Drei Fragen an ... die Stiftung Wings of Hope
Zum internationalen PTBS-Tag richten wir den Blick auf eine oft unsichtbare Folge von Krieg, Gewalt und Katastrophen: die Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS). Die Stiftung Wings of Hope begleitet seit vielen Jahren Menschen, die Traumatisches erlebt haben. Im Kurzinterview erzählt Traumapädagogin und Geschäftsführerin Martina Bock vom Alltag traumatisierter Menschen, von Hilfsangeboten und der Hoffnung auf Heilung seelischer Wunden.
PTBS ist für viele ein abstrakter Begriff, der auch Missverständnisse mit sich bringen kann: Wie können wir uns den Alltag von betroffenen Menschen vorstellen?
Die Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) ist eine medizinische Diagnose. Sie ist wichtig, damit Betroffene die nötige Unterstützung erhalten. Zudem hat sie dazu beigetragen, dass die Folgen von Gewalt anerkannt werden. Die Diagnose PTBS bildet jedoch nur einen Teil der möglichen Folgen von Traumata ab. Wir sprechen daher eher von den umfassenderen Traumafolgen, die als normale Reaktionen auf Erlebnisse verstanden werden, welche die Bewältigungsmöglichkeiten unserer Psyche übersteigen. Dies ist der Fall, wenn wir Ereignissen ausgesetzt sind, die unser Leben bedrohen oder unsere Würde verletzen.
Der Kern traumatischer Erfahrungen ist das Erleben von Einsamkeit, Hilflosigkeit und Ohnmacht. Traumatische Erlebnisse sind so stressbeladen, dass sie in unserem Gehirn und Körper nicht normal abgespeichert werden. Sie können deshalb nicht zur Vergangenheit werden, sondern sind jederzeit wieder aktivierbar. Das kann sich im Leben von Menschen sehr unterschiedlich auswirken, je nachdem, wann, wie oft und wie lange sie der Gewalt ausgesetzt waren.
Viele Betroffene haben ein dauerhaft erhöhtes Stressniveau. Sie leiden unter Schlafstörungen, haben Albträume oder sogenannte Flashbacks. Das bedeutet, dass sie durch einen Schlüsselreiz, zum Beispiel durch einen Geruch, das traumatisierende Erlebnis plötzlich wiedererleben, verbunden mit intensiven Gefühlen wie Angst, Schmerz oder großem Erschrecken. Andere vermeiden alles, was im Zusammenhang mit dem traumatischen Ereignis stehen könnte. Das kann das Leben sehr einschränken, wenn man sich beispielsweise nicht mehr traut, unter Menschen zu gehen oder Auto zu fahren.
Viele Betroffene können ihre Affekte und Gefühle nicht gut kontrollieren. Sie werden immer wieder von Angst, Traurigkeit, Wut oder Scham überflutet. Vor allem, wenn es um Erfahrungen mit Gewalt geht, bleibt oft ein tiefes Misstrauen gegenüber anderen Menschen bestehen. Manchmal sind Betroffene wie abgeschaltet und können sich und ihre Gefühle nicht mehr richtig wahrnehmen.
Auch körperliche Symptome wie Schmerzen können eine Folge von Traumata sein, selbst wenn es keine körperliche Ursache gibt.
All diese Traumafolgen wirken sich nicht nur auf die Einzelnen selbst aus, sondern führen auch zu Schwierigkeiten im Zusammenleben mit anderen Menschen, beispielsweise in Familien. Ein Trauma ist etwas, das Menschen in ihren Grundfesten erschüttert: unser Selbstbild, unsere Sicht auf andere Menschen und wie wir Beziehungen gestalten können. Unser Verhältnis zur Welt gerät dadurch ins Wanken.
Wings of Hope arbeitet seit vielen Jahren mit traumatisierten Menschen: Wie hat sich diese Arbeit angesichts aktueller Herausforderungen weiterentwickelt?
Durch die vielen Kriege und Krisen haben wir aktuell natürlich den subjektiven Eindruck, dass traumatische Belastungen zunehmen. Sicher ist aber stärker in unser Bewusstsein gerückt, dass Gewalt, sei es familiäre oder sexualisierte Gewalt oder Gewalt in kriegerischen Auseinandersetzungen, Traumata auslösen kann.
