Drei Fragen an ... die JOANES Stiftung
Wohnen ist weit mehr als ein Dach über dem Kopf: Es prägt Nachbarschaften, Lebensqualität und gesellschaftlichen Zusammenhalt. Die JOANES Stiftung entwickelt dafür neue, zukunftsfähige Wohnkonzepte und nutzt dabei ihr Netzwerk von Expert*innen aus Architektur, Wissenschaft, Stadtentwicklung und Politik. Wir haben mit Stiftungsvorstand Dr. Sebastian Bührig über menschenwürdiges und bezahlbares Wohnen, neue Wohnformen und architektonische Überraschungen gesprochen.
Was bedeutet für Sie ein „menschenwürdiges Wohnen“ und wie trägt dieser Anspruch Ihre Arbeit konkret?
Hannah Arendt beschreibt das Wohnen als „In-der-Welt-sein“, als eine Tätigkeit, mit der die Menschen sich die Bedingungen für ihre Existenz auf Erden selbst schaffen und erhalten. Das müssen wir, denn von Natur aus sind wir nicht mit allem ausgestattet, was wir zum Überleben brauchen. Es ist das Haus, das der Mensch sich aus dem Material baut, das die Erde ihm an die Hand gibt. Dass der Mensch anfing, seine Umwelt zu gestalten, ist ein Meilenstein seiner Entwicklungsgeschichte. Die Fähigkeit, in Gruppengemeinschaften und gar in Stadtgesellschaften zusammenzuleben, ist grundlegend für den Prozess der Zivilisation. In der Stadt leben viele einander fremde Menschen auf engem Raum neben- und übereinander. Ohne die Abgrenzung privater Wohnräume wäre das undenkbar. Der Wohnraum ist unser Rückzugsort, er gewährt uns Schutz vor dem Licht der Öffentlichkeit. Untrennbar ist das Wohnen verbunden mit dem Bedürfnis einen Ort für sich zu haben, von dem aus wir mit unseren Mitmenschen in Beziehung treten. Wünschenswerterweise ist der Wohnort uns eine Stütze, ein Halt, eine Hilfe, um uns in der Welt zurechtzufinden. Unsere Wohnungen sind der Raum, in dem wir auf der elementarsten Ebene wir selbst sein können.
Dass den Menschen guter Wohnraum zur Verfügung steht, der ihnen sicher ist und den sie sich leisten können, ist entscheidend für den sozialen Frieden und die wirtschaftliche Stabilität unserer Gesellschaft. Doch in vielen Städten fehlt es an bezahlbarem und zukunftsfähigem Wohnraum. Mit den Mitteln, die unserer privaten gemeinnützigen JOANES Stiftung aktuell zur Verfügung stehen, können wir nicht selbst als Bauherrin tätig werden. Darum finden wir die richtigen Akteure, um gemeinsam gute Ideen zu verwirklichen. Wir stiften Entwicklungen an. Ein Beispiel dafür ist der JOANES-Preis, ein studentischer Entwurfswettbewerb mit der beeindruckenden Beteiligung von 646 Studierenden von 63 Universitäten und Hochschulen aus Deutschland, Österreich, der Schweiz und Luxemburg. Aufgabe war der Entwurf eines flexiblen Prototyps für genossenschaftlichen Wohnungsbau über Supermärkten. Viele Supermarktflächen bieten ein großes Potenzial für die städtebauliche Nachverdichtung mit Wohnraum. Gemeinsam mit unserer Partnerin, der bbg Berliner Baugenossenschaft, wollen wir den Gewinnentwurf von Henny Krätzschmar und Ludwig Schwarz realisieren und sind dazu im Austausch mit einer führenden deutschen Supermarktkette. So verwirklichen wir unseren Stiftungszweck, den Einsatz für lebenswerten, zukunftsfähigen und bezahlbaren Wohnraum – Zusammen, Zuhause, Zukunft.
Welche Wohnformen werden wir Ihrer Einschätzung nach künftig stärker brauchen – und welche Rolle spielen dabei genossenschaftliche Modelle?
Die für die Wohnraumentwicklung noch zur Verfügung stehenden Flächen gilt es klug und effizient zu nutzen. An geeigneten Standorten ist es durchaus sinnvoll, wieder Wohnhochhäuser zu planen und dabei aus den Planungen der Nachkriegsmoderne Schlüsse für zeitgemäße Weiterentwicklungen zu ziehen. Auf untergenutzten Grundstücken gilt es geschickt nachzuverdichten und auch die mögliche Umnutzung von Bestandsgebäuden zu Wohnraum rückt in den Fokus.
