Raum für Begegnung: Vier Stiftungen zeigen, was Dritte Orte möglich machen
Eine Sitzbank am Wegesrand, ein Kulturort im Quartier oder ein Projekt, das neues Leben ins Dorf bringt: Oft sind es scheinbar kleine Impulse, die Menschen miteinander ins Gespräch bringen. Dritte Orte bieten Raum für Begegnungen jenseits von Familie und Beruf. Sie laden dazu ein, Zeit miteinander zu verbringen, Ideen auszutauschen und gemeinsam das Leben vor Ort zu gestalten.
Viele Stiftungen engagieren sich dafür, solche Räume zu schaffen und weiterzuentwickeln. Die folgenden Beispiele von Sendehalle Weimar, Wüstenrot Stiftung, Beisheim Stiftung, und Software AG – Stiftung zeigen, wie unterschiedlich dieser Einsatz aussehen kann. Gemeinsam ist ihnen das Ziel, Menschen zusammenzubringen und Orte zu schaffen, an denen Gemeinschaft wächst.
© Kino-Club Boizenburg e. V.
SENDEHALLE Weimar
Die SENDEHALLE Weimar ist – Achtung Kunstwort! – eine Immovielie: Eine „Immobilie für Viele“. Für viele Menschen, für viele unterschiedliche Veranstaltungen. Auch der Name SENDEHALLE ist ein bewusst gewähltes Kunstwort.
Das Gebäude wurde 1937 als „Nietzsche-Gedächtnishalle“ von den Nationalsozialisten erbaut, zeitgleich mit dem KZ Buchenwald. Geweiht haben Hitler und seine Chargen es nie, deren Geschichte endete 1945. Aber die Geschichte des Gebäudes ging weiter. Nach dem sowjetischen Geheimdienst bezog der Rundfunk der DDR das Haus, später kam der MDR. Rund 50 Jahre wurde von hier gesendet. Dann Leerstand, illegale Nutzung, Techno, Zerstörung.
Martin Kranz, DDR-sozialisiert, Bürgerbewegter, im Herbst ´89 in Isolationshaft, später festspielerfahrener Kosmopolit und Kulturmacher aus Weimar, aber sieht das große Potenzial dieses Gebäudes, gründet eine Stiftung, die 2024 den Ort erwirbt und ihm seinen heutigen Namen gibt: SENDEHALLE. Hier soll ein Campus der Zukunft entstehen für Bildung, Demokratie, Kreativität und junges Wohnen, eine Begegnungsstätte für Alle. Das gab es in der Geschichte des Ortes nie. Egal in welchem Jahrzehnt – man durfte das Haus nur nach Anmeldung betreten.
Der Stiftungsvorstand, heute bestehend aus den Brüdern Martin und Peter Kranz sowie Louis Lindenborn, entscheidet, die SENDEHALLE von Anfang an zu öffnen. Eine gute Entscheidung: Denn die Menschen kommen, ehrenamtliche Helferinnen und Helfer schleppen im Frühjahr 2025 aus dem Gebäude mehr als 500 Tonnen Schutt, Schülerinnen und Schüler entrümpeln den Dachboden. Danach wird gefeiert, werden Rostbratwürste gegrillt – eine alte Thüringer Tradition – und dabei kommt man ins Gespräch. Die Menschen aus der Nachbarschaft selbst fragen bei der Stiftung an, ob sie sich hier treffen könnten. Man lebt seit Jahren im Stadtteil Silberblick, in der Nähe von Nietzsches Wohnhaus, neben der SENDEHALLE, aber man kennt sich gar nicht. Zum ersten Treffen kommen 120 Leute, mittlerweile kommen sie regelmäßig, laden sich Gesprächspartnerinnen und -partner aus der Stadt ein, organisieren einen großen Flohmarkt, tauschen Bücher. Auch die Studierenden der Hochschule für Musik und der Bauhaus-Universität kommen zur SENDEHALLE. Hier ist Platz, hier können Werkschauen präsentiert und Konzertprüfungen in einem richtigen Aufnahmesaal absolviert werden. Im Juli 2025 steigt ein Jazzfestival. Es finden politische Gespräche statt. Die ACHAVA Festspiele Thüringen – Margot Friedländer Preisträgerin – finden hier eine neue Spielstätte, Liedlegende Thomas Quasthoff hält ihm Herbst 2026 einen Meisterkurs in der SENDEHALLE und bildet damit den Auftakt zur International Arts Academy. Und so wird die SENDEHALLE zum gelebten Dritten Ort, ohne dass man das so nennen musste.
