• #DST26

Zwischen Entlastung und Entmündigung: Freiheit im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz

Künstliche Intelligenz verspricht Effizienzgewinne, bessere Entscheidungen und neue Formen gesellschaftlicher Teilhabe. Gleichzeitig wächst die Sorge vor Kontrollverlust, Desinformation und dem schleichenden Verlust menschlicher Urteilskraft. Wie lässt sich dieses Spannungsfeld gestalten? Und welche Rolle kommt Stiftungen dabei zu?

© Bundesverband Deutscher Stiftungen / Foto: David Ausserhofer
4 Minuten 14.07.2026
Gastbeitrag von: Julia Kirchweger

Mit diesen Fragen beschäftigte sich die Publizistin und Wissenschaftlerin Prof. Dr. Miriam Meckel in ihrem Impulsvortrag auf dem Deutschen Stiftungstag in Hamburg. Eingeführt und moderiert wurde der Vortrag von Dr. Nina Smidt, Geschäftsführende Vorständin und Sprecherin des Vorstands der Siemens Stiftung.  Gleich zu Beginn machte Smidt deutlich, dass Künstliche Intelligenz auch im Stiftungssektor zunehmend an Bedeutung gewinnt. Die Technologie ist längst nicht mehr nur Zukunftsthema, sondern beginnt schon jetzt, Arbeitsprozesse und Entscheidungsabläufe in Stiftungen spürbar zu verändern.

Bessere Arbeitsergebnisse durch KI

Studien zeigen, dass Menschen mit KI nicht nur schneller arbeiten, sondern oftmals auch qualitativ bessere Ergebnisse erzielen. Besonders im Wissensmanagement eröffnen sich für Stiftungen große Potenziale: So kann KI das Wissen einer Organisation so bündeln und verknüpfen, dass Mitarbeitende „gewissermaßen mit dem Wissensbestand des Unternehmens sprechen können“, so Meckel.

Darüber hinaus kann KI helfen, passende Partner zu identifizieren, thematische Überschneidungen sichtbar zu machen und gemeinsame Projekte effizienter zu entwickeln und zu koordinieren. Smidt sieht in diesem Zusammenhang erhebliche Chancen: „Ich bin davon überzeugt, dass neben gesteigerter Effizienz die großen Potenziale von KI im Bereich Co-Funding und einer besseren Zusammenarbeit unter Stiftungen und mit Partnerorganisationen liegen.“

Dr. Nina Smidt, Geschäftsführende Vorständin und Sprecherin des Vorstands der Siemens Stiftung moderierte den Impuls von Prof. Dr. Miriam Meckel beim Deutschen Stiftungstag 2026 in Hamburg.
© Bundesverband Deutscher Stiftungen / Foto: David Ausserhofer

Strategische Fragestellungen wichtiger als Effizienzsteigerung

Über Effizienzgewinne hinaus kann KI auch dazu beitragen, Demokratie und gesellschaftliche Prozesse zu stärken. Meckel verwies auf das Beispiel Taiwan: Dort wurden mithilfe der KI-gestützten Beteiligungsplattform Pol.is Bürgerinnen und Bürger in strukturierte Diskussionen zu politischen Fragestellungen eingebunden. Die KI analysierte die Beiträge, identifizierte gemeinsame Positionen und leitete daraus Vorschläge für politische Entscheidungen ab. Als Ergebnis fühlten sich die Teilnehmenden stärker in politische Prozesse eingebunden, während zugleich tragfähige Lösungen für komplexe gesellschaftliche Fragen entwickelt werden konnten.

Gerade in Zeiten, in denen Demokratien massiv unter Druck stehen, können Stiftungen eine wichtige Rolle übernehmen, weil sie Räume für gesellschaftliche Verständigung schaffen, neue Kooperationen ermöglichen und Themen langfristig bearbeiten können.

Für Stiftungen bedeutet das jedoch mehr als die Einführung einzelner Anwendungen. Gefragt ist ein grundsätzlicher Strategieprozess. „Die meisten Stiftungen haben ein sehr klares Wertegerüst und Engagement-Konzept, und das gilt es in allen Elementen zu überprüfen mit der Frage: Was ändert sich daran durch Künstliche Intelligenz”, so Meckel.

Die Risiken digitaler Entmündigung

Den großen Potenzialen stehen jedoch ebenso große Risiken gegenüber. Diese betreffen nicht nur die Technologie selbst: Künstliche Intelligenz sei auch eine Machtfrage, betonte Smidt, wer sie kontrolliere, beeinflusse Märkte, Informationsflüsse und gesellschaftliche Teilhabe. Ohne klare Regeln drohe technologischer Fortschritt zuerst die ohnehin Mächtigen zu stärken und bestehende Ungleichheiten zu verschärfen. Meckel warnte zudem vor einer „Degeneration digitaler Informationsräume“ durch Deepfakes, systematische Desinformation und algorithmisch verstärkte Manipulation.

Ein weniger sichtbares, aber womöglich gravierenderes Problem liegt in der schleichenden Auslagerung menschlichen Denkens an Maschinen. Studien weisen bereits bei der Nutzung von Suchmaschinen sinkende Gehirnaktivität nach; bei generativer KI zeigt sich dieser Effekt noch deutlicher. Damit könnten langfristig Fähigkeiten verloren gehen, die für demokratische Gesellschaften zentral sind: kritisches Denken, Hinterfragen und eigenständige Urteilsbildung. „Fragen stellen ist eine wichtige Kompetenz im KI-Zeitalter“, denn wo Menschen aufhören, selbst zu urteilen, entsteht ein neues Abhängigkeitsverhältnis zwischen Technologie und Gesellschaft.

