Zwischen Krisenhilfe und Wiederaufbau: Wie deutsche Stiftungen die Ukraine unterstützen können

Der russische Angriffskrieg geht weiter und ein Ende ist nicht abzusehen. Die Unterstützung der Ukraine und der Menschen vor Ort bleibt ein zentrales Anliegen vieler deutscher Akteur*innen. Auch wenn viele Stiftungen und Spendenorganisationen unmittelbar nach Beginn der russischen Vollinvasion Mittel für Soforthilfe und notleidende Familien bereitgestellt haben, herrscht wenig Klarheit darüber, wie dieses Engagement nachhaltig gestaltet werden kann. Welche Rolle können Stiftungen angesichts wachsender Unsicherheit, bürokratischer Hürden und abnehmender Aufmerksamkeit einnehmen? Um das zu diskutieren, luden die Robert Bosch Stiftung, die Plattform Wiederaufbau Ukraine sowie das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung im Rahmen des Deutschen Stiftungstages 2025 in Wiesbaden zu einem Austausch ein.

Das Bild zeigt zwei Häuser: im Vordergrund ein altes und beschädigtes Backsteinhaus und im Hintergrund ein hohes, modernes Haus mit verspiegelter Fassade mit roten Deko-Akzenten.
Das Innovationszentrum Promprylad in Iwano-Frankiwsk.
© Markus Lux

Zwischen Nothilfe und Zukunftsvision: Das Engagement im Wandel

Die Ukraine steht im Spannungsfeld zwischen akuter Nothilfe und dem strukturellen Wiederaufbau des Landes. In den Gesprächen wurde deutlich: Der Wiederaufbau darf nicht als Rückkehr zur Vorkriegssituation verstanden werden. Vielmehr eröffnet er die Chance, die Ukraine resilienter, nachhaltiger und integrativer zu gestalten – etwa durch innovative Stadtentwicklung, die auch Bildung, kulturelle Diversität und soziale Integration einschließt. Der Leitgedanke „Build Back Better“ beschreibt diesen zukunftsorientierten Ansatz treffend.

Zunehmend breitet sich jedoch eine sogenannte Donor Fatigue aus: Die Spendenbereitschaft sinkt, Förderungen sind rückläufig, die mediale Aufmerksamkeit lässt nach und viele Geber*innen agieren angesichts der unklaren Kriegsdauer zögerlich oder ziehen sich sogar aus der internationalen Entwicklungszusammenarbeit zurück, wie das Beispiel USAID zeigt. Für viele ukrainische Organisationen wird es dadurch schwieriger, wirkungsvolle und langfristige Projekte zu sichern. Gleichzeitig wünschen sich zivilgesellschaftliche Partner*innen in Deutschland und in der Ukraine mehr Planbarkeit und Flexibilität in den Förderbedingungen.

Viele Akteur*innen streben eine transsektorale Zusammenarbeit mit einer stärkeren Verknüpfung von zivilgesellschaftlichem und wirtschaftlichem Engagement an. Diese bietet beträchtliches Potenzial, da die wirtschaftliche Resilienz der Ukraine als zentrale Säule auch gesellschaftlicher Stabilität gilt. Public-Private-Partnerschaften und gezielte Investitionsanreize können helfen, die Mittel für den Wiederaufbau zu vervielfachen – vorausgesetzt, Unternehmen werden strategisch eingebunden und in den Dialog aufgenommen.

Der Aufbau einer gleichberechtigten Partnerschaft und der Austausch zwischen deutschen und ukrainischen Akteur*innen – sowohl zivilgesellschaftlich als auch wirtschaftlich – braucht Zeit, Ressourcen und persönliche Begegnungen. Nur durch verlässliche Kommunikationskanäle und transparente Prozesse kann das Vertrauen entstehen, das für gemeinsame Projekte notwendig ist.