Der Blick auf die Erfolgsmodelle aus der Vergangenheit lohnt: Vor rund 100 Jahren erlebten unsere Städte eine Sternstunde des genossenschaftlichen Wohnungsbaus. Der Siedlungsbau aus dieser Zeit zeichnet sich in vielen Fällen aus durch solide standardisierte Bauweise, gut durchdachte Grundrisse, repräsentative Fassaden und in den Höfen oftmals geradezu paradiesische Gartenanlagen. Über ein Jahrhundert genossenschaftlichen Wirkens auf dem Wohnungsmarkt zeigt, dass sich die genossenschaftliche Idee bewährt hat. Heute versorgen Wohnungsgenossenschaften Millionen Menschen mit einem bezahlbaren, guten und sicheren Zuhause und sie stehen glänzend da: Die Bestandsbauten sind gepflegt und gewissenhaft instandgehalten, engagierte Neubauprojekte werden realisiert und viele Menschen wollen gerne neue Genossenschaftsmitglieder werden. Besonders der genossenschaftliche Gedanke von gemeinsamem Eigentum, geteilter Verantwortung und Selbstorganisation ist von besonderem Wert. Genossenschaftliches Wohnen begünstigt stabile Nachbarschaftsbeziehungen und hat immer wieder beispielhafte Architektur des Zusammenlebens hervorgebracht. Genossenschaften dabei zu unterstützen, neuen Wohnraum zu schaffen ist ein Dienst an der ganzen Gesellschaft.
Inmitten der vielen Menschen in unseren Großstädten ist die Vereinsamung ein größer werdendes Problem. Einsamkeit entsteht dann, wenn die gewünschte soziale Einbindung nicht der realen sozialen Einbindung entspricht, sagt Professor Mazda Adli, Psychiater und Experte für Neurourbanistik. Damit Nachbarinnen und Nachbarn sich nahbar werden, reicht es nicht aus an einen Raum in großen Lettern „Gemeinschaft“ dranzuschreiben. Die räumlichen Voraussetzungen zu schaffen, dass gefälliger Austausch stattfinden kann, ohne dass ein Zwang zu gemeinschaftlicher Beteiligung mitschwingt, das ist eine Kunst im Wohnungsbau. Gelegentlich sind es kleine Dinge, wie eine Ablagemöglichkeit oder Sitzgelegenheit bei den Briefkästen, die ganz nebenher ihre Wirkung entfalten. Ganz in diesem Sinne mussten die Teilnehmenden des JOANES-Preises sich mit folgenden Fragen auseinandersetzen: Was sind die Voraussetzungen für gute Nachbarschaft und wie kann architektonische Gestaltung ihr Zustandekommen begünstigen? Wie muss im Wohnen das Zusammenspiel von Nähe und Distanz organisiert werden, damit wichtige zwischenmenschliche Grenzen gewahrt bleiben? Was sind die Bedingungen dafür, dass Menschen sich verantwortlich fühlen und Sorge tragen für ihren Wohnort und dessen Umgebung? Wodurch kann der Gemeinsinn unter Nachbarinnen und Nachbarn dauerhaft gestärkt werden?
© Supermarket Lab Berlin
Der JOANES‑Preis setzt stark auf junge Talente: Welche Impulse aus den studentischen Entwürfen haben Sie besonders überrascht oder inspiriert?
All die klugen, tüchtigen und talentierten Studierenden, die mit ihren Ideen, ihrer Kreativität und ihrem Mut großartige Entwürfe für gutes und bezahlbares Genossenschaftswohnen entwickelten, haben uns und unsere international renommierten Jurymitglieder sehr fasziniert. Ein beachtlicher Anteil der eingereichten Entwürfe zeugte in der Ausarbeitung von erstaunlicher Professionalität und einem tiefgehenden Verständnis für alltägliche Lebensabläufe der Menschen im Wohnen. Die Studierenden entwickelten mutige Ideen für genossenschaftliche Wohnformen mitunter überraschend eigenständige Ansätze. Der erstplatzierte Entwurf „Schichtsalat“ ist anmutig schön und die sozialräumliche Organisation der Hausgemeinschaft eine schiere Freude.
Bei den Vorbereitungen zur Preisverleihung im Aedes Architekturforum gab es einen besonderen Moment zu beobachten: ein Student aus einem der ausgezeichneten Teams stand vor einer Fotocollage, welche die Granden der Weltarchitektur bei ihrem Stelldichein bei Aedes zeigte – und wie er den Blick über die Porträts schweifen ließ, meinte man ihm seine innere Bewegtheit ansehen zu können. Der JOANES-Preis ist nun selbst nominiert für eine angesehene Auszeichnung für Stadtentwicklungsimpulse, gemeinsam mit dem Gewinnerteam reisen wir hin. Eine gute Idee wachsen zu sehen, ist wunderschön.
Über die Stiftung
Die JOANES Stiftung ist eine private gemeinnützige Stiftung mit Sitz in Berlin. Mit ihrem Netzwerk aus Wissenschaft, Architektur, Stadtentwicklung, Politik und Immobilienwirtschaft setzt sie sich ein für die Verwirklichung lebenswerter Wohnformen. Ihre Arbeit widmet die Stiftung der Frage, wie das Zusammenleben vieler verschiedener Menschen angesichts begrenzter Ressourcen heute und in Zukunft auf wünschenswerte Weise gestaltet werden kann.
Über den Gesprächspartner