Kompetenzen der Zukunft in der Bildung

Besonders relevant sind diese Fragen im Bildungskontext. Für Meckel besteht die zentrale Herausforderung darin, Offenheit gegenüber der Technologie zu fördern, ohne dabei die kritische Reflexion über ihre Auswirkungen zu vernachlässigen. Entscheidend sei daher, so Smidt, Kompetenzen zu vermitteln, mit denen Menschen in einer von KI geprägten Welt kritisch denken, verantwortungsvoll entscheiden und selbstbestimmt handeln können.

An Bedeutung gewinnen dabei gerade jene Fähigkeiten, die im Bildungssystem bislang häufig als „Soft Skills“ eingeordnet werden: Kommunikationsfähigkeit, Verhandlungsgeschick, Resilienz und der konstruktive Umgang mit Ambivalenz. „Dinge, die automatisiert werden können, werden automatisiert werden“, betonte Meckel. Umso wichtiger werden Fähigkeiten wie Intuition, soziale Interaktion und Diskursfähigkeit – Kompetenzen, die zutiefst menschlich bleiben. Zugleich bleibt die Umsetzung tiefgreifender Bildungsreformen in Deutschland schwierig. Gerade deshalb könnten neue Allianzen zwischen Zivilgesellschaft, Bildungseinrichtungen und Stiftungen eine wichtige Rolle spielen. Aus dem Stiftungssektor heraus können Impulse entstehen, die Wissen vermitteln, Menschen zum Lernen motivieren und dazu beitragen, gesellschaftliche Lücken zu schließen.

Publizistin und Wissenschaftlerin Prof. Dr. Miriam Meckel bei ihrem Impulsvortrag auf dem Deutschen Stiftungstag in Hamburg.
© Bundesverband Deutscher Stiftungen / Foto: David Ausserhofer

Bedingungen menschlicher Freiheit im digitalen Zeitalter

Zum Abschluss führte die Diskussion zu einer grundlegenden Frage zurück: Wie können Freiheit, demokratische Entscheidungsfähigkeit und gesellschaftliche Verantwortung im KI-Zeitalter bewahrt werden? „Wir haben nicht die Antwort, wir können die Antwort nicht haben“, sagte Meckel. Entscheidend sei vielmehr, in einen kritischen Dialog einzutreten und auch kontroverse Debatten auszuhalten.

Gerade hier kommt Stiftungen eine wichtige Rolle zu, denn KI ist längst mehr als ein technologisches Phänomen. Sie verändert, wie Gesellschaften Entscheidungen treffen, Teilhabe organisieren und Demokratie leben. Umso wichtiger sei es, Räume für Austausch, Orientierung und gesellschaftliche Verständigung zu schaffen. Mit einem persönlichen Appell fasste Miriam Meckel diesen Gedanken zusammen: „Wenn uns das technologische Zeitalter ein Geschenk macht – und ich glaube, das ist so – dann ist es wichtig, dass wir uns erinnern: Wozu ist der Mensch da? Nicht, um zu prompten, sondern um die Übersicht zu behalten und das Werkzeug so einzusetzen, dass es dem Gemeinwohl dient, Demokratie stärkt und gesellschaftlichen Zusammenhalt fördert.“

Auch Nina Smidt sieht darin eine besondere Verantwortung des Stiftungssektors: Stiftungen müssten nicht alle Antworten kennen, aber den Dialog über Chancen, Risiken und gesellschaftliche Leitplanken von KI aktiv mitgestalten. Gerade weil sie unabhängig agieren, unterschiedliche Akteure zusammenbringen und langfristig denken können, seien sie gefordert, Räume für Verständigung zu öffnen. Andernfalls entzögen sie sich ihrer gesellschaftlichen Verantwortung.


Über die Personen

Prof. Dr. Miriam Meckel ist Kommunikationswissenschaftlerin, Mitgründerin von Ada Learning und eine der profiliertesten KI-Expertinnen im deutschen Sprachraum.

Dr. Nina Smidt ist Geschäftsführende Vorständin und Sprecherin des Vorstands der der international tätigen Siemens Stiftung und Beiratsmitglied des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen.

Video: Freiheit im Zeitalter der KI mit Miriam Meckel und Nina Smidt beim Deutschen Stiftungstag 2026 in Hamburg

Über die Stiftung

In einer Zeit tiefgreifender globaler Veränderungen engagiert sich die gemeinnützige Siemens Stiftung für nachhaltige gesellschaftliche Entwicklung. Zusammen mit Menschen und Gemeinschaften eröffnet sie Handlungsmöglichkeiten, um soziale und ökologische Transformation aktiv zu gestalten. Ihre internationale Arbeit konzentriert sich auf drei zentrale Handlungsfelder: Grundversorgung, Digitalität und Klima. In interdisziplinärer Zusammenarbeit verbindet sie lokales Handeln mit globalen Perspektiven und unterstützt damit gezielt Resilienz, sozialen Zusammenhalt und regenerative Praktiken. 

Mehr: Webseite der internationalen Siemens Stiftung

Über die Autorin

Verwandte Artikel

Zurück
Vor