicht miteinander reden, spielt das nur Putin in die Hände.   

Wie ließe sich Ihrer Meinung nach ein Dialog zwischen beiden Seiten in Gang bringen? 

Momentan ist die Situation so zugespitzt, dass ein solcher Dialog kaum möglich scheint. Und ohne Vermittlung von außen dürfte er schon gar nicht gelingen. Hier könnten gerade deutsche Stiftungen eine wichtige Rolle spielen, indem sie Formen finden, in denen ein Dialog möglich ist, und diesen moderieren.   

Was gibt Ihnen Hoffnung in dieser Zeit, was die Kraft, weiterzumachen? 

(schweigt lange) Ich glaube, die Hoffnung ist eher metaphysisch. Weil man sich schwer vorstellen kann, dass das, was heute passiert, lange Zeit dauern kann. Das wäre eine Katastrophe, nicht nur für Russland, sondern auch für Europa und die ganze Welt. Da wurde eine schreckliche Büchse der Pandora geöffnet. Natürlich gab es schon früher sehr gefährliche Situationen. Die Kubakrise 1962 etwa oder den Einmarsch der Sowjetunion in die Tschechoslowakei 1968 und in Afghanistan 1979. Aber das, was wir heute erleben, ist etwas ganz anderes. Das ist wirklich existenziell. Und ich kann nur hoffen, dass die Menschen das begreifen und sich dem entgegenstellen.  

Über die Gesprächspartnerin:
Irina Scherbakowa
Irina Scherbakowa
© Detlef Eden

Irina Scherbakowa ist Mitbegründerin der russischen Nichtregierungsorganisation Memorial International. Die promovierte Germanistin ist als Publizistin und Übersetzerin tätig und hat zahlreiche Bücher zu den Themen Stalinismus und Erinnerungskultur veröffentlicht. Bei Memorial International leitet sie u.a. die Bildungsprogramme. 2005 wurde Scherbakowa mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet, 2014 mit dem Carl-von-Ossietzky-Preis für Zeitgeschichte und Politik.

Über Memorial International:

Die Organisation wurde 1989 von ehemaligen politischen Gefangenen und ihren Familien sowie von jungen Wissenschaftlern, Aktivistinnen und Kulturschaffenden gegründet. Der erste Vorsitzende der Gesellschaft war der Atomphysiker und Friedensnobelpreisträger Andrej Sacharow. Zu den Zielen von Memorial International gehört die Wiederherstellung der historischen Wahrheit über die politischen Repressionen in der Sowjetunion sowie die soziale und juristische Betreuung von Opfern politischer Unterdrückung und ihrer Angehörigen. Memorial International ist dezentral organisiert und besteht aus mehreren Mitgliedsorganisationen, die meisten davon in Russland, einige aber auch in der Ukraine, in Deutschland, Tschechien, Italien und Frankreich.

Mehr zu Memorial: www.memorial.de 

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