Förderfelder im Umbruch: KI und Kultur im Stiftungswesen

Unsere Gesellschaft erlebt jetzt mit KI möglicherweise die größte Disruption seit Gutenberg. Wir betreten Neuland – das ist spannend und herausfordernd zugleich. Doch auf unbekanntem Terrain kann man sich leicht verfahren. Folgende drei Thesen können Warnschilder für Stiftungen sein, um nicht falsch abzubiegen.  

© Possessed Photography / Unsplash
5 Minuten 30.04.2026
Gastbeitrag von: Dr. Raphael v. Hoensbroech

Erste These: „KI schafft bei vielen Menschen bislang das Gegenteil von dem, was wir uns von ihr wünschen.“

Eine der Kernherausforderungen mit KI ist: Eigentlich soll sie Arbeit abnehmen, damit mehr Zeit für Kreativität und Auseinandersetzung entsteht, stattdessen nimmt sie bislang vor allem Kreativität und Auseinandersetzung ab, damit mehr Zeit zum Arbeiten bleibt. Das erinnert an John Adams (1735 - 1826), den zweiten Präsident der USA, der einmal sagte: „Ich muss Politik und Krieg studieren, damit meine Söhne die Freiheit haben, Mathematik und Philosophie zu studieren. Meine Söhne sollten Mathematik und Philosophie studieren, außerdem Geographie, Naturgeschichte, Schiffbau, Navigation, Handel und Landwirtschaft, damit sie ihren Kindern das Recht geben, Malerei, Poesie, Musik, Architektur, Dekoration und Porzellan zu studieren.“
Adams beschreibt einen historischen Optimismus, der nie eingetreten ist. Wir selbst fallen immer wieder zurück auf Themen der Effizienz und des praktischen Lebens. KI reproduziert genau diesen Optimismus heute („sie befreit uns für Wesentliches“), erzeugt aber paradoxerweise das Gegenteil. Daraus folgt: Stiftungen sollten menschliche Kreativität fördern, nicht ersetzen.

Zweite These: „KI erzeugt Verfügbarkeit, aber selten Resonanz.“

Der Soziologe Hartmut Rosa beschreibt, wie die zunehmende Geschwindigkeit und Verfügbarkeit der modernen Welt unsere Resonanzfähigkeit beeinträchtigt. Die letzten Jahrzehnte haben wir Menschen vieles verfügbarer gemacht: Wir können überall hinreisen, Sachen bestellen, miteinander über Kontinente hinweg kommunizieren und Informationen in Sekundenschnelle abrufen. Zugleich hat aber die Resonanzfähigkeit kontinuierlich abgenommen, die Fähigkeit, mit den Dingen in eine Herzensbeziehung zu treten. Das führt zu Vereinsamung, zu Disruption und Verunsicherung. Resonanz lässt sich jedoch nicht verfügbar machen – sie entsteht oder eben nicht. KI entfernt uns tendenziell eher von dieser Resonanz, statt uns zu ihr hinzuführen. Daraus folgt: Stiftungen sollten Resonanzräume für Beziehung schaffen, anstatt sie zusätzlich abzubauen.

Dritte These: „KI perfektioniert das Mittelmaß.“

Das geschieht aus zwei Gründen. Erstens kann KI nichts grundlegend Neues erschaffen, denn ihr fehlen Intuition und Emotion. Sie erkennt Muster und berechnet Wahrscheinlichkeiten, aber stets aus bereits bestehendem Material. Das ist beeindruckend, denn KI kann effizienter arbeiten, mehr Daten verarbeiten und neue Zusammenhänge sichtbar machen. Dennoch beginnt Kreativität dort, wo Berechnung endet. Kreativität bedeutet, Muster zu erkennen und gleichzeitig von ihnen abzuweichen – eine Form von Freiheit, die die KI nicht hat. Kreativität ist die Fähigkeit, der Welt etwas hinzuzufügen, das vorher nicht in ihr war.
Zweitens berichten aktuelle Studien (u. a. UPV/ValgrAI/University of Cambridge) ein Skalierungs-Paradox, eine asymmetrische Zuverlässigkeit: Neuere, größere Modelle verbessern vor allem schwierige Aufgaben, sind aber nicht durchgängig verlässlicher und antworten bei Unsicherheit eher, als abzuwägen. Daraus folgt: Stiftungen sollten sich darum bemühen, dem Mittelmaß entgegenzuwirken.

