Welt-Aids-Tag 2025: Gemeinsam. Gerade jetzt. In Deutschland und weltweit
Im kommenden Jahr jährt sich der erste offiziell dokumentierte Todesfall in Zusammenhang mit Aids zum 45. Mal. Waren es vor zwanzig Jahren weltweit noch etwa 1,7 Millionen Todesfälle, so ist die Zahl dank Aufklärungskampagnen und verbesserter medizinischer Versorgung deutlich zurückgegangen. Daran hatten auch Stiftungen und andere Hilfsorganisationen einen großen Anteil. Doch der Zugang zur notwendigen Unterstützung ist ungleich verteilt und eine HIV-Infektion bleibt eine medizinische und soziale Herausforderung. Noch immer sterben mehr als 630.000 Menschen jährlich an den Folgen von Aids. Das wäre vermeidbar, wenn es gelänge, die Aids-Epidemie bis 2030 zu beenden, so das ambitionierte Ziel eines Bündnisses. Doch aktuelle Entwicklungen bedrohen diesen Plan, erläutert Anne von Fallois, Vorsitzende der Deutschen AIDS-Stiftung, in ihrem Gastbeitrag zum Welt-Aids-Tag am 1. Dezember.
Am 1. Dezember ist Welt-Aids-Tag. Er ist und bleibt der wichtigste Tag im Jahr für alle, die sich im Kampf gegen HIV und Aids engagieren. Der internationale Gedenktag für Menschen, die an den Folgen von Aids verstorben sind, ist gleichzeitig ein Tag der Solidarität und Anlass für deutliche Botschaften. In diesem Jahr fällt er in herausfordernde Zeiten: Weltweit ist der Kampf gegen HIV und Aids unter Druck geraten. Stiftungen wie die Deutsche AIDS-Stiftung und andere HIV-Organisationen in Deutschland und auf der ganzen Welt sind alarmiert: Kürzungen in der globalen Gesundheitsfinanzierung durch große Geberländer, allen voran die USA, gefährden die Erfolge jahrzehntelanger HIV-Arbeit. Das könnte, so eine Prognose des gemeinsamen Programms der Vereinten Nationen (UNAIDS), Millionen Menschenleben kosten.
Mehr als ein Gedenktag
Den Welt-Aids-Tag gibt es seit 1988. Er wurde von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) schon in den Anfängen der Pandemie ins Leben gerufen. Seit 1996 gibt UNAIDS jedes Jahr ein internationales Motto aus. Mit den weltweiten Aktivitäten rund um den 1. Dezember wird ein Schlaglicht auf die anhaltende Herausforderung HIV /Aids geworfen. Der Aktionstag wirkt in Gesellschaft und Politik hinein und erinnert daran, dass HIV weiterhin eine gesundheitsbedrohende Pandemie ist. Am Welt-Aids-Tag geht es um Erinnerung, um Solidarität und Aufklärung. Gleichzeitig ist der Tag aber auch mit einem Appell verbunden: für politisches Handeln und internationale Zusammenarbeit.
2025: Neu denken. Wiederaufbauen. Aufstehen.
Das internationale Motto für den diesjährigen Welt-Aids-Tag „Rethink. Rebuild. Rise.“ bringt es auf den Punkt: Es gilt, angesichts der aktuellen tiefgreifenden Veränderungen die Strategien zur HIV-Bekämpfung zu überdenken. In welchen Strukturen, mit welchen Ressourcen und Akteur*innen kann es trotz der dramatischen Kürzungen gelingen, die Epidemie bis 2030 zu beenden? Das Wissen und die Instrumente dazu haben wir.
Neue Medikamente können zum Game Changer in der HIV-Prävention werden – wie zum Beispiel Lenacapavir: Zweimal jährlich gespritzt, wirkt es faktisch wie eine Impfung. Davon können besonders junge Frauen und Mädchen im südlichen Afrika profitieren, die von sexueller Ausbeutung und damit auch von HIV bedroht sind. Mit Blick auf die fast 41 Millionen Menschen, die weltweit mit HIV leben, braucht es jetzt eine starke Allianz aus zivilgesellschaftlichen Organisationen mit anderen Akteur*innen aus Politik, Forschung, Medien und Gesundheitswesen. Stiftungen wie die Deutsche AIDS-Stiftung oder ungleich größer – die Gates Foundation, die Elton John Foundation oder die Clinton Health Access Initiative – können dazu wichtige Beiträge leisten. Gemeinsam müssen wir Antworten auf die veränderte Situation finden.
