Stiftungsvorstand gesucht: So gelingt die Nachfolge
Stiftungen klagen häufiger über Schwierigkeiten, qualifizierte Kandidatinnen und Kandidaten für Vorstandspositionen zu gewinnen. Mehr als 40 Prozent der Stiftungen sorgen sich um die Nachfolge im Stiftungsvorstand, so eine Untersuchung des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen aus dem Jahr 2023. Daher haben wir bei Stiftungsexperten Dr. Karsten Timmer nachgefragt, was Stiftungen tun können, um den Prozess erfolgreich zu gestalten.
Rund 80 Prozent der deutschen Stiftungen werden ehrenamtlich geführt. Was muss ein potenzielles Vorstandsmitglied idealerweise mitbringen?
Nun, die inhaltlichen Kompetenzen werden sehr stark von der jeweiligen Stiftung abhängen. Grundsätzlich sollten Vorstandsmitglieder eine gewisse Entscheidungs- und Gestaltungsfreude mitbringen. Auch Teamfähigkeit ist wichtig, wenn das Gremium als Gruppe funktionieren soll.
Außerdem sollten sich Vorstandsmitglieder immer darüber bewusst sein, dass sie in einer sehr privilegierten Situation sind, gerade gegenüber den Organisationen, die von der Stiftung gefördert werden. Demut, Neugier und die Fähigkeit, sich selbst und die Stiftung nicht zu wichtig zu nehmen, sind nach meiner Erfahrung wichtige Merkmale für einen guten Vorstand.
Sind Bedenken bezüglich Haftungsfragen, die ein Vorstandsamt in einer Stiftung mit sich bringen könnte, berechtigt?
Ich denke nicht, denn grundsätzlich unterscheidet sich die Haftung nicht von der eines Vereinsvorstandes. In beiden Fällen kann man Haftungsrisiken mit einigen einfachen Regeln sicher umschiffen: Schauen Sie regelmäßig in ihre Satzung. Folgen Sie Ihrem gesunden Menschenverstand. Lagern Sie risikobehaftete Aktivitäten an spezialisierte Dienstleister aus. Und, ganz wichtig: Fragen Sie um Rat, wenn Sie sich nicht sicher sind.
Gibt es tatsächlich immer weniger Menschen, die bereit sind, sich zu engagieren?
Ich bin fest davon überzeugt, dass die Mitarbeit in einer Stiftung für viele Menschen eine interessante und attraktive Aufgabe ist. Der Ball liegt hier bei den Stiftungen, die aktiver suchen müssen. Dazu gehört auch die Bereitschaft, über die eigenen Netzwerke hinauszuschauen.
Wann sollten sich Stiftungsvorstände mit dem Thema Nachfolge beschäftigen und worauf ist zu achten?
Ich rate dringend dazu, regelmäßig ein Mal im Jahr bei einer Vorstandssitzung zu besprechen, wann Neubesetzungen oder Wiederwahlen anstehen. So wird man nicht überrascht und hat gegebenenfalls genug Vorlauf, um passende Personen zu finden.
Wenn eine Nachfolge ansteht, ist es hilfreich, ein kurzes Anforderungsprofil für die vakante Position zu erstellen: Welche Kompetenzen werden gesucht? Welches zeitliche Engagement wird erwartet? Wie oft trifft sich der Vorstand? Ist eine regelmäßige Präsenz vor Ort erforderlich? Gibt es eine Honorierung oder Aufwandsentschädigung?
Aber was sollte man tun, wenn sich trotzdem keine Personen finden?
Nach meiner Erfahrung sind Vorstandswechsel immer auch eine Chance, die Stiftung zeitgemäß aufzustellen. Wenn sich also partout niemand findet, der oder die sich engagieren will, muss man sich fragen, was die Leute abschreckt. Das ist ein guter Anlass, um zu schauen, wie man das Vorstandsamt attraktiver gestalten kann.
Man könnte beispielsweise besonders arbeitsintensive und/oder haftungsrelevante Aktivitäten anders organisieren, zum Beispiel indem man Vorstandssitzungen digital abhält oder aufwendige operative Projekte in Förderprojekte überführt. Man kann auch nicht erwarten, dass Leute die Buchhaltung oder die Vermögensanlage ehrenamtlich übernehmen, um der Stiftung Kosten zu sparen.
Viele Stiftungsvorstände sind noch immer sehr homogen besetzt. Wie lässt sich das ändern?
Grundsätzlich ist es ein bewusster Schritt, sich auf die Zusammenarbeit mit Menschen einzulassen, die nicht aus der eigenen „Bubble“ kommen. Eine Möglichkeit, solche Personen zu finden, sind zum Beispiel Stellenausschreibungen. Das ist in anderen Ländern inzwischen recht üblich geworden und viele Stiftungen machen damit gute Erfahrungen.
