Drei Fragen an ... die Stiftung Aufmüpfige Frauen
Seit 2004 richtet die Stiftung Aufmüpfige Frauen ihren Blick auf Menschen, die mit feministischem Selbstverständnis die Gesellschaft in Richtung mehr Geschlechtergerechtigkeit bewegen. Dazu vergibt sie alle zwei Jahre einen gleichnamigen Preis – so auch 2026. Zum internationalen Frauentag haben wir mit Vorständin Uta C. Schmidt darüber gesprochen, was Aufmüpfigkeit für sie bedeutet, worum es bei dem Preis geht und wie sich die Stiftungsarbeit seit dem Tod der Stifterin Prof. Dr. Sigrid Metz-Göckel im Jahr 2025 verändert hat.
© Foto: Kathryn Baingo
Was verbinden Sie genau mit dem Wort Aufmüpfigkeit?
‚Aufmüpfig‘ wird seit dem Wörterbuch der Gebrüder Grimm mit „aufsässig, widersetzlich“ verbunden, also mit Verhaltensweisen, die lange Zeit für Mädchen und Frauen nicht als schicklich galten, weil sie scheu und züchtig zu sein hatten. In dem Wort steckt ‚mupfig‘, was soviel bedeutet wie ‚Unzufriedenheit ausdrücken‘, sich nicht abfinden, nicht akzeptieren, dass Ungerechtigkeit zur Normalität wird. Gleichzeitig äußert sich Aufmüpfigkeit auch als konstruktiver Anstoß, etwas zu verändern. Diese Vorstellung kommt im Motto der Stiftung zum Ausdruck: „Wir brauchen eine konstruktive Aufmüpfigkeit, die stärker ist als Wut.“ Dieser Aufmüpfigkeit wohnt zudem Beharrlichkeit inne, was heißt, Themen nicht fallen zu lassen, nur weil sie unbequem werden, Gegenwehr provozieren oder Ermüdung einsetzt.
Das Wort Aufmüpfigkeit löst ja eine gewisse Irritation aus, weil es so altmodisch und aus der Zeit gefallen anmutet. Gerade unter den heutigen Bedingungen, in denen Gleichstellungsarbeit, Frauenrechte und Geschlechterforschung zunehmend unter Druck geraten, ist Aufmüpfigkeit weniger eine Frage der großen pathetischen Geste, sondern eine Frage der Ausdauer: Nicht nachzugeben, wenn Debatten enger werden; nicht aufzuhören, Haltung zu zeigen, nur weil sie erklärungsbedürftiger geworden ist. Aufmüpfigkeit ist reflektiert, weil sie weiß, warum sie widerspricht. Sie ist dialogfähig, weil sie nicht auf Abwertung setzt. Und sie ist konstruktiv, weil sie gesellschaftliche Transformation anstößt, die sich normativ an Menschenrechten und Geschlechtergleichheit orientiert.
Aufmüpfigkeit braucht Mut – Mut, im Alltag Position zu beziehen, zu widersprechen, Mut, sichtbar zu bleiben, wo Anpassung einfacher wäre. In diesem Sinne verstehen wir Aufmüpfigkeit als eine politische Kategorie.
An wen richtet sich Ihr Preis?
Die Stiftung Aufmüpfige Frauen zeichnet seit 2006 Frauen aus, die, ohne große Organisation hinter sich, mit der eben beschriebenen Aufmüpfigkeit, mit Haltung, Zivilcourage und klarem Blick für Gerechtigkeit tradierte Geschlechterverhältnisse als sozio-ökonomische Ungleichheitsverhältnisse angehen. Im Laufe der Zeit wurden ganz unterschiedliche Persönlichkeiten geehrt. Ich denke da zum Beispiel an Düzen Tekkal, Journalistin und Menschenrechtsaktivistin, die seit 1991 über geschlechtsspezifische Gewalt an Mädchen und Frauen als Kriegswaffe aufklärt, an Anne Wizorek und ihre #aufschrei-Kampagne zu sexueller Belästigung, an Monika Salzer, die Gründerin von „Omas gegen Rechts“, an Sonja Eismann und Stefanie Lohaus, die mit dem Missy Magazine Pop, Politik und Feminismus zusammendenken oder an Carola Wilcke, die mit ihrer Expertise ein Umdenken in familiengerichtlichen Verfahren anstößt.
