US-Philanthropie in der Defensive: Was das für deutsche Stiftungen bedeutet

Die vergangenen Monate markierten für die amerikanische Zivilgesellschaft eine Zäsur: Unter der neuen US-Regierung geraten gemeinnützige Organisationen erheblich unter Druck. Was hat sich in Donald Trumps zweiter Amtszeit auch für den US-amerikanischen Stiftungssektor verändert? Für deutsche Stiftungen eröffnet der Blick über den Atlantik mögliche Strategien, sich auf ähnliche Entwicklungen hierzulande einzustellen und die eigene Rolle neu zu definieren.

US-Präsident Donald Trump steht hinter einem Redner-Pult mit Staatssiegel, spricht in ein Mikrofon und gestikuliert. Im Hintergrund stehen Menschen, die durch ihre Kleidung verschiedenen Berufs- und Bevölkerungsgruppen zuzuordnen sind (beispielsweise mit Polizeimütze, Bauarbeiterhelm, Cowboyhut, etc.). Im Hintergrund sieht man US-amerikanische Flaggen stehen.
US-Präsident Donald Trump bei einer Rede anlässlich der Unterzeichnung des sogenannten „One Big Beautiful Bill“.
© Official White House Photo

Für die Zivilgesellschaft in den Vereinigten Staaten begann das Jahr 2025 mit einem Paukenschlag. Kurz nach seiner Rückkehr ins Weiße Haus erklärte Donald Trump, seine Regierung werde keine gemeinnützigen Organisationen mehr unterstützen, die „unsere nationalen Interessen untergraben“. Es war eine deutliche Warnung an alle NGOs, Thinktanks und Stiftungen im Land – und der Auftakt zu einer Phase großer Unsicherheit. Bald kursierten Berichte über ein neues Steuerrecht, verschärfte Finanzprüfungen und mögliche Aberkennungen des Gemeinnützigkeitsstatus. Eine der Stiftungen, die früh ins Visier der neuen Administration in Washington gerieten, war die Wikimedia Foundation hinter der Online-Enzyklopädie Wikipedia, der von Trumps Staatsanwalt vorgeworfen wurde, „Propaganda“ zu verbreiten.  

„One Big Beautiful Bill“

Nicht nur in den USA, auch in Deutschland wurden diese Entwicklungen mit Sorge betrachtet. Welche Blessuren würde der Non-Profit-Sektor in der neuen Gemengelage davontragen? Angesichts der deutlichen Angriffe auf die Informations- und Forschungsfreiheit verdichtete sich die Angst im Frühsommer: Im Zentrum stand das sogenannte „One Big Beautiful Bill“, Trumps umfassendes Gesetzespaket zur Reform des US-Haushalts. „Unsere amerikanischen Partner*innen befürchteten deutlich höhere Steuerbelastungen“, sagt Ottilie Bälz, Bereichsleiterin Globale Fragen bei der Robert Bosch Stiftung. Angekündigt wurde eine drastische Erhöhung der Abgabe auf das Nettoeinkommen gemeinnütziger Organisationen von bisher 1,4 auf bis zu 10 Prozent. 

Anfang Juli wurde das „One Big Beautiful Bill“ mit viel Getrommel vonseiten der Trump-Regierung verabschiedet, allerdings in deutlich abgeschwächter Form. Auf dem Weg durch den Kongress wurde das Gesetz mehrfach überarbeitet und entschärft. Die finale Fassung sieht nun tatsächlich einen erhöhten progressiven Steuersatz von bis zu 8 Prozent vor – jedoch nur für bestimmte Bildungseinrichtungen mit einem Stiftungsvermögen von mehr als zwei Millionen US-Dollar. Die ursprünglich geplante Ausweitung auf private Stiftungen, festgeschrieben in Abschnitt 112022 des ersten Entwurfs, wurde gestrichen. Ebenso entfiel Abschnitt 899, der ausländischen Non-Profits mit Aktivitäten in den USA die Steuerprivilegien entziehen sollte. Von einer Reform, die den gesamten Sektor lahmgelegt hätte, kann also keine Rede sein. 

