„Freiheit ist kein Zustand, den man einfach besitzt“
Im Mai 2026 zieht es den deutschen Stiftungssektor nach Norddeutschland: Unter dem Thema „Aus Freiheit handeln“ findet in Hamburg der Deutsche Stiftungstag statt. Was die Merkmale freiheitlichen Denkens und Handelns sind, wie beides zur „Freien und Hansestadt“ passt und was die besondere Freiheit von Stiftungen ausmacht, darüber haben wir mit unserer Generalsekretärin Friederike v. Bünau gesprochen.
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Wann fühlen Sie persönlich sich frei?
Als Kind habe ich mich beim Schaukeln frei gefühlt, das tue ich heute leider zu selten. Fahrrad- oder Vespafahren löst bei mir ein ähnliches Gefühl der Freiheit aus. Im übertragenen Sinne fühle ich mich persönlich frei, wenn ich etwas gestalten kann. Freiheit als das Gefühl, jenseits von Zwängen zu agieren - gern auch im Zusammenschluss mit anderen.
Der Deutsche Stiftungstag steht dieses Jahr unter dem Motto „Aus Freiheit handeln“. Warum dieses Thema?
Freiheit ist ein kraftvoller, gesellschaftspolitisch relevanter Begriff. Für uns als Stiftungen ist sie die Grundlage unserer Wirksamkeit. In einer Zeit, in der politisch, kulturell und wirtschaftlich viele Freiräume unter Druck geraten, wollen wir uns beim Stiftungstag eine zentrale Erkenntnis vor Augen führen: Freiheit ist nie ein Zustand, den man einfach besitzt. Man muss sie immer wieder ganz bewusst beanspruchen – nicht als autoritärer Gestus, um über andere zu bestimmen, sondern in Form von beherzten Taten, die das Gemeinwohl voranbringen. Freiheit ist eine Lebenshaltung, die darin besteht, sich selbst als emanzipiert zu begreifen, vernunftgeleitet zu begründeten Entscheidungen zu kommen, danach zu handeln und dabei eine gewisse Agilität an den Tag zu legen. Wir knüpfen hier auch bewusst an das Mut-Thema des letzten Stiftungstages in Wiesbaden an.
Der Titel sagt „aus Freiheit“ statt „in Freiheit“. Was ist der Unterschied?
„In Freiheit“ beschreibt einen Zustand, den wir als Gesellschaft oft als gegeben voraussetzen. „Aus Freiheit“ verweist hingegen auf den Ursprung und die Motivation – auch unseres Stiftungshandelns. Zugleich ist es ein Aufruf, aktiv zu werden. Stiftungen haben im Vergleich zu anderen Organisationen unglaublich viele Freiräume, die es bewusst zu nutzen gilt, um gesellschaftliche Entwicklungen mitzugestalten und Wirkung zu entfalten. So wird Freiheit zum Ausgangspunkt für Engagement und gesellschaftlichen Fortschritt.
Worin liegt die spezifische Freiheit von Stiftungen im Vergleich zu anderen Akteur*innen?
Die liegt zunächst einmal in ihrer Struktur: Stiftungen sind meist langfristig orientiert, können daher unabhängig von Trends oder Tageslaunen agieren und sind nicht an Wahlperioden gebunden. Diese Freiheit ermöglicht es ihnen, auch sperrige, anderswo vernachlässigte Themen anzugehen, vielleicht kontroverse Themen in den Blick zu nehmen, wirklich zu „gestalten“, auch wenn dieses Wort etwas abgedroschen ist. Gesellschaftlich gesehen ist diese Gestaltungsfreiheit ein enormer strategischer Vorteil für Innovation, die wir in vielen Bereichen brauchen, etwa im Bildungssystem. Ganz wichtig ist mir aber auch, dass Gestaltungsfreiheit immer die Pflicht zur kritischen Selbstreflexion beinhaltet. Am Ende ist stets auch die Verantwortung fürs Gemeinwohl entscheidend.
© Bundesverband Deutscher Stiftungen / Foto: David Ausserhofer
Was hindert Stiftungen daran, ihre Freiheit auch tatsächlich zu nutzen?
Äußere Rahmenbedingungen wie Bürokratie oder regulatorische Anforderungen können ebenso eine Herausforderung sein wie innere Hürden. Gerade kleinere Stiftungen müssen manchmal stärker abwägen; zudem stoßen sie auch schnell an Kapazitäts- und Ressourcengrenzen. Hier ergibt sich ein gewisses Dilemma: Obwohl sie meist sehr genau wissen, wo – zum Beispiel auf lokaler Ebene – der Schuh drückt, verfügen sie nicht immer über die Mittel, umfassend tätig zu werden. Größere Stiftungen wiederum haben in der Regel mehr Ressourcen, sind aber auch größeren politischen Dynamiken unterworfen. Der Vergleich zeigt, dass Freiheit im Kleinen wie im Großen darin besteht, die vorhandenen Möglichkeitsräume auszuloten und eigenverantwortlich zu ermessen – auch mit Blick auf mögliche Kooperationen, gemeinschaftliches Handeln oder lokale Netzwerke. An den nachbarschaftlichen Projekten beispielsweise der Bürgerstiftungen kann man hervorragend sehen, dass das Leben freiheitlicher Grundwerte in unseren ganz alltäglichen Lebensvollzügen beginnt.
