Mehr als vier Wände: Wie Bürgerstiftungen „Dritte Orte“ schaffen
Bürgerstiftungen gibt es in Deutschland seit 30 Jahren. Sie haben das Stiften demokratisiert und die Stiftungslandschaft dadurch nachhaltig verändert. Stiften in eine Bürgerstiftung kann jede*r, sei es Geld, Zeit oder Ideen. Mit jeder Zustiftung, jeder Spende und jedem ehrenamtlichen Engagement wächst nicht nur ihr finanzielles Vermögen, sondern auch ihr Wissen, ihre Netzwerke und ihre Gestaltungskraft. So fördern sie lokale Initiativen, entwickeln eigene Projekte und schaffen Orte der Begegnung, an denen Menschen sich einbringen und Verantwortung übernehmen können.
Dritte Orte – warum gerade jetzt?
Der Begriff „Dritte Orte“ ist derzeit in aller Munde. Dahinter verbirgt sich die Idee von Räumen, die Menschen jenseits von Zuhause und Arbeitsplatz aufsuchen, um sich zu begegnen und um sich auszutauschen. Geprägt wurde der Begriff Ende der 1980er-Jahre durch den US-amerikanischen Soziologen Ray Oldenburg. Er war eine Reaktion auf die soziale und räumliche Entwicklung der amerikanischen Vorstädte, in denen diese alltäglichen Treffpunkte, wie Cafés, Buchhandlungen, Friseursalons und Bars schlicht fehlten.
Europäische Innenstädte dienten diesem Konzept Dritter Orte einst als Vorlage, also die französischen Bistros, Wiener Kaffeehäuser, britischen und irischen Pubs und deutschen Biergärten. Nun verschwinden aber auch bei uns immer mehr dieser Orte, sozialen Räume und Geschäfte, und führen zu Leerständen und fehlender Infrastruktur in Innenstädten und Dörfern. Knappe kommunale Ressourcen wiederum bedeuten eingeschränkte Handlungsmöglichkeiten, um dieser Entwicklung etwas entgegenzusetzen.
Die Räume für zufällige Begegnungen werden weniger, viele Menschen, ob alt oder jung, fühlen sich zunehmend einsam, die Polarisierung von Meinungen nimmt zu, Sprachlosigkeit greift um sich. Entsprechend groß ist der Wunsch nach der Wiedererrichtung und Organisation von Dritten Orten. Dazu zählen nach neuer Definition nicht zwangsläufig nur Cafés und Bars, sondern auch Nachbarschaftstreffs, Mehrgenerationenhäuser, offene Werkstätten, Kultur- und Engagementzentren oder Gemeinschaftsgärten.
Funktion statt Immobilie
Bürgerstiftungen schaffen seit vielen Jahren genau solche Räume, häufig ohne sie ausdrücklich als „Dritte Orte” zu bezeichnen. Eine einheitliche Definition gibt es ohnehin nicht mehr. Was ein Dritter Ort ist, wird mittlerweile sehr individuell beantwortet.
In unserem Verständnis als Bündnis der Bürgerstiftungen Deutschlands muss ein Dritter Ort kein physischer Raum sein. Das temporäre Aufstellen von Klavieren im öffentlichen Raum der Heilbronner Bürgerstiftung und andere Pop-up-Projekte sind für uns ebenfalls Dritte Orte. Entscheidend ist nicht die Immobilie, sondern die Funktion. Wo Menschen unkompliziert und ungeplant zusammenkommen und Gemeinschaft erleben, entsteht ein Dritter Ort.
Die Rolle der Bürgerstiftungen ist dabei die einer ermöglichenden und koordinierenden Organisation, die einen solchen Ort mit Partnern oder alleine betreibt. Sie verstehen sich weniger als reine Fördermittelgebende.
Begegnung ist wichtiger als Konsum
Um ein Bild davon zu bekommen, welche Rolle „Dritte Orte” für die Bürgerstiftungen spielen und welche Erfahrungen sie damit bereits gesammelt haben, hat das Bündnis der Bürgerstiftungen Deutschlands unter den 435 Bürgerstiftungen von Februar bis April 2026 eine Befragung durchgeführt. 166 Bürgerstiftungen – also fast 40 Prozent – haben sich ganz oder teilweise beteiligt. Die Befragung erhebt keinen Anspruch auf Repräsentativität. Sie sollte vielmehr ein aktuelles Stimmungsbild geben und Einblicke in die Erfahrungen, Perspektiven und Bedarfe der teilnehmenden Bürgerstiftungen ermöglichen. Wo gibt es bereits Orte, die unserer Definition entsprechen? Welche Formate und Ansätze funktionieren? Welche Chancen und Herausforderungen sehen Bürgerstiftungen bei der Entwicklung und Gestaltung solcher Orte?
Die Antwort auf die Frage, welche Angebote einen Dritten Ort ausmachen, wurde am häufigsten mit „Begegnung und Nachbarschaft“ beantwortet, dicht gefolgt von der Möglichkeit, sich zu engagieren sowie an Kultur- und Bildungsangeboten teilzuhaben. Ein wichtiger Punkt war zudem, dass es keinen Konsumzwang gibt. Für Bürgerstiftungen sind Dritte Orte damit soziale Orte, an denen Begegnung, Teilhabe und Gemeinschaft stattfindet.
