Mental Health Alliance: Gemeinsam früher handeln
3,5 Millionen Kinder und Jugendliche in Deutschland sind von psychischen Problemen betroffen. Bis zu 75 Prozent aller psychisch Erkrankten zeigen erste Symptome vor dem 25. Lebensjahr. Gleichzeitig fließen nur 4,8 Prozent der deutschen Gesundheitsausgaben in Prävention. Das Ergebnis: ein System, das reagiert, wenn Menschen erkranken, statt sie früh zu stärken. Das führt zu gesellschaftlichen Folgekosten in Höhe von rund 147 Milliarden Euro jährlich (DZPG/DZKJ).
Dabei handelt es sich nicht primär um ein Erkenntnisproblem: Die Evidenz ist da, gute Ansätze sind erarbeitet, engagierte Akteur*innen bringen sich ein. Was fehlt, sind eine wirksame Verbindung der Ansätze, gemeinsame Strategien sowie der politische und finanzielle Wille, konsequent präventiv zu denken und sektorübergreifend zu handeln.
Genau hier setzt die Mental Health Alliance (MHA) an: ein unabhängiges, wachsendes und lernendes Bündnis aus Wissenschaft, Versorgung, Zivilgesellschaft, Kommunen, Krankenkassen und jungen Menschen. Seit einem Jahr kommen rund 80 Beteiligte zusammen, um Veränderungspotenziale und Handlungsoptionen auszuloten. Im Februar 2026 sind wir auf der Basis der intensiven Vorarbeiten offiziell nach außen getreten mit dem Ziel eines Systems der mentalen Gesundheit, das stärkt, bevor es behandelt.
Das Problem: Ein System, das zu spät reagiert
Viele Stiftungen verfolgen das Ziel, möglichst wirkungsorientiert Veränderungen in komplexen gesellschaftlichen Zusammenhängen zu ermöglichen. Gerade im Bereich mentale Gesundheit und gesundes Aufwachsen zeigt sich das deutlich: Ob Kinder und Jugendliche gut aufwachsen, hängt vom Zusammenspiel von Familie, Bildung, Gesundheit, Kinder- und Jugendhilfe und sozialem Umfeld ab – kein Akteur kann das allein gestalten. Kollektive Ansätze wie die MHA bieten deshalb eine Chance, die Aktivitäten einzelner Stiftungen neu zu rahmen und zu verstärken.
Bertelsmann Stiftung, Beisheim Stiftung, alv Foundation und Robert Bosch Stiftung: Gleich vier Stiftungen haben gemeinsam mit den gemeinnützigen Organisationen krisenchat e.V. und ProjectTogether die MHA mitinitiiert.
1. Rückhalt geben und Vertrauen stiften
Stiftungen nehmen eine zentrale Rolle für die Stärkung von Zivilgesellschaft und Demokratie ein, da sie unabhängig von Partikularinteressen handeln und Innovationsimpulse geben können. Auch für eine Allianz wie die MHA, die bewusst sektorübergreifend und parteiunabhängig arbeitet, ist das ein zentrales Fundament. Ihr sichtbares gemeinsames Engagement schafft Relevanz, Transparenz und Rückhalt
- für Praktiker*innen, die an psychischer Gesundheit arbeiten, oft unter schwierigen Bedingungen und mit begrenzten Mitteln;
- für junge Menschen, die ihre Erfahrungen einbringen; und
- für politische Akteur*innen, die Veränderungen anstoßen wollen.
2. Jahrelange Erfahrung als inhaltliche Kraft einbringen
Die Stiftungen in der MHA sind weniger stille Geldgeberinnen, sondern aktive Gestalter*innen von Vertrauens- und Veränderungsräumen, die Jahrzehnte an Erfahrung einbringen:
Die Bertelsmann Stiftung beschäftigt sich beispielsweise seit Jahrzehnten mit der Frage, wie Systeme für junge Menschen besser gestaltet werden können – von frühkindlicher Bildung bis zur Stärkung und Beteiligung junger Menschen. Zudem tragen die Expertise der Beisheim Stiftung im Bereich mentale Gesundheit, die Arbeit der alv Foundation zur Stärkung sozial-emotionaler Kompetenzen und Ressourcen junger Menschen, die Aktivitäten der Robert Bosch Stiftung in chancengerechter und innovativer Bildung sowie das Engagement weiterer Stiftungen dazu bei. Wer die Vision teilt, ist herzlich eingeladen, sich ebenso einzubringen.
3. Netzwerke öffnen, unerwartete Allianzen ermöglichen und gemeinsam für bessere Rahmenbedingungen eintreten
Systemische Veränderung entsteht selten innerhalb bestehender Strukturen allein. Stiftungen können Türen öffnen, die für einzelne Akteur*innen verschlossen bleiben: zu Entscheidungsträger*innen in Bund, Ländern und Kommunen, zu Wissenschaftler*innen, zu Krankenkassen, zu anderen zivilgesellschaftlichen Initiativen. In der MHA ist diese Brückenfunktion bereits Realität: Die Vorschläge der Alliance für die neue Bundesregierung – insbesondere zu einer nationalen Strategie für psychische Gesundheit – wurden im Koalitionsvertrag von CDU, CSU und SPD verankert. Das wäre ohne den Einsatz des breiten Netzwerkes der MHA und die Vorarbeiten der Stiftungen nicht möglich gewesen.