Das Ende von USAID 

Das Bild zeigt den Eingang der US-Behörde USAID. Jemand hat ein kleines Schild mit der Aufschrift RIP aufgestellt und Blumen daneben gelegt.
© G. Edward Johnson, Creative Commons Attribution 4.0

Viel gravierender sind die Folgen einer anderen Entscheidung: Trump hat die US-Entwicklungsbehörde USAID geschlossen. Damit entfällt eine beispiellose Fördersumme von rund 75 Milliarden US-Dollar, die bislang in humanitäre Projekte weltweit flossen. Besonders hart trifft es Länder im globalen Süden und in Osteuropa, denen nun das Geld für grundlegende Gesundheitsleistungen fehlt. „Die Lage kann gar nicht dramatisch genug eingeschätzt werden“, sagt Ottilie Bälz. Fachleute gehen davon aus, dass Hunderttausende sterben könnten – etwa weil Programme zur HIV-Bekämpfung nicht weitergeführt werden. In Kenia verloren mehr als 40.000 Gesundheitsmitarbeitende ihren Job, da ihre Löhne direkt über US-Gelder finanziert wurden. Kamil Szlosek ist beim Bundesverband Deutscher Stiftungen für die European Community Foundation Initiative (ECFI) zuständig und beobachtet die Entwicklungen insbesondere bei den osteuropäischen Partnerinstitutionen genau. Er bestätigt: „Viele Organisationen sind in großer Not und müssen ihre Arbeit völlig neu aufstellen.“ Nicht nur mit Blick auf den unabhängigen Journalismus in der Ukraine, der größtenteils aus den USA finanziert wurde, lässt sich konstatieren: Die Lücke, die USAID hinterlässt, kann niemand schließen. Auch europäische Länder wie Großbritannien und die Niederlande kürzen ihre Entwicklungshilfen, während private Stiftungen zu klein sind, um den Ausfall aufzufangen. 

Warnsignal aus den USA 

Die Trump-Regierung setzt ihren Feldzug gegen die amerikanische Philanthropie derweil mit anderen, ideologischen Mitteln fort. Nach dem tödlichen Attentat auf Charlie Kirk warf US-Vizepräsident J. D. Vance Stiftungen wie der Ford Foundation und den Open Society Foundations vor, „linkes“ Gedankengut zu fördern, das zur Gewalt anstachle. Solche Organisationen wolle er künftig persönlich „verfolgen“. In einem offenen Brief wehren sich nun zahlreiche US-Stiftungen gegen die Vorwürfe. Sie verurteilen die Tat an Kirk ausdrücklich und berufen sich zugleich auf das verfassungsrechtlich geschützte Recht auf Meinungsfreiheit. „Unsere Organisationen bestehen aus Menschen, die sich für die Stärkung von Gemeinschaften einsetzen“, heißt es in dem Schreiben. „Wir unterstützen unsere Nachbarn in Not und arbeiten daran, Spaltung und Parteinahme zu überwinden. Philanthropie soll Menschen verbinden – nicht entzweien.“ 

In Deutschland werden die Entwicklungen in den USA von einigen als Warnzeichen für mögliche politische Verschiebungen im Verhältnis zwischen Staat und Zivilgesellschaft verstanden, wie sie auch hierzulande eintreten könnten, sollten autoritäre Kräfte an Einfluss gewinnen. Äußerungen, die die Gemeinnützigkeit mancher Organisationen infrage stellen, gehören auch diesseits des Atlantiks längst zur Rhetorik einiger politischer Akteur*innen. 

Drei Lektionen für den deutschen Stiftungssektor  

1. Strategische Anpassung an veränderte politische Rahmenbedingungen 

Thomas Paulsen von der Körber-Stiftung rät Stiftungen deshalb zur Selbstreflexion: Es sei an der Zeit, kritisch auf sich selbst zu schauen und die eigene Arbeit angesichts veränderter politischer Rahmenbedingungen strategisch neu auszurichten, sagte er bereits im Mai beim Deutschen Stiftungstag in Wiesbaden, bei dem über die neue Rolle der Zivilgesellschaft unter Trump diskutiert wurde. „Stiftungen sind traditionell nicht besonders gut darin, schnell auf Veränderungsprozesse zu reagieren“, so Paulsen. Doch genau das sei jetzt nötig. 

