Drei Fragen an ... die Heraeus Bildungsstiftung
Die Heraeus Bildungsstiftung fördert seit 60 Jahren Schulleitungen, Lehrkräfte sowie Entscheiderinnen und Entscheider im Bildungssystem beim Aufbau von Kompetenz in Führungsfragen. Damit will die Stiftung Schulen in Deutschland unterstützen, sich zukunftsfähig aufzustellen und sie befähigen, Kinder und Jugendliche stark für die Herausforderungen von morgen zu machen. Doch was heißt das genau und wie geht das? Darüber haben wir mit der Vorstandsvorsitzenden Alexandra Heraeus gesprochen.
Was brauchen Kinder und Jugendliche von der Schule, um nach ihrem Abschluss gestärkt den Herausforderungen des Lebens begegnen zu können? Und wie haben sich diese Anforderungen in den vergangenen 60 Jahren geändert?
Ich glaube, das Wichtigste ist, dass Kinder und Jugendliche innerlich gut aufgestellt sind – dass sie das Gefühl haben: Ich kann viele Herausforderungen meistern. Das gilt für persönliche Situationen genauso wie für große Themen der Welt. Dafür braucht es Selbstvertrauen, ein Bewusstsein für eigene Fähigkeiten und den eigenen Wert. Kurz gesagt: Es braucht Selbstwirksamkeit – die Überzeugung, dass man Dinge nicht nur ertragen muss, sondern sie aktiv gestalten kann. Wenn junge Menschen dieses Gefühl mit auf den Weg bekommen, verleiht es ihnen Zuversicht und Flügel.
Ebenso wichtig ist die Einsicht, dass Lernen ein lebenslanger Prozess ist. Neues zu lernen ist nichts, wogegen man sich wehren muss, sondern eine Chance, immer wieder neues Werkzeug zu bekommen, um unterschiedlichste Lebens- und Arbeitssituationen zu meistern. Wenn Schule dieses Grundverständnis legt, ist das unglaublich wertvoll. Leider nehmen viele Schulabgängerinnen und Schulabgänger dieses Gefühl heute noch nicht immer mit.
Vor 60 Jahren war Schule vor allem darauf ausgelegt, Wissen zu vermitteln und auf klar definierte Berufswege vorzubereiten. Das Weltgeschehen war längerfristig stabil und weiter weg, Veränderungen verliefen langsamer, Rollenbilder waren festgefügt. Heute erleben wir rasant wechselnde Anforderungen durch Globalisierung, Digitalisierung, gesellschaftliche Vielfalt und Themen wie Klimawandel oder Künstliche Intelligenz. Umso wichtiger ist es deshalb, dass Schule junge Menschen befähigt, kritisch zu denken, Verantwortung zu übernehmen, konstruktiv zusammenzuarbeiten und sich immer wieder neues Wissen anzueignen. Wenn das gelingt, dann macht Schule Kinder stark fürs Leben – und Lehrkräfte und Schulleitungen sind die Schlüsselpersonen, die diese Stärken Tag für Tag wachsen lassen. Auf diese Aufgabe sind und werden allerdings heute nicht alle Lehrkräfte und Schulleitungen im Studium und beim Berufsstart vorbereitet.
Wieso haben Sie sich entschlossen, vor allem die Lehrkräfte und Schulleitungen in den Blick zu nehmen? Warum setzen Sie nicht gleich bei den Kindern an?
Die entscheidende Frage für uns ist: Wie entsteht eine Schulkultur, in der junge Menschen Selbstwirksamkeit und Gestaltungsfreude entwickeln können? Das passiert nicht automatisch. Es braucht Lehrkräfte und Schulleitungen, die genau diese Kultur bewusst schaffen. Kinder lernen solche Fähigkeiten nicht allein durch Unterricht, sondern vor allem, indem sie dies im Schulalltag erleben. Dafür muss Schule den Raum geben, anstatt den Fokus nur darauf zu legen, einen Lehrplan durchzuziehen und Inhalte abzuhaken.