Viele gute Projekte in der mentalen Gesundheitsförderung, evidenzbasierten Prävention oder Frühintervention scheitern nicht an einem Mangel an Ideen, sondern an Strukturen: fehlende nachhaltige Finanzierungsmodelle, unklare Zuständigkeiten, fehlende Abstimmung zwischen Rechtskreisen und ein Verharren in konzeptionellen Silos. Einzelne Akteurinnen können diese Rahmenbedingungen kaum verschieben. Eine Allianz von Stiftungen, die gemeinsam und mit klarer Haltung für systemische Reformen eintritt, schon. In zeitlich begrenzten Collective Action Sprints arbeiten wir mit relevanten Akteur*innen und multiplen Perspektiven an konkreten Systemlücken – von denen es viele gibt. Aktuelle Beispiele: Wir übersetzen internationale Erkenntnisse und Evidenz zur frühen Unterstützung in die deutsche Systemlogik und erarbeiten tragfähige Finanzierungskonzepte. Auf kommunaler Ebene erproben wir Mehrsektorenansätze, die Gesundheit, Jugendhilfe und Bildung systematisch zusammenbringen – statt nebeneinander. Wir entwickeln Modelle, in denen Schulen und Bildungseinrichtungen nicht nur Lernorte sind, sondern gesundheitsförderliche Räume mit klaren, niedrigschwelligen Wegen ins Hilfesystem. Und wir sammeln Belege für den Return on Investment früher Unterstützung, um das ökonomische Argument für Prävention und Gesundheitsförderung dort zu verankern, wo evidenz-informierte Entscheidungen fallen.
4. Echter Jugendpartizipation Raum und Gewicht geben
Bei allen bisherigen Treffen waren junge Menschen aktiv eingebunden – ihre Perspektiven haben das Grundsatzdokument der Allianz mitgeprägt. Ab Mitte 2026 wird diese Rolle strukturell in einem konsultativen Gremium verankert, das gemeinsam mit weiteren Expert*innen die strategischen Hebel der Allianz begleitet. Darin spiegelt sich ein zentrales Designprinzip wider: Die MHA hat sich zum Ziel gesetzt, konsequent gemeinsam mit jungen Menschen ein System zu gestalten, das sie früh stärkt – nicht über sie hinweg. Stiftungen können hier eine besondere Rolle spielen: Sie können Partizipation einfordern, finanzieren, vorleben und den Mehrwert zeigen. Alleine die Erfahrung junger Menschen, dass die eigene Stimme zählt und Strukturen und Diskurse verändern kann, ist schon ein Beitrag zur mentalen Gesundheit junger Menschen. Und sie ist ein Beitrag zu einer Demokratie, in der junge Menschen wirksam sind.
5. Best Practice anschlussfähig machen
In unserem Netzwerk gibt es bereits eine Vielzahl erprobter Ansätze, die jedoch oft nach Ablauf der Einzelprojektförderung versanden, statt nachhaltig implementiert und von anderen Akteuren übernommen zu werden. Hier schafft unsere versammelte Expertise Sichtbarkeit und Anschlussfähigkeit für Best Practice aus internationalen und nationalen Kontexten. Ansätze wie das Projekt Urban Mental Health des Deutschen Zentrums für psychische Gesundheit zeigen bereits in vorbildhafter Weise, wie Schulen und andere Einrichtungen im Rahmen ihres institutionellen Auftrags wirkungsvoll Gesundheitsförderung betreiben können. Modelle wie Headspace, ein nationales Netzwerk in Australien mit regionalen Anlaufstellen für 15- bis 25-Jährige, könnten auch für den deutschen Kontext adaptiert werden. Auch Foundry aus Kanada ist ein Netzwerk mit Vorbildfunktion, insbesondere wenn es um Umsetzung in einem föderalen System geht.
Was es jetzt braucht
Die MHA zeigt, dass Stiftungen gemeinsam und im Verbund mit einer Vielzahl von Experten*innen, Praktiker*innen und jungen Menschen mehr bewegen können als allein – nicht durch parallele Förderprogramme, sondern durch gemeinsames Commitment hinter einem klaren Ziel. Durch gemeinsam getragene Verantwortung und durch die Bereitschaft, gemeinsam auch die strukturell unbequemen Fragen anzugehen. Wir tun beides. Und wir laden ein, es mit uns zu tun.
Mehr Informationen: Mental Health Alliance – Mentale Gesundheit jetzt und für alle.
Über die Autor*innen
Vanessa Gstettenbauer