Was bedeutet KI für Förderungsbeziehungen?

Wenn es um KI in Bezug auf Förderung gehen soll, dann ist es wichtig, immer im Blick zu behalten, wie KI helfen kann, kreativer zu sein, sich tiefer auseinanderzusetzen, Resonanzräume zu ermöglichen sowie Neues und Spitzenleistungen zu fördern. Wie kann das aussehen? Im Folgenden ein paar Beispiele aus sechs Feldern der Musik – übertragbar natürlich auf alle Kunstformen –, um Ideen zu entwickeln, wie Förderprojekte im Bereich von KI und Kultur aussehen könnten.

1. in der Ausbildung, Erlernen von Musikinstrumenten

KI-Programme können Instrumente spielen, singen, Bands nachahmen. Sie können das Üben optimieren, die persönlichen Fähigkeiten auf dem Instrument verbessern durch personalisierte Übungszeiten und -inhalte, automatisches und unmittelbares Feedback via App während des Lernprozesses ausgeben oder durch eigenständige Kompositionen. Möglicher Impact: Dem Lehrermangel begegnen, das Üben optimieren, technikaffine Menschen zur Musik führen.

2. im Produzieren / Komponieren 

KI kann komplette Musikstücke generieren. Doch muss mal Vorsicht walten lassen: KI kann großartig imitieren, aber nicht erfinden – und nur ganz schlecht scheitern. Dabei ist Scheitern ein Motor der Kunst und ein wesentlicher Bestandteil von Kreativität. KI kreiert Musik nicht nach kreativen Gesichtspunkten, sie berechnet lediglich die statistischen Wahrscheinlichkeiten populärer Muster und wiederholt diese in beliebig vielen Varianten. Und auch bei Folgendem ist Vorsicht geboten: Als „Trainingsdaten“ wird  nicht lizensierte und lizensierte Musik verwendet, die Menschen einmal mit viel Herzblut komponiert und kreiert haben. Die Kennzeichnung der Urheberschaft ist daher natürlich essentiell. Möglicher Impact: Generierung durch KI ist schneller und kostengünstiger und für manche Anwendungsbereiche interessant, wo Qualität anders definiert ist als im Konzertsaal.

3. in der Rezeption des Publikums live

KI kann Live-Erlebnisse anreichern, beispielsweise durch gezielte Vorbereitung auf Konzerte, als Assistenz, die live mit Kunstschaffenden interagiert und mittels Avataren auf Publikum und Zuschauergesten reagiert. Und sie kann das Erlebnis immersiv erweitern, zum Beispiel durch visuelle Umsetzung oder haptische Erfahrung. Sie kann die Akustik verbessern, wie gerade an der Alten Oper in Frankfurt am Main experimentiert wird. Der Einsatz von generativer KI kann im Sinne der sozialen Nachhaltigkeit barrierearme Zugänge erleichtern, zum Beispiel durch Gebärdensprach-Avatare, automatisierte Übersetzungen in anderen Sprachen oder die Erstellung virtueller Rundgänge. Möglicher Impact: Barrieren abbauen, mehr Zuschauer*innen ansprechen und bestehendes Publikum tiefer erreichen.

4. Audience Development

KI ermöglicht neue Formen in der Publikumsforschung: Analysen von Publikumstrends können zielgruppenspezifische Programmgestaltung und passgenauere Kommunikation erleichtern. Da viele Menschen heute Komponistennamen nicht mehr einem Klangbild zuordnen können, brauchen sie eine andere und individuellere Ansprache. KI bietet neue Möglichkeiten für visuelle Kommunikation: mit Bildern und Videos können Geschichten eindrucksvoller erzählt und Aufmerksamkeit erzeugt werden. Chatbots können als Verkaufstool eingesetzt werden, da die Wissensmenge der KI sogar noch größer ist als die studierter Musikwissenschaftler*innen. Möglicher Impact: Publikumsgewinnung vereinfachen und Service verbessern.