Ein Beispiel für eine Neuausrichtung unter den Zeichen der Zeit liefert die Körber-Stiftung mit dem Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten. Alle zwei Jahre sind Schüler*innen bundesweit eingeladen, auf historische Spurensuche zu gehen. Zuletzt jedoch nahm das Interesse in den ostdeutschen Bundesländern ab – in Mecklenburg-Vorpommern war sie besonders gering. Die Körber-Stiftung reagierte und beschloss, gezielt dort aktiv zu werden. Lehrkräfte in dem nordöstlichsten Bundesland wurden verstärkt motiviert, ihre Schüler*innen zur Teilnahme zu ermutigen – was auch bereits Wirkung zeigt. Paulsen sagt, man habe bewusst in Kauf genommen, dass die auf Ostdeutschland gerichteten Kraftanstrengungen zulasten der bundesweiten Teilnehmerzahl hätten gehen können: „Manchmal ist Qualität wichtiger als Quantität.“ 

Ähnlich wie in Deutschland hat sich auch in den Vereinigten Staaten die Philanthropie lange Zeit vor allem auf urbane, tendenziell progressive Räume konzentriert. Ländliche und dünn besiedelte Regionen gerieten hingegen aus dem Blick. Dabei liegt gerade dort ein enormes Potenzial für Demokratiebildung, sozialen Zusammenhalt und neue Allianzen. Mittlerweile besinnen sich auch in den USA immer mehr Stiftungen auf diese Räume und entwickeln praktische Antworten auf die wachsenden Spannungen zwischen Stadt und Land.

Das Bild zeigt Bill Gates und Mark Suzman im Gespräch auf einer Straße gehend.
Bill Gates und Mark Suzman, CEO der Gates Foundation, bei einem Besuch in London 2024.
© No 10 Downing Street, Attribution-NonCommercial-NoDerivs 2.0 Generic

Obendrein gibt einer der reichsten US-Bürger*innen dieser Tage ein Beispiel, wie man eine besonders radikale Form der Kapitalentfesselung für die gute Sache auf den Weg bringen kann: Microsoft-Gründer Bill Gates hat angekündigt, seine Stiftung bis Ende 2045 aufzulösen – und das verbleibende Vermögen von 200 Milliarden US-Dollar bis dahin mit vollen Händen auszugeben. Man muss nicht gleich über so große Summen sprechen, um zu erkennen, welches Potenzial in diesem freigebigen Ansatz liegt. Das Modell der Verbrauchsstiftung, in Deutschland bislang eher eine Randerscheinung, könnte gerade jetzt zu neuer Relevanz finden. 

2. Aufrechterhaltung des transatlantischen Dialogs  

Der Verein Atlantik-Brücke versteht die Parallelen zwischen Deutschland und den USA als Auftrag, den Dialog beider Länder durch interkulturelle Begegnungen zu stärken. Ein zentrales Format ist ein Austauschprogramm, bei dem Lehrkräfte aus den ostdeutschen Bundesländern in US-Bundesstaaten wie Pennsylvania oder New Mexico reisen, um sich mit amerikanischen Kolleg*innen auszutauschen. Thematisch im Fokus steht nicht die große Weltpolitik, sondern Gemeinsamkeiten im schulischen Alltag, etwa der Einzug von KI im Unterricht. Ziel ist es, eine Form transatlantischer Beziehung zu fördern, die nicht primär von wirtschaftlichen oder militärischen Interessen getragen ist, sondern im Zwischenmenschlichen beginnt. 

3. Investition in Infrastruktur statt Prestige 

Bei aller Irritation, mit der aus Deutschland derzeit auf die USA geschaut wird, lohne sich auch ein offener, neugieriger Blick, sagt Julia Friedlander, Geschäftsführerin der Atlantik-Brücke. Von den Amerikaner*innen lasse sich durchaus etwas lernen: eine unabhängige Geisteshaltung, die gesellschaftliche Verantwortung nicht allein beim Staat sieht, sondern auch den eigenen Beitrag im Kleinen ernst nimmt. In den USA ist der Sozialstaat deutlich schwächer ausgeprägt als in Deutschland. Umso mehr Aufgaben, für die das Gemeinwesen nicht aufkommt, übernehmen dort zivilgesellschaftliche Akteure*innen. Auch deutsche Stiftungen könnten sich, so Friedlander, öfter fragen, ob ihr Geld statt in Prestigeprojekte nicht auch in konkrete Infrastrukturmaßnahmen fließen sollte – etwa in Schulgebäude oder öffentliche Räume. Gibt es im Sektor die Bereitschaft, die eigene Rolle hier zumindest punktuell zu überdenken? 

Lektionen aus den USA lassen sich also zur Genüge ziehen, sei es, indem man sich von der typischen Tatkraft der Amerikaner*innen anstecken lässt, die Kooperationen über den Atlantik gerade jetzt vertieft oder als Stiftung hierzulande versucht, den absehbaren Entwicklungen einen Schritt voraus zu sein. Wie sagt man doch im Amerikanischen: „Desperate times call for desperate measures.“ 

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