Stell dir vor … eine Pandemie bedroht die Welt. Und die Welt schaut weg
Die alarmierende internationale Situation steht auch im Zentrum der diesjährigen deutschen Kampagne zum Welt-Aids-Tag, die gemeinsam von der Deutschen AIDS-Stiftung, der Deutschen Aidshilfe und dem Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit umgesetzt wird. Unter dem Motto „Gemeinsam. Gerade jetzt.“ benennen die verschiedenen Motive Diskriminierung von Menschen mit HIV und den besonders stark davon betroffenen Gruppen. Die Ausgrenzung nimmt wieder zu – auch in Deutschland. Die Kampagne stellt einzelne Menschen vor, um deren Leben es geht, und fordert zu entschlossenem Handeln auf.
Eine gemeinsame Studie des Burnet Institutes und der WHO, die im März 2025 in der medizinischen Fachzeitschrift „The Lancet“ erschien, macht das dramatische Ausmaß der Folgen durch die Kürzungen der internationalen Gelder für die HIV-Arbeit deutlich. Danach könnten bald Millionen Menschen weltweit ihre HIV-Therapie verlieren. Prävention, Beratungs- und Testangebote drohen zu verschwinden. Die Studie warnt: Ohne Gegenmaßnahmen wären etwa 20 bis 30 Jahre zusätzlicher Investitionen nötig, um den Rückschlag auszugleichen.
Stimmen aus gefährdeten Projekten
Die Deutsche AIDS-Stiftung steht im engen Austausch mit ihren Partnerprojekten, zum Beispiel in Mosambik. Das Land hat eine hohe Infektionsrate und ist besonders abhängig von externen Geldgebern. Wichtige Teile der HIV-Arbeit seien ausgebremst, seit über Nacht durch die Abwicklung der Entwicklungsbehörde USAID externe Gelder entzogen und Strukturen eingerissen wurden, die einen Großteil der HIV-Arbeit gesichert hatten, berichten Fachleute von DREAM. Die Trägerorganisation des Programms, das die Deutsche AIDS-Stiftung seit vielen Jahren fördert, macht sich große Sorgen. Testung auf HIV, Informationsarbeit und Angebote für gefährdete Gruppen wie Frauen und Jugendliche dürften nicht wegbrechen. Diese Aktivitäten bestimmen die Zukunft von HIV maßgeblich mit. Prävention, Behandlung, Antidiskriminierungsarbeit und Begleitung von Menschen mit HIV müssen zusammengedacht und umgesetzt werden. Nur so lässt sich die Pandemie beenden.
© Tomas Rodriguez
Auswirkungen auf Deutschland
Die Entwicklungen auf globaler Ebene werden sich auch auf die Lage der HIV-Prävention und -Versorgung in Deutschland auswirken, denn Viren kennen keine Grenzen. Auch deshalb fordert ein Konsortium aus Zivilgesellschaft, Medizin, Pharmazie und Industrie, dem auch die Deutsche AIDS-Stiftung angehört, konkrete Maßnahmen und appelliert an die Bundesregierung, ein Scheitern der im Jahr 2016 beschlossenen Strategie „BIS 2030“ zu verhindern. Diese Strategie beinhaltet nicht nur einen Fahrplan zur Eindämmung von HIV, sondern auch von Hepatitis B und C und anderen sexuell übertragbaren Infektionen. Sie darf nicht scheitern.
Das deutsche Bündnis fordert unter anderem:
- Eine umfassende HIV-Teststrategie und flächendeckende Testinfrastruktur
- Versorgungsangebote und diskriminierungsfreier Zugang zu HIV-Therapien und medikamentöser Prophylaxe (PrEP), auch in ländlichen Gebieten
- Bundesweite, niedrigschwellige Beratungs- und Versorgungsangebote für verletzliche Gruppen und eine nachhaltig sichere Finanzierung bestehender Beratungsstrukturen
- Die Rücknahme der Mittelkürzungen - auch aus aus Deutschland – für den Globalen Fonds zur Bekämpfung von HIV und anderen Erregern sowie Intensivierung des internationalen Engagements Deutschlands.
Rund um den Welt-Aids-Tag ist die Chance groß, dass Botschaften bei politischen Entscheider*innen haften, damit eine Pandemie gestoppt wird. Gerade jetzt braucht es dazu ein klares Bekenntnis.
Über die Stiftung
Die Deutsche AIDS-Stiftung gibt es seit 1987. Sie klärt auf, setzt sich gegen Diskriminierung ein, richtet sich an die Politik und fördert vornehmlich mit Spenden und Erlösen aus Benefizveranstaltungen nachhaltige HIV-Projekte in Deutschland und international.
Weitere Informationen: www.aids-stiftung.de
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