Eine große Herausforderung steht dem Haus noch bevor: die denkmalgerechte Generalsanierung. Ziel ist eine hochautarke energetische Versorgung des historischen Gebäudes, bei gleichzeitiger Wahrung der denkmalpflegerischen Substanz. Veranstaltungen laufen, soweit möglich, weiter und die SENDEHALLE Weimar wird zur gläsernen Baustelle. Schon jetzt ist sie weit mehr als ein Kulturprojekt. Sie ist ein europäisches Modell dafür, wie aus Geschichte Zukunft wird.
Autorin: Claudia Quasthoff, Projektmanagerin
Mehr Informationen:
Website: Sendehalle Weimar
Veranstaltung: Am 3. Oktober 2026 lädt die Stiftung Sendehalle Weimar gemeinsam mit der Montag Stiftung Urbane Räume nach Weimar zum Austausch über Allianzen, Engagement und die Zukunft unserer Städte ein. Programm und Anmeldung: Eventbrite
Wüstenrot Stiftung
An einem Samstagvormittag in einem Dorf am Bodensee führt der Weg zum Einkaufen durch ein Café. Wer hereinkommt, sieht sofort, wer schon da ist. Man nickt sich zu, bleibt kurz stehen, setzt sich vielleicht noch auf einen Kaffee dazu. Ein paar hundert Kilometer weiter östlich, in einem ehemaligen Hallenbad, stehen Menschen zwischen alten Fliesen und bauen gemeinsam eine Bühne auf. Und in einer Dorfbücherei im Bregenzerwald liest ein Vater seinen Kindern vor, während nebenan jemand Kaffee trinkt und andere ins Gespräch kommen.
Solche Situationen entstehen nicht zufällig. Sie brauchen Orte, an denen Menschen sich ohne Verabredung begegnen können. Orte, an denen man bleiben darf, ohne etwas leisten oder konsumieren zu müssen. Orte, an denen aus einer Begegnung ein Gespräch wird – und aus einem Gespräch vielleicht mehr.
Genau deshalb beschäftigen wir uns als Wüstenrot Stiftung mit diesen Orten: Viele klassische Treffpunkte verschwinden: Gasthäuser und kleine Läden schließen, Vereinsheime kämpfen ums Überleben und auch viele Kirchen und Bahnhöfe öffnen nicht mehr ihre Türen. Gleichzeitig sind wir zwar digital ständig verbunden, aber echte Begegnungen im Alltag werden seltener. Dritte Orte gehören deshalb zur sozialen Infrastruktur. Und: Wer gemeinsam einen Ort aufbaut, übernimmt Verantwortung für sein Umfeld – und erfährt, dass eigenes Handeln etwas bewirken kann. So entstehen nicht nur Treffpunkte, sondern auch Orte gelebter Demokratie.
Mit unserem Wettbewerb „Land und Leute – Mehr Orte für Viele“ haben wir uns auf die Suche nach solchen Orten gemacht. Dabei haben wir 21 Projekte aus 811 Einreichungen ausgezeichnet – einen Dorfladen, Schwimmbäder, ein ehemaliges Gefängnis, Bahnhöfe und ehemalige Industrieareale. Wir wollen dabei gute Beispiele finden, sichtbarer machen und andere zum Nachmachen anregen.
Was wir dabei gelernt haben: Den einen perfekten Dritten Ort gibt es nicht. Oft sind es gerade ungewöhnliche Kombinationen, die funktionieren. Ein ausrangierter Frachter wird zum Treffpunkt, eine Bücherei zum Spielraum, ein ehemaliges Hallenbad zum Kulturort. Der Erfolg hängt vor allem davon ab, dass Menschen gerne kommen, bleiben können und sich willkommen fühlen.
Natürlich ist das nicht einfach. Viele dieser Orte kämpfen mit knappen Mitteln, befristeter Förderung und der Frage, wer dauerhaft Verantwortung übernimmt. Umso wichtiger ist eine Erfahrung, die wir vor Ort bei den Engagierten gelernt haben: Dritte Orte entstehen nicht für die Menschen, sondern mit ihnen. Sie müssen zu jenen passen, die dort leben.