Unsere Arbeit hat sich in den letzten Jahren verändert. Wir setzen verstärkt auf die Vermittlung von Wissen zum Thema Trauma in Form von Seminaren und Weiterbildungen. Uns ist es ein wichtiges Anliegen, dieses Wissen möglichst weit zu verbreiten, damit Betroffene auch wirklich Unterstützung bekommen – nicht nur in der klassischen Psychotherapie, sondern auch an den Orten, an denen sie täglich unterwegs sind und leben. Wenn es in Schulen, Kindergärten, Kirchengemeinden und Nachbarschaften Menschen gibt, die die Folgen von Traumata erkennen und Betroffene unterstützen können, ist das eine große Hilfe.
Damit Betroffene traumatische Erfahrungen verarbeiten können, brauchen sie verlässliche Beziehungen sowie die Erfahrung von Gemeinschaft, Selbstwirksamkeit und Sicherheit. Dazu kann jeder Mensch im persönlichen Umfeld und in der Gesellschaft beitragen. Deshalb führen wir in Deutschland jedes Jahr zahlreiche Seminare für Menschen in helfenden Berufen durch. In unseren Partnerregionen – darunter Palästina, die Ukraine und Länder in Zentralamerika – bilden wir Fachkräfte aus sozialen Berufen zu Traumatherapeut*innen und Traumaberater*innen aus.
Wir arbeiten aber auch direkt mit Betroffenen. Wir wissen, dass der Bedarf sehr hoch ist und längst nicht alle individuelle therapeutische Hilfe erhalten können. Deshalb arbeiten wir vor allem mit Gruppen. So bieten wir beispielsweise Ressourcenwochen für Menschen mit Fluchtgeschichte an. Eine Woche lang kommen Gruppen von Frauen und Kindern in unserem Tagungshaus in Oberbayern zusammen und erleben dort eine heilsame Gemeinschaft. Sie lernen, wie sie ihre Traumafolgen verstehen und einordnen sowie ihren Stress regulieren können. Durch die vielen stärkenden Erlebnisse und das Erleben von Gemeinschaft ist dies eine sehr heilsame Erfahrung. Auch unsere Partner in Bethlehem bieten in ihrem Traumahilfezentrum viel Unterstützung für Kinder und Frauen in Gruppen an.
Gibt es einen Moment oder eine Begegnung aus Ihrer Arbeit, die Ihnen besonders deutlich gemacht hat, wie Heilung gelingen kann?
Es gibt viele Momente, in denen ich erlebe, dass etwas in Menschen heilen kann. Ein Beispiel ist ein Kollege aus El Salvador. Er hat im Krieg Folter und viel Gewalt erlebt. Die Schreckensbilder verfolgten ihn noch viele Jahre danach. Durch die Seminare, in denen wir viel Raum geben, um an eigenen Erfahrungen zu arbeiten, hat er eigene neue Ressourcen entdeckt und konnte sich so noch einmal mit den Schreckenserfahrungen auseinandersetzen. „Eigentlich habe ich in den letzten Jahren nur funktioniert. Ich war wie tot im Leben. Jetzt kann ich das Leben wieder spüren. Ich kann mich wieder freuen und auch traurig sein. Ich habe jetzt wieder Leben in meinem Leben“, so beschreibt er diesen Weg. „Für mich war dies ein Stück Heilung. Und jetzt kann ich das an andere weitergeben.“ Heute begleitet er Menschen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben. Solche Geschichten gibt es viele, und sie geben auch mir Hoffnung in diesen Tagen.
Über die Stiftung
Trauma heilen, Frieden stiften, Versöhnung leben. Dieser Dreiklang beschreibt die Vision von Wings of Hope. Die Stiftung unterstützt Menschen, die unter den Folgen von Krieg und Gewalt leiden. Dies geschieht durch Traumaweiterbildungen im In- und Ausland für Menschen in helfenden Berufen, Friedens- und Dialogarbeit mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen, Traumatherapie und -beratung sowie durch die Sensibilisierung der Öffentlichkeit für das Thema Gewalt und deren gesellschaftliche Folgen. Wings of Hope Deutschland ist eine gemeinnützige Stiftung der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern. Sie arbeitet in Deutschland sowie gemeinsam mit Partnerorganisationen in Bosnien und Herzegowina, Kurdistan-Irak, Palästina und Israel, in Brasilien und Zentralamerika sowie in der Ukraine.
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