Barrieren für ein wirkungsvolles und nachhaltiges Engagement

Eine Gruppe von Veteran*innen des Programms VILNO der Organisation Inscha Oswita sitzt an einem Tisch und bastelt etwas. Sie sind fröhlich im Gespräch und der Tisch ist voller Bastelmaterial. Im Zentrum, an einem Ende des Tisches, sitzt eine junge Frau.
Eine Gruppe von Veteran*innen des Programms VILNO der Organisation Inscha Oswita in einem Kunst-Workshop zur Stärkung ihrer mentalen Gesundheit.
© Anastasija Tjelikova

Im Rahmen der Diskussion haben die Teilnehmenden fünf zentrale Themenfelder identifiziert, die ein wirkungsvolles und nachhaltiges Engagement behindern:

  1. Mangelnde Professionalisierung und Organisationsentwicklung
    Kleine und mittlere ukrainische Organisationen benötigen langfristige Unterstützung beim Aufbau institutioneller Strukturen. Eine zu starke Abhängigkeit von einzelnen Fördererinstitutionen und Einzelpersonen in den Organisationen gefährdet die Kontinuität, ebenso wie fehlende Ressourcen für Qualifizierung und Entlastung der Mitarbeitenden.
  2. Mentale Gesundheit als unterschätztes Querschnittsthema
    Die psychische Belastung in der Ukraine ist enorm – nicht nur bei direkt Betroffenen, sondern auch innerhalb der zivilgesellschaftlichen Organisationen. Im Gegensatz zu anderen Krisenregionen wird diese Problematik in der Ukraine in beachtenswerter Offenheit diskutiert. Trotzdem ist das Thema bislang unterfinanziert und wenig systematisch verankert.
  3. Mangelnde Planbarkeit
    Viele ukrainische Akteur*innen begrüßen zwar die Sonderregelungen für Spenden in Deutschland, vermissen jedoch eine langfristige Planungssicherheit in den Partnerschaften. Parallel dazu sinken die Förderbereitschaft und das -volumen in Deutschland wie auch international stetig.
  4. Bürokratische Hürden
    Von Zollvorschriften über Umweltauflagen bis zu fehlender Abstimmung zwischen Behörden: Praktische Probleme bei der Umsetzung von Hilfsprojekten bremsen das Engagement erheblich – dies beginnt bereits auf der deutschen Seite.
  5. Orientierungslosigkeit trotz Engagement
    Viele Organisationen wissen schlichtweg nicht, welche Förderprogramme bereits existieren, wer ihre Ansprechpartner*innen sind oder welche Best-Practice-Modelle bereits erprobt wurden.

Empfehlungen für eine stärkere Wirkung

Das Bild ist von einer Bühne aus aufgenommen. Es zeigt von Hinten einen Mann und eine Frau, die auf Stühlen auf der Bühne sitzen, ein Mikro in der Hand, und sich unterhalten. Im Hintergrund ist die Zuschauermenge mit den Blicken auf die Bühne gerichtet.
Meridian Czernowitz, Projektpartnerin der Robert Bosch Stiftung, veranstaltete ihre Literaturfestivals nahe der Frontlinie in Charkiw und Saporischschja im Juli 2025 aus Sicherheitsgründen im Bunker
© Meridian Czernowitz

Um diesen Herausforderungen entgegenzutreten, haben die Diskussionsteilnehmer*innen Empfehlungen für staatliche und zivilgesellschaftliche Akteur*innen entwickelt:

  1. Langfristige Partnerschaften etablieren
    Vertrauen ist die Basis für wirksames Engagement – dies erfordert persönliche Netzwerke, verlässliche Ansprechpartner*innen und empathisches Verständnis für die Kolleg*innen in der Ukraine, die unter extremen Bedingungen arbeiten. Aber ebenso wichtig ist eine stärkere Nachhaltigkeit in den Förderbeziehungen: Diese beginnt mit einer mittelfristigen zeitlichen Perspektive und führt von projektbezogenen Einzelmaßnahmen hin zu institutioneller Förderung mit entsprechendem Kapazitätsaufbau.
  2. Mentale Gesundheit strukturell verankern
    Psychosoziale Unterstützung sollte systematisch in Förderlogiken aufgenommen und langfristig finanziert werden, beispielsweise durch zweckgebundene, zusätzliche Förderbeiträge oder zumindest einen Overhead, der solche Maßnahmen zulässt. So könnte insbesondere die Resilienz der örtlichen Partner*innen gestärkt werden.
  3. Rechtliche Grundlagen und Förderbedingungen transparenter und planbarer gestalten
    Steuerliche Sonderregelungen brauchen längere Laufzeiten und eine klare Kommunikation – sowohl für Spender*innen als auch für Projektträger*innen. Partizipation beginnt schon bei der Antragstellung: Öffentliche Mittelgeber*innen und private Stiftungen sollten stärker die volatilen Bedingungen berücksichtigen, in denen sich ihre Partner*innen vor Ort befinden. Einige ukrainische Organisationen mussten wegen des Krieges bereits mehrfach ihren Standort verlegen. Oder sie verlieren kurzfristig ihre Mitarbeitende, weil diese zum Militär eingezogen werden. Vereinfachte Due Diligence-Prüfungen und Berichtswesen sind erste Schritte in diese Richtung.
  4. Finanzierungsmöglichkeiten ausbauen
    Flexible Finanzierungsinstrumente, die verschiedene Geldquellen bündeln, stärken die Umsetzungskraft lokaler und internationaler Initiativen. So genannte Pooled- oder Matching-Funds sind hier gute Beispiele. Weitere Instrumente zur Diversifizierung der Förderung sind zinslose Darlehen, Bürgschaften, institutionelle Förderung sowie eine uneingeschränkte oder beteiligungsorientierte Mittelvergabe.
  5. Wirtschaft gezielt integrieren
    Um die Zusammenarbeit über Sektorengrenzen hinaus zu stärken, können Stiftungen und Ministerien als Brückenbauer*innen fungieren. Dazu gehören Bürgschaften für beispielsweise sozialunternehmerische Vorhaben wie das Innovationszentrum Promprylad in Iwano-Frankiwsk oder der Ukraine Social Venture Fund, die so attraktiver für Investor*innen sind.
  6. Koordinationsplattformen ausbauen
    Der Ruf nach zentralen Plattformen, Austauschformaten, interaktiven Karten und Koordinationsstellen ist deutlich: Räume für Erfahrungsaustausch – ob digital oder analog –sind unerlässlich. Vielversprechende Ansätze bestehen hier mit der Plattform Wiederaufbau Ukraine für die deutsch-ukrainische Zusammenarbeit und dem internationalen Stiftungsnetzwerk Foundations4Ukraine.
  7. Europäische Perspektiven mitdenken
    Der Wiederaufbau der Ukraine ist eine europäische Aufgabe. Entsprechend sollten trinationale Projekte und Kooperationen mit den mitteleuropäischen Nachbarländern gezielt unterstützt werden.

Ukraine-Förderung braucht Strategie, Mut und Zusammenarbeit

Die Förderung der Ukraine ist weit mehr als kurzfristige Hilfe. Sie ist eine langfristige Investition in europäische Werte, gesellschaftliche Stabilität und demokratische Resilienz. Damit dieses Engagement wirksam bleibt, braucht es institutionelle Verantwortung, strategische Partnerschaften und Räume für Reflexion. Stiftungen sind prädestiniert dafür, diese Rolle einzunehmen und gehen in einigen Fällen bereits voran. Sie können Brücken bauen, moderieren und ermöglichen, in einer Zeit, die nach langfristigem Denken und akutem Handeln verlangt.

Weitere Informationen zu konkreten Hilfestellungen sowie Austausch:

 

 

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