Datenatlas Zivilgesellschaft:
Wie Stiftungen mit Daten einen Beitrag zum Gemeinwohl leisten
Wie zufrieden sind die Bürger*innen mit der Lebensqualität in ihrer Nachbarschaft? Wo gibt es die meisten Obdachlosen? Welche Stadtteile haben den größten Bildungsbedarf? Stiftungen erheben regelmäßig Daten, die solche Fragen beantworten. So können sie ihre wichtige und gemeinwohlorientierte Arbeit evidenzbasiert steuern und begründen, ihre Wirkung steigern und ihre Ressourcen effizient einsetzen. Doch diese Daten bleiben meist unsichtbar für andere – obwohl sie für Verwaltungen, Medien und andere Organisationen hochrelevant wären. Der neue Datenatlas Zivilgesellschaft macht sie nun auffindbar.
Greenpeace und die Bertelsmann Stiftung stellen Open Data bereit
Stiftungen und andere zivilgesellschaftliche Organisationen sind nicht nur Nutzer*innen von Daten, sondern erheben diese auch spezifisch für ihre Wirkungsfelder. Diese Daten können sie als offene Daten – auch Open Data genannt – der Allgemeinheit zur freien Wiederverwendung zur Verfügung stellen. Die Bertelsmann Stiftung beispielsweise geht seit einigen Jahren mit ihrem Datenportal Wegweiser Kommune diesen Weg. Die Daten sind unter einer offenen Lizenz, in maschinenlesbaren Formaten zum Download verfügbar. Aber auch andere Daten stellt die Bertelsmann Stiftung als Open Data bereit.
Ein anderes Beispiel für die Bereitstellung offener Daten aus der Zivilgesellschaft ist Greenpeace. In einem eigenen Open-Data-Portal stellt die Umweltorganisation offene Daten aus ihren Projekten zur Verfügung. Dies sind Daten zur russischen Schattenflotte, zu antibiotikaresistenten Keimen auf Grillfleisch oder zum Energieverbrauch von KI-Rechenzentren.
Was sind offene Daten und welche Vorteile bieten sie?
Nicht alle Daten, die im Internet abrufbar sind, erfüllen die Kriterien für Open Data. Diese sind im Wesentlichen (siehe der Open-Data-Leitfaden der Bertelsmann Stiftung):
- Die Veröffentlichung der Daten erfolgt unter Angabe einer freien Lizenz, die angibt, wie Nutzer*innen die Daten verwenden dürfen (rechtlicher Aspekt).
- Die Daten sind in offenen und maschinenlesbaren technischen Formaten verfügbar (technischer Aspekt).
- Die Daten sind beschrieben durch Metadaten (Angaben zu den veröffentlichten Daten; organisatorischer Aspekt).
Da die Veröffentlichung von offenen Daten für die meisten zivilgesellschaftlichen Organisationen etwas Neues ist, stellt sich ihnen die Frage, welche Vorteile sie bieten. Im Impulspapier Offene Daten für alle. Die Rolle der Zivilgesellschaft hat die Bertelsmann Stiftung gemeinsam mit anderen zivilgesellschaftlichen Organisationen Argumente für Open Data zusammengetragen:
1. Reichweite und Wirkung multiplizieren
Offen zugängliche Daten werden durch viele Stakeholder*innen weiterverwendet und erreichen so ein deutlich größeres Publikum. Sie stärken journalistische Berichterstattung, öffentliche Debatten und schaffen Bewusstsein für wichtige Themen.
2. Kooperationen und Synergien ermöglichen
Open Data schafft neue Partnerschaften zwischen Zivilgesellschaft, Forschung, Verwaltung und Wirtschaft. Gemeinsam können innovative Lösungsansätze entwickelt werden – ohne, dass jede Organisation eigene Datenerhebungen durchführen muss.
3. Informationslücken schließen
Offene Daten bieten Einblicke in Bereiche, die in amtlichen Statistiken oft fehlen: die Lebensrealität marginalisierter Gruppen, lokale Umweltdaten oder spezifische soziale Bedarfe. Sie tragen zu einem vollständigeren Bild unserer Gesellschaft bei.
4. Evidenzbasierte Arbeit stärken
Wenn mehr zivilgesellschaftliche Daten verfügbar sind, können alle Organisationen ihre Anliegen besser mit Fakten untermauern und komplexe gesellschaftliche Herausforderungen effektiver angehen.
Der Datenatlas Zivilgesellschaft macht offene Daten auffindbar
Im Juni 2025 hat die Bertelsmann Stiftung mit dem neuen Datenatlas Zivilgesellschaft ein Metadatenportal veröffentlicht, das offene Daten aus der Zivilgesellschaft in Deutschland auffindbar macht. Die Datensätze der Organisationen verbleiben dort, wo sie veröffentlicht wurden: auf der eigenen Website zum Beispiel oder in Repositorien wie GitHub. Der Datenatlas verweist als zentraler Zugangspunkt auf die offenen Daten der einzelnen Organisationen. Eine Suchfunktion und thematische Übersichten erleichtern es den Nutzer*innen, für sie relevante Daten zu finden.