Für mich hat das viel mit Beziehungen zu tun: zwischen Schulleitung, Lehrkräften, Schülerinnen und Schülern und auch jeweils untereinander. Es geht darum, eine Atmosphäre zu schaffen, in der junge Menschen als Individuen ihren eigenen Wert und ihre Möglichkeiten entdecken. Das ist die größte – und auch die anspruchsvollste – Aufgabe von Lehrkräften und Schulleitungen. Und hier setzt unsere Arbeit an: Wir wissen aus Erfahrung, dass echte Transformation in Schule dann gelingt, wenn die Führung davon überzeugt ist. Die Führungskräfte an Schulen geben die Richtung vor, prägen Haltungen und schaffen Voraussetzungen für Veränderung. Es geht dabei nicht nur um Kompetenzen, sondern auch um eigene Begeisterung, den Mut und die Lust, neue Wege zu gehen. Wenn wir hier ansetzen, strahlt das auf die gesamte Schulgemeinschaft aus. So erreichen wir langfristig deutlich mehr Kinder, als wenn wir direkt mit einzelnen Schülerinnen und Schülern arbeiten würden.
Aus Ihrer Erfahrung: Welche Möglichkeiten haben Stiftungen, im Bildungssystem wirklich etwas zu bewegen? Was braucht es dazu und wo liegt das Potenzial gerade bei Stiftungen?
Gerade im Bildungsbereich merkt man immer wieder, wie sehr der Föderalismus ächzt – jedes Bundesland verfolgt eigene Lösungen, und Bildungspolitik stößt dabei schnell an Grenzen. Als Stiftung haben wir den großen Vorteil, bundeslandübergreifend arbeiten zu können. Wir entdecken gute Ansätze und bringen diese Ideen dynamisch in andere Kontexte. Wir können freier experimentieren und agieren, auch in Zusammenarbeit mit den Ministerien.
Ein Beispiel ist der BildungsCampus Leadership in Sachsen-Anhalt – ein landesweites Qualifizierungsprogramm, das wir im Auftrag des Ministeriums für Bildung mitgestaltet haben und mit erfahrenen Trainerinnen und Trainern durchführen. Dabei verbinden wir unsere jahrzehntelange Expertise mit wissenschaftlich fundierten Ansätzen aus Führung, Positiver Psychologie und Beziehungskultur, um Schulleitungen in ihrer Wirksamkeit zu stärken und Schulkultur nachhaltig zu gestalten.
Dazu kommt die Geschwindigkeit: Als Stiftung können wir Dinge deutlich schneller umsetzen als es die Bürokratie der staatlichen Stellen erlaubt. Wir müssen nicht jahrelang auf Abstimmungen warten, sondern können pragmatisch ausprobieren, lernen und anpassen. Diese Kombination aus Unabhängigkeit, Schnelligkeit und Innovationsfreude kann im Bildungssystem echte Dynamik schaffen.
Über die Stiftung
Die Heraeus Bildungsstiftung engagiert sich für Schulen, in denen Kinder und Jugendliche ihre Stärken entfalten und ihre Zukunft mit Zuversicht gestalten können. Dafür unterstützt sie Schulleitungen und Lehrkräfte, die diesen Wandel möglich machen. Im Mittelpunkt stehen Weiterbildungen, Qualifizierungen und Netzwerke mit den Schwerpunkten Persönlichkeitsentwicklung, Führung und Beziehungskultur. Grundlage aller Programme sind wissenschaftlich fundierte Ansätze – von der Positiven Psychologie über Growth Mindset bis zur evidenzbasierten Schulentwicklung – verbunden mit praxisnaher Begleitung.
2025 feiert die Heraeus Bildungsstiftung ihr 60-jähriges Jubiläum.
Über die Gesprächspartnerin