Genau darin liegt aus unserer Sicht auch eine Chance für Stiftungen. Nicht überall muss etwas Neues gebaut werden. Oft ist schon vieles da: ein leerer Laden, ein altes Gasthaus, ein Bahnhof, ein verwaistes Hallenbad – und vor allem Menschen mit Ideen, wie wieder Leben in diese gebaute Umwelt einziehen kann. Stiftungen können ihnen Freiräume geben, Experimente ermöglichen und gute Ideen weitertragen. Denn Dritte Orte lassen sich nicht einfach planen, sondern es sind Orte mit Ecken, Ideen und vielen Händen, die weiterbauen.
Autor: Manuel Slupina, Leiter des Themengebietes „Stadt & Land“
Mehr Informationen:
Website: https://projekte.land-und-leute.org/
Kostenlose Publikation: https://wuestenrot-stiftung.de/publikationen/land-und-leute-mehr-orte-fuer-viele-buch/
© Thomas Auer
Beisheim Stiftung
Nicht nur Programme, Projekte oder Veranstaltungen, auch Orte können prägende Wirkung haben. Wie können wir dazu beitragen, mehr Orte zu schaffen, an denen Menschen miteinander in Kontakt kommen – gerade Menschen, die sich im Alltag sonst kaum begegnen würden? Aus unserer Sicht braucht gesellschaftlicher Zusammenhalt genau solche Orte, an denen Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen zusammenkommen und Begegnungen außerhalb ihrer „Bubbles“ erfahren. In einer Welt zunehmender Fragmentierung und einer rasant sich weiterentwickelnden Digitalisierung gewinnen solche physischen Begegnungsorte an Bedeutung. Besonders spannend ist für uns die Vielfalt, die wir bei Dritten Orten erleben.
Seit zwei Jahren begleiten und unterstützen wir in einem Modellprogramm in München drei sehr unterschiedliche Kulturinstitutionen auf ihrem Weg zu offeneren Aufenthalts- und Begegnungsorten, die auch ohne Eintrittskarte genutzt werden können. Im Kinder- und Jugendtheater Schauburg Labor entsteht deshalb mit dem selbst betriebenen (statt verpachteten) Café ein Begegnungsort ohne Konsumzwang, wo Kinder Hausaufgaben machen können und regelmäßig kostenlose Veranstaltungen stattfinden, darunter ein Sprachcafé oder ein Spielenachmittag. Dafür braucht es eine neue Art der Kulturarbeit: Mitarbeitende knüpfen Beziehungen zu Initiativen, Vereinen und Nachbarschaft und entwickeln gemeinsam mit den Menschen vor Ort Angebote. Ähnlich ist es am Haus der Kunst, das neben seinem Museumsprogramm inzwischen einen Community Garden pflegt, Gemeinschaftsessen organisiert und mit dem Open Atelier eine Art Maker Space eröffnet hat. Und die Bayerische Staatsoper öffnet nun freitags ihre Foyers, die normalerweise tagsüber geschlossen sind, um mitten in der Stadt einen offen Raum zu bieten und Menschen über künstlerische Formate miteinander in Kontakt zu bringen. Für diese traditionsreichen Institutionen ist es oft herausfordernd, ihr Selbstverständnis zu hinterfragen, neue Rollen für Mitarbeitende zu schaffen und Kontrolle abzugeben, um den Menschen Beteiligung zu ermöglichen und als öffentlicher, urbaner Raum zur Verfügung zu stehen.
Gleichzeitig beschäftigen wir uns gerade zunehmend mit ländlichen Räumen. Dort begegnen uns ganz andere Formen von Dritten Orten, nämlich Dorftreffpunkte, Vereinsheime, Kulturinitiativen oder Mehrgenerationenhäuser, die das soziale Leben vor Ort prägen. Häufig stehen sie nicht im Rampenlicht und entstehen aus dem Engagement weniger Menschen, die oft die eigentlichen Motoren solcher Orte sind: Sie organisieren Veranstaltungen, knüpfen Beziehungen, übernehmen Verantwortung und investieren unzählige Stunden ehrenamtlicher Arbeit. Ihre Bedeutung ist kaum zu überschätzen. Sie schaffen Verbindungen, stiften Zugehörigkeit und halten Gemeinschaft im Alltag lebendig. In ihrer Summe bilden diese Orte und die Menschen, die sie tragen, einen wichtigen Teil jenes sozialen „Klebstoffs“, der Menschen zusammenhält und Gesellschaft trägt. Gerade deshalb sind sie aus unserer Sicht nicht weniger relevant als die großen und sichtbaren Einrichtungen in den Städten.