Dank finanzieller Unterstützung konnten wir 2026 zusätzlich zur „Aufmüpfigen Frau“ einen neuen Preis kreieren: NEXT VOICES – Der Preis für Projekte von jungen Frauen*. Damit werden Mädchen und junge Frauen ausgezeichnet, die nicht wegschauen, sondern handeln und sich selbstbestimmt einsetzen. Denn Aufmüpfigkeit ist eine Bewegungsenergie unabhängig vom Alter. Wir greifen damit die Idee von einem ganz besonderen Generationenvertrag auf, die Monika Salzer anlässlich ihres Preises 2021 formulierte: Sie forderte die Älteren auf, den Jüngeren von ihren historischen Erfahrungen und Kämpfen zu berichten, und die Jüngeren, sich von der Stärke vieler Frauen aus der Großmüttergeneration anregen zu lassen.
Im Jahr 2025 verstarb die Sozialwissenschaftlerin Prof. Dr. Sigrid Metz-Göckel, die die Stiftung gegründet und mit Ihrem Kapital und persönlichem Engagement aufgebaut und maßgeblich geprägt hat. Wie gehen Sie mit diesem Einschnitt in der Stiftungsarbeit um? Wie wollen Sie ihr Vermächtnis weiterführen?
Dieser Einschnitt stellt uns wirklich vor große Herausforderungen, denn es fehlt nun das symbolische Kapital, das Sigrid Metz-Göckel als renommierte Wissenschaftlerin, Wissenschaftspolitikerin, als Geschlechterforscherin und großartige Vernetzerin einbrachte. Zunächst haben wir unser Netzwerk darüber informiert, dass wir die Stiftung in ihrem Sinne weiterführen wollen. Dazu haben wir den Stiftungsvorstand erweitert, um das Engagement auf mehr Schultern zu verteilen, und uns eng mit dem Förderverein vernetzt. Vorstand, Kuratorium und Förderverein haben mit der Zukunftswerkstatt ein Format entwickelt, in dem wir professionell moderiert gemeinsam die weitere Ausrichtung festlegen. Und wir verbuchen es als großen Erfolg, dass es uns als klitzekleine Stiftung gelungen ist, finanzielle Ressourcen für NEXT VOICES einzuwerben. Wir müssen auf jeden Fall eine eigene Handschrift entwickeln, da wir nicht so auf die akademische Welt bezogen agieren können wie Sigrid Metz-Göckel, zumal sich auch die Akademia ändert. Zugleich gilt es, ihre Stiftungskonzeption weiter im Blick zu behalten, nämlich Frauen wertschätzend eine Öffentlichkeit zu bieten, die mit feministischem Selbstverständnis die Gesellschaft in Richtung mehr Geschlechtergerechtigkeit bewegen.
Sigrids Lebenszeit fiel zusammen mit den Fortschritten, die die bundesdeutschen Frauenbewegungen hin zu mehr Liberalität und Geschlechtergleichheit anstoßen konnten. Sie war selbst Akteurin in diesen Modernisierungsprozessen. Feministische Forderungen fanden Eingang in Gesetze, in Verwaltungshandeln und in politische Programme. Gleichstellungsstellen entstanden, Antidiskriminierungsrecht wurde entwickelt, Gewaltschutzstrukturen aufgebaut. Heute erfahren wir, dass diese gesellschaftlichen Errungenschaften durch autoritäre Politik mit aktualisierten traditionellen Geschlechterkonzepten infrage gestellt werden. Aufmüpfigkeit ist deshalb, anders als für die Generation unserer Stifterin, nicht allein vorwärts gedacht, sondern muss sich auch durch ein feministisches Geschichtsbewusstsein zur Fragilität von Institutionalisierungserfolgen speisen. So stehen wir auch vor der Herausforderung, Aufmüpfigkeit in zeitlichen Bezügen komplexer zu denken.
Über die Stiftung
Die Stiftung Aufmüpfige Frauen wurde 2004 gegründet und zeichnet alle zwei Jahre Frauen* aus, die mit Haltung, Zivilcourage und kreativem Einsatz gesellschaftliche Veränderungen anstoßen. Ihr Ziel ist es, konstruktive „Aufmüpfigkeit“ zu fördern – also mutiges, beharrliches Engagement für mehr Geschlechtergerechtigkeit.
Über die Gesprächspartnerin