5. in der Verwaltung

Die KI soll möglichst Routineaufgaben übernehmen. Förderanträge können schneller und gegebenenfalls gezielter geschrieben werden. Das demokratisiert die Förderlandschaft, denn derzeit sind die personell besser aufgestellten Institutionen im Vorteil. Gleichzeitig besteht die Gefahr, dass Förderanträge durch die KI vorsortiert und nicht mehr gelesen werden. KI kann für Recherchen genutzt werden: Informationen, Fristen, Förderkriterien, Schlagworte und so weiter. Sie kann beim nachhaltigen Veranstaltungs- oder Gebäudemanagement unterstützen und beispielsweise durch die Vorhersage von Besucherströmen die Energie- und Ressourcennutzung optimieren. Hinzu kommen viele Anwendungen, die in praktisch jedem Unternehmen anfallen (Buchhaltung, Verwaltung, und ähnliches). Möglicher Impact: Publikumsgewinnung und Förderungen werden vereinfacht, insbesondere für kleinere Institutionen.

6. in der Musikwissenschaft

In der Forschung ermöglicht KI schnellere Recherche, Archivierung, Katalogisierung oder Vergleichsanalysen. Möglicher Impact: Die Zugänglichkeit steigt sowohl quantitativ als auch qualitativ.

Was bedeutet das alles für Stiftungen in ihrem Selbstverständnis?

Neben diesen neuen Nutzungsmöglichkeiten entstehen auch neue Fragen: Wie definieren wir künftig „künstlerische Qualität“? Wie werten wir den langsameren rein menschlichen Prozess (teurer) gegenüber dem schnelleren KI-unterstützten (günstiger)? Wo darf Einsatz von KI-Technologie enthalten sein? Wie wird das kontrolliert? Stiftungen könnten hierzu Standards für „Responsible AI in the Arts“ mitentwickeln.

Stiftungen können in Bezug auf KI drei Rollen einnehmen: Schutzinstanz (Ethik, Authentizität), Ermöglichungsinstanz (Kompetenzaufbau, Infrastruktur) und Innovationsinstanz (neue Formate, neue Qualitätskriterien). In all diesen Feldern entstehen möglicherweise drei grundsätzliche Fragen für ihr Selbstverständnis:

  1. Stiftungen sollten ihre Förderlogiken weiterentwickeln, indem sie nicht nur Output, sondern auch die Prozessqualität bewerten und menschliche Kreativität als knappstes Gut schützen. Mit der Förderung riskanter und experimenteller Kunst sowie der Wertschätzung von Authentizität, Langsamkeit und Handwerkskunst können sie der Mittelwert-Ästhetik entgegensteuern. 
  2. Stiftungen sollten Förderfelder für KI definieren: beispielsweise „Ethik & Transparenz“, digitale Archive und Datensouveränität, KI-Kompetenzaufbau für Künstler*innen, Forschung zu Resonanz im digitalen Zeitalter.
  3. Es geht auch um institutionelle Selbstreflexion: Stiftungen sollten KI-basierte Antragsscreenings kritisch hinterfragen und auf Bias prüfen. Es muss sichergestellt sein, dass Menschen weiterhin die ästhetische Bewertungsinstanz bleiben.   

Der Raum der Möglichkeiten ist riesig, spannend und wartet darauf, erkundet und bespielt zu werden. Zugleich wird im post-digitalen Raum – dem Raum „hinter dem Digitalen“ – Authentizität wertvoller. Das Digitale erzeugt einen Hunger nach dem, was nicht zu digitalisieren ist. Bei aller Faszination dürfen wir den Menschen nicht übersehen. Deshalb sollten Stiftungen (und wir alle) besonderen Fokus auf das Handgemachte, Langsame und Echte legen. Vielleicht lässt sich das sogar als Megatrend für Stiftungen formulieren.

Konzerthaus Dortmund
© Daniel Sumesgutner

Erweiterte Fassung eines Vortrags, gehalten am 27.11.2025 beim Frankfurter Stiftungsdialog (Initiative Frankfurter Stiftungen e.V.).

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