Hier zahlen auch zwei unserer Förderprogramme ein: Mit „vereinsstark“ unterstützen wir Sportvereine in ausgewählten Landkreisen in Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt dabei, ehrenamtliches Engagement zu stärken, neue Mitglieder für die Vereinsarbeit zu gewinnen und bestehende Helfende wertzuschätzen. Mit „kulturstark“ schaffen wir in Brandenburg vor allem kleineren Kulturorganisationen Freiräume, um in ihre Organisationsentwicklung zu investieren und beispielsweise Generationenwechsel zu gestalten.
Als Stiftung sehen wir unsere Rolle nicht nur in der Finanzierung: Wir begleiten Veränderungsprozesse, vernetzen Akteur*innen und fördern gemeinsames Lernen. Und unabhängig von Größe, Sparte oder Region gilt für uns: Dort, wo Menschen Gemeinschaft erleben, Vertrauen entwickeln und Verantwortung füreinander übernehmen, entsteht etwas, das für eine demokratische Gesellschaft unverzichtbar ist: Zusammenhalt.
Autor*innen: Ulf Matysiak, Geschäftsführer, und Louisa-Dominique Riedel, Leiterin Kultur-programme
Mehr Informationen:
Website: https://www.beisheim-stiftung.com
© Marius Heimburger
Software AG – Stiftung (SAGST)
Was verbindet uns? Wo bist du zuhause? Was gibt dir Hoffnung? Solche Impulse können Menschen einander näherbringen. Mit der bundesweiten Aktion „Bänke für Begegnung“ feiert der Fonds „Auf Augenhöhe“ sein zehnjähriges Bestehen und richtet den Blick zugleich nach vorn: Wie kann ein gutes Miteinander in einer vielfältigen Gesellschaft gelingen?
Der Fonds wurde 2016 von der Software AG – Stiftung, dem GLS Treuhand e. V. und dem Bündnis Bürgerstiftungen Deutschlands gegründet. Seitdem hat er rund 550 Projekte gefördert und etwa 40.000 Menschen erreicht. Ging es anfangs vor allem darum, das Ankommen durch gemeinsame Aktivitäten von Menschen mit und ohne Flucht- oder Migrationserfahrung zu erleichtern, rückt heute zunehmend in den Mittelpunkt, wie Begegnung, gegenseitiges Verständnis und Zugehörigkeit dauerhaft gestärkt werden können.
An Dritten Orten können Menschen unterschiedlicher Herkunft und mit verschiedenen Lebensgeschichten aufeinandertreffen– etwa in Parks, auf öffentlichen Plätzen oder vor Nachbarschaftseinrichtungen. Gerade weil sich solche Kontakte ungeplant und ohne festen Anlass ergeben, bieten sie die Chance, Vorurteile abzubauen, andere Perspektiven kennenzulernen und Vertrauen wachsen zu lassen. Dritte Orte fördern damit, was eine lebendige Demokratie und ein gutes Zusammenleben brauchen: Offenheit, Dialog und Teilhabe.
An diese Idee knüpfen die „Bänke für Begegnung“ an. „In den vergangenen zehn Jahren haben wir mit dem Fonds ‚Auf Augenhöhe‘ erlebt, was möglich wird, wenn Menschen einander unvoreingenommen begegnen und Verantwortung füreinander übernehmen. Mit unserer Jubiläumsaktion möchten wir diese Erfahrung in den öffentlichen Raum tragen“, sagt Peter Augustin, Mitglied im Vorstand der Software AG – Stiftung.
Zwischen Mitte 2026 und Ende 2027 sucht der Fonds bundesweit Unterstützerinnen und Unterstützer, die mit einer Spende von 2.000 Euro eine hochwertige Sitzbank finanzieren. Diese kann am eigenen Standort aufgestellt oder einer gemeinnützigen Organisation übergeben werden, die sich für Vielfalt und ein Miteinander auf Augenhöhe engagiert.
In jede Rückenlehne ist eine von sechs Fragen eingraviert. Sie laden Passantinnen und Passanten dazu ein, innezuhalten, ins Gespräch zu kommen und sich auf ihr Gegenüber einzulassen. So können rund um die Bänke neue Orte des Austauschs entstehen – und im Alltag erfahrbar machen, was gesellschaftlichen Zusammenhalt auszeichnet.
Mehr Informationen:
Website zur Initiative: https://www.fonds-auf-augenhoehe.de/baenke-fuer-begegnung
Website zur Stiftung: www.sagst.de