Zielgruppe des Portals ist vor allem die Zivilgesellschaft selbst. Mitarbeitende aus zivilgesellschaftlichen Organisationen können nach Daten recherchieren, die für ihren thematischen Kontext passend sind. Weitere Nutzergruppen können sein: Wissenschaft (beispielsweise die Zivilgesellschaftsforschung), Bildungsinstitutionen, Journalismus (insbesondere Datenjournalismus) oder die Verwaltung, zum Beispiel auf kommunaler Ebene. Derzeit nutzen Kommunen noch vor allem ihre eigenen Verwaltungsdaten für Entscheidungen. Als Grundlage für datenbasierte Entscheidungen könnten neben den Daten der Verwaltung auch Daten von zivilgesellschaftlichen Organisationen aus der Kommune dienen.
Der Datenatlas soll sich zu einer zivilgesellschaftlichen Ergänzung zu GovData entwickeln. Letzteres ist das Metadatenportal, das offene Daten aus der Verwaltung auf Bundes-, Landes- und Kommunalebene auffindbar macht, das aber keine Datenbereitsteller außerhalb der Verwaltung aufnimmt.
Gesellschaftliche Datenvielfalt jenseits der Verwaltung
Während die Verwaltung in Deutschland bereits seit den frühen 2010er Jahren Erfahrungen mit Open Data gesammelt hat und durch diverse Gesetze auf den unterschiedlichen föderalen Ebenen auch teilweise zur Veröffentlichung von offenen Daten gezwungen ist, sind zivilgesellschaftliche Organisationen davon ausgenommen. Dies hat auch seine Berechtigung. Und trotzdem stellt sich die Frage, ob zivilgesellschaftliche Organisationen nicht aus eigenem Antrieb heraus einen Beitrag für eine größere Verfügbarkeit von Open Data leisten könnten.
In Deutschland gibt es rund 650.000 zivilgesellschaftliche Organisationen und Initiativen. Diese Organisationen sammeln laufend wertvolle Informationen – sei es zu Barrierefreiheit, Umweltdaten oder sozialen Bedürfnissen. Während Behörden vor allem Verwaltungsabläufe dokumentieren, kennen zivilgesellschaftliche Organisationen die alltäglichen Lebensrealitäten der Menschen oft sehr genau.
Wheelmap, zeigt zum Beispiel barrierefreie Wege auf. Wikidata zeigt seit Jahren, wie wertvoll von der Community zusammengetragenes Wissen und Daten sein können. Doch bisher bleibt noch viel Datenpotenzial aus der Zivilgesellschaft ungehoben. Dies liegt nicht unbedingt an einer fehlenden Bereitschaft, gesellschaftlich nützliche Daten zu teilen, sondern häufig an mangelndem technischem Knowhow und an personellen Ressourcen.
Auch hierfür bietet der neue Datenatlas Zivilgesellschaft eine Lösung. Zahlreiche Unterstützungsangebote wie Datensprechstunden, Open-Data-Einführungsworkshops und Open-Data-Netzwerktreffen fördern die Datenkompetenzen und den Wissensaustausch innerhalb der Zivilgesellschaft. Sie sind für alle zivilgesellschaftlichen Organisationen und Initiativen kostenlos nutzbar.
Offene Daten stärken das Gemeinwohl
Offene Daten aus der Zivilgesellschaft bieten vielfältige Chancen: Sie stärken die eigene Arbeit, fördern Kooperationen und ermöglichen neue gesellschaftliche Impulse. Stiftungen können durch die Bereitstellung ihrer Daten einen wertvollen Beitrag zum Gemeinwohl leisten und sich gleichzeitig als Wegbereiter*innen einer offenen Datenkultur präsentieren – für mehr Transparenz, Innovation und gesellschaftliche Wirkung.
Über den Datenatlas Zivilgesellschaft
Der Datenatlas Zivilgesellschaft ist ein zentrales Metadatenportal, das offene Daten aus der Zivilgesellschaft sichtbar, auffindbar und nutzbar macht. Ziel ist es, den Zugang zu qualitativ hochwertigen Daten zu verbessern, die Arbeit zivilgesellschaftlicher Organisationen zu unterstützen und datenbasiertes Handeln zu fördern. Neben dem Datenkatalog legt der Datenatlas besonderen Wert auf Kompetenzaufbau, Wissenstransfer und Vernetzung. Mit Open-Data-Workshops, Datensprechstunden, Open-Data-Netzwerktreffen und Open-Data-Barcamps wollen wir die Datenkompetenz zivilgesellschaftlicher Akteur*innen stärken.
Über die Bertelsmann Stiftung
Die Bertelsmann Stiftung setzt sich dafür ein, dass alle an der Gesellschaft teilhaben können – politisch, wirtschaftlich und kulturell. Unsere Programme: Bildung und Next Generation, Demokratie und Zusammenhalt, Digitalisierung und Gemeinwohl, Europas Zukunft, Gesundheit, Nachhaltige Soziale Marktwirtschaft. Dabei stellen wir die Menschen in den Mittelpunkt. Denn die Menschen sind es, die die Welt bewegen, verändern und besser machen können. Dafür erschließen wir Wissen, vermitteln Kompetenzen und erarbeiten Lösungen. Die gemeinnützige Bertelsmann Stiftung wurde 1977 von Reinhard Mohn gegründet.
Weitere Informationen: www.bertelsmann-stiftung.de
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