Was bedroht die Freiheit von Stiftungen aktuell?
Ich mache mir viele Gedanken um die Aushöhlung demokratischer Werte weltweit, aber auch um die Polarisierung und den schrumpfenden gesellschaftlichen Konsens in unserer Gesellschaft. All das führt dazu, dass freie, unabhängige Stimmen unter Druck geraten. Dazu gibt es eine Zunahme der Regularien und Erwartungshaltungen, die zwar gut gemeint sind, aber oft mehr operativen Aufwand schaffen als echte Orientierung. Die Freiheit des Stiftens entsteht dort, wo wir Transparenz, Beteiligung und Offenheit miteinander verknüpfen, ohne uns selbst einzuschränken.
Der Deutsche Stiftungstag findet dieses Jahr in Hamburg statt. Hier passt das Freiheitsthema gut hin, da Hamburg aus historischen Gründen eine „Freie und Hansestadt“ ist. Zufall?
Das ist kein Zufall, diesen Bezug wollten wir ganz bewusst herstellen. Dass Hamburg eine Stadt der Freiheit ist, ist ja zunächst einmal eine Selbstbeschreibung, natürlich aber auch ein in die Zukunft gerichtetes Versprechen. Seit der Zeit der Hanse ist Hamburg geprägt von offenem Handel, vom Blick durchs „Tor der Welt“ und von einer engagierten Bürgerschaft, die Verantwortung nicht delegiert, sondern selbst annimmt. Für die Hamburgerinnen und Hamburger ist Freiheit also keine abstrakte Idee, sondern gelebte Wirklichkeit. Das zeigt sich auch in einer außergewöhnlich vielfältigen Stiftungslandschaft: Mit 82 Stiftungen je 100.000 Einwohner*innen weist Hamburg die höchste Stiftungsdichte aller Bundesländer auf, weit über dem Bundesdurchschnitt von 32.
Werfen wir einen Blick auf das Programm des Stiftungstages. Welche Highlights sind geplant?
Wir werden das Freiheitsthema aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchten, sodass die Teilnehmenden viele Anregungen für ihre unterschiedlichen Wirkungsfelder bekommen. Hape Kerkeling wird über die Verantwortung eines jeden einzelnen für die Freiheit sprechen. Giovanni di Lorenzo, Chefredakteur der ZEIT, redet darüber, wie man sich gegen Konformitätsdruck stemmt, während die Kommunikationswissenschaftlerin Miriam Meckel den großen Themenkomplex KI mit uns in den Blick nimmt: Wo ist Freiheit hier Entlastung, wo Entmündigung? Steffen Mau und Nora Bossong diskutieren über die Grenzen der Freiheit. Wissenschaftsfreiheit, Pressefreiheit und Meinungsfreiheit werden ebenso Raum einnehmen. Die Gästeliste des diesjährigen DSTs ist so vielfältig, wie der Sektor selbst: von Autor Marc-Uwe Kling und Aktivistin Masih Alinejad, über die Vize-Präsidentin der EU-Kommission Teresa Ribera und Politikerin Aydan Özoğuz bis zu Karl-Theodor zu Guttenberg und Marina Weisband. Neben solchen großen gesellschaftspolitischen Panels widmen wir uns natürlich auch ganz praktischen Stiftungsthemen, beispielsweise dem aktuellen FörderMonitor, der Zusammenlegung von Stiftungen und der Frage, wie es derzeit um die Freiheit von Förderpartnern bestellt ist.
Was muss passieren, damit der Stiftungstag in Ihren Augen erfolgreich ist?
Er soll alle dazu anspornen, Freiheit als eine tägliche Aufgabe anzunehmen, vor der man keine Angst haben muss. Der Schlüssel dazu ist vermutlich gar keine revolutionäre Erkenntnis, sondern eher ein gemeinsames Besinnen auf die Werte, die das Stiftungshandeln schon immer ausgemacht haben und in unserer herausfordernden Gegenwart neu mit Leben gefüllt werden wollen.
Über den Deutschen Stiftungstag
Am 20. und 21. Mai 2026 trifft sich die deutsche Stiftungscommunity in Hamburg im CCH zum größten Stiftungskongress Europas. Unter dem Thema „Aus Freiheit handeln" stellen wir uns die wichtige Frage: Wie können Stiftungen als Teil der Zivilgesellschaft Freiräume für Tatkraft und Innovation schaffen und dabei Verantwortung übernehmen?
In der „Freien und Hansestadt Hamburg", die sich zu Freiheit und Handeln schon in ihrem Namen bekennt, wollen wir gemeinsam nicht nur diskutieren, sondern konkrete Impulse entwickeln. Denn Stiftungen zeichnet die „Freiheit des Anfangen-Könnens" aus – sie fördern Ideen, entdecken Talente, wagen Experimente und setzen sich für das Bewahren und Erinnern ein.
Das Programm steht und der Ticketverkauf läuft! Entdecken Sie mehr als 100 Sessions mit inspirierenden Referierenden aus Zivilgesellschaft, Politik und Wissenschaft – und sichern Sie sich Ihr Ticket. Der Frühbucherrabatt gilt noch bis 31. März 2026.
Zum Programm: Programm | Deutscher Stiftungstag
Zum Ticketverkauf: Tickets | Deutscher Stiftungstag
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