Dass Dritte Orte sehr unterschiedlich aussehen können, zeigen die vielen Beispiele aus der Umfrage: So hat die Bürgerstiftung Berlin zum Beispiel einen Container als selbstverwalteten Jugendtreff umfunktioniert, im niedersächsischen Rössing gibt es den Dorfschnack im Café des örtlichen Friseursalons, andere Bürgerstiftungen bieten öffentliche Stammtische in Gastronomiebetrieben. Eine weitere Bürgerstiftung hat eine leerstehende Eisdiele übernommen und zu einem offenen Begegnungsort mit Kunst- und Kulturangeboten weiterentwickelt. Dritte Orte entstehen nie nach einem festen Raster, sie entwickeln sich vielmehr aus den Bedürfnissen und Gegebenheiten vor Ort.
Zwei Beispiele von den Bürgerstiftungen in Meißen und Stuttgart illustrieren zwei sehr unterschiedliche Ansätze.
Das Jahnhallen-Areal in Meißen: Ein Quartierszentrum entsteht
Die Bürgerstiftung Meißen hat eine ehemalige Turnhalle aus dem Jahr 1895 gemeinsam mit vielen Partnern und den Bürger*innen vor Ort zu einem generationsübergreifenden Quartierszentrum entwickelt. Herzstück ist die sanierte Jahnhalle mit einer offenen Begegnungslandschaft: Café, Co-Working-Bereich und flexibel nutzbare Räumen für Kurse, Workshops und Veranstaltungen von lokalen Vereinen und Initiativen. Ergänzt wird sie durch ein frei zugängliches Außengelände mit Spiel-, Sport- und Bewegungsangeboten. Das Quartierszentrum wird kontinuierlich gemeinsam mit den Meißner Bürger*innen, Vereinen und Initiativen weiterentwickelt. Die Bürgerstiftung versteht den Ort ausdrücklich als „Ort von den Menschen für die Menschen“.
Das Café Kränzchen in Stuttgart
Einen anderen Ansatz verfolgt die Bürgerstiftung Stuttgart mit ihrem Café Kränzchen. Auf dem Pragfriedhof und dem Hauptfriedhof werden regelmäßig Tische und Stühle aufgestellt. Friedhofsbesucher*innen und Passant*innen können einfach Platz nehmen, verweilen und miteinander ins Gespräch kommen. Das Café ist kein Trauercafé, sondern ausdrücklich ein offener Ort der Begegnung. Ehrenamtliche heißen die Gäste mit selbstgemachtem Kuchen und Kaffee willkommen und sprechen mit ihnen über ganz alltägliche Dinge, aber auch über persönliche Erfahrungen und Lebensgeschichten. So entstehen mitunter auch neue, zufällige Kontakte.
Ohne Ehrenamt geht es nicht
Die Organisation vieler Dritter Orte verdeutlicht, worauf ihr Erfolg beruht: auf dem Engagement der Menschen. Aus den Umfrageergebnissen wissen wir, dass die meisten Angebote ausschließlich ehrenamtlich getragen werden und allenfalls hauptamtlich unterstützt werden. Ehrenamt zu organisieren, unterschiedliche Akteur*innen für eine gute Sache zusammenbringen und langfristige tragfähige Strukturen schaffen, ist eine Stärke von Bürgerstiftungen.
Die Umfrage zeigt aber auch, dass Dritte Orte nicht von allein entstehen. Die größte Herausforderung besteht darin, geeignete Räume zu finden und ihre Finanzierung langfristig zu sichern. Ebenso wichtig ist es, einen Ort in der Bevölkerung bekannt zu machen, Menschen zum Mitmachen einzuladen und gerade diejenigen zu erreichen, die nicht zufällig vorbeikommen oder bereits engagiert sind.
Grundsätzlich aber machen die Ergebnisse Mut. Die Bürgerstiftungen haben es sich zum Ziel gesetzt, Menschen zusammenzubringen und gesellschaftlichen Zusammenhalt vor Ort zu stärken. Es entwickeln sich immer mehr Begegnungsorte, dauerhaft oder temporär, groß oder klein, in einer ehemaligen Turnhalle, einem Ladenlokal oder unter freiem Himmel.
Darin liegt die besondere Kraft der Bürgerstiftungen. Sie schaffen nicht in erster Linie Räume, sondern Möglichkeiten zur Begegnung. Dort, wo Menschen Verantwortung übernehmen, Ideen einbringen und Gemeinschaft erleben können, entstehen Dritte Orte, unabhängig davon, ob sie diesen Namen tragen oder nicht.
Über das Bündnis der Bürgerstiftungen Deutschlands
Das Bündnis der Bürgerstiftungen Deutschlands ist im Bundesverband Deutscher Stiftungen angesiedelt und bietet den Bürgerstiftungen in Zusammenarbeit mit starken Partnern an:
- neue Initiativen zu unterstützen und bestehende Bürgerstiftungen bei strategischen Fragen zu beraten und nützliche Impulse zu geben.
- Bürgerstiftungen zu stärken, damit sie Bürgerinnen und Bürgern ein Gefühl der Zugehörigkeit und der Selbstwirksamkeit bieten und sie zu Engagement und Verantwortung befähigen können.
- Beteiligungsstrukturen, Gestaltungsmöglichkeiten, Mitbestimmung
- mit dem Gütesiegel Bürgerstiftungen zu zertifizieren, die den zehn Merkmalen einer Bürgerstiftung entsprechen, damit die Marke „Bürgerstiftung“ immer stärker im öffentlichen Bewusstsein verankert und die Qualität der Arbeit von Bürgerstiftungen transparent gemacht wird.
Mehr Informationen: Startseite | Bündnis der Bürgerstiftungen Deutschlands
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