Man kann dafür das Anforderungsprofil, das ich eben erwähnt habe, in der lokalen Zeitung publizieren, über LinkedIn teilen oder aber ganz gezielt an Institutionen richten, in denen sich Engagierte zusammenfinden, zum Beispiel die Freiwilligenagentur, die Bürgerstiftung vor Ort oder die örtlichen Service Clubs. Weitere gute Ideen liefert der Leitfaden „Generationenvielfalt im Stiftungsrat“.
Gibt es eigentlich auch einen Weg, wie Interessierte zur passenden Stiftung finden können?
Nein, nicht systematisch, denn leider gibt es in Deutschland keine Matching-Plattform für Stiftungsvorstände. Der Gremienbestellungsservice der Stiftung „Stifter für Stifter“ in München geht in diese Richtung, aber bislang nur in einem sehr kleinen Maßstab. Wie gut das funktionieren kann, zeigt die Schweizer Plattform stiftungsratsmandat.com. Die 2.400 Personen in der Datenbank bringen die unterschiedlichen Kompetenzen mit, so dass jede Stiftung das passende Profil finden kann. Außerdem stammen sie aus 35 Nationen und sprechen 26 verschiedene Sprachen – das macht es Stiftungen leicht, für Diversität zu sorgen.
Falls also jemand beim Lesen Lust bekommen hat, so eine Vorstandsbörse in Deutschland aufzubauen, würde ich mich sehr freuen. Bitte melden Sie sich bei mir!
Wenn die Suche erfolgreich war, kommt das Onboarding. Was gilt es zu beachten?
Grundsätzlich sollte jedes Vorstandsmitglied einen digitalen oder analogen Ordner bekommen, in dem alle wichtigen Dokumente der Stiftung enthalten sind. Dazu zählt in erster Linie die Satzung, aber – soweit vorhanden – auch die Geschäftsordnung sowie die Förder- oder Anlagerichtlinien.
Das ist aber nur die formale Seite. Mindestens ebenso wichtig ist es, neue Mitglieder in die vielen ungeschriebenen Gesetze einzuführen, nach denen die Vorstandsarbeit funktioniert. Man darf nicht voraussetzen, dass das alles selbstverständlich ist! In der Praxis hat es sich zum Beispiel bewährt, neuen Vorständen zu Beginn ein erfahrenes Mitglied zur Seite zu stellen, das man alles fragen kann, was man sich in der großen Runde nicht traut. Außerdem sollte das Onboarding keine Einbahnstraße sein, denn sicherlich hat der oder die Neue mit dem frischen Blick von außen gute Ideen, die die Vorstandsarbeit bereichern können.
Das geplante Steueränderungsgesetz 2025 sieht vor, die Ehrenamtspauschale auf 960 Euro anzuheben. Ein Schritt in die richtige Richtung?
Auf jeden Fall, denn das erlaubt Stiftungen, die kompetenten Personen zu finden, die sie brauchen. Und ich finde es auch nicht ehrenrührig, dass das Engagement honoriert wird – solange man es nicht nur für das Geld macht.
Dazu kommt noch ein zweiter Aspekt, nämlich die Diversität. Junge Leute oder Menschen, die keinen klassischen bürgerlichen Hintergrund haben, sind vielleicht nicht in der Lage, ihre Zeit komplett kostenlos zur Verfügung zu stellen. Wenn man sie für die Stiftungsarbeit gewinnen will, kann eine Entschädigung ein wichtiges Argument sein.
Welche weiteren Verbesserungen würden Sie sich vom Gesetzgeber wünschen, um die Stiftungsarbeit attraktiver zu machen?
Viele Stiftungs- und auch Vereinsvorstände leiden unter der immensen Bürokratie. Wer schon mal versucht hat, eine Unstimmigkeitsmeldung zum Transparenzregister auszuräumen oder ein Verarbeitungsverzeichnis für den Datenschutz zu erstellen, weiß, wovon ich rede. Hier wären gezielte und angemessene Entlastungen für kleinere Strukturen sicherlich eine große Hilfe.
Welche Möglichkeiten gibt es für Stiftungsvorstände, sich weiterzubilden?
Für Fachthemen rund um Stiftungen findet man bei der Deutschen Stiftungsakademie (DSA) oder beim Haus des Stiftens viele Angebote. Aber auch ein Besuch bei einer geförderten Einrichtung kann wichtige Impulse geben. Was bislang fehlte, ist ein kompaktes und niederschwelliges Angebot, das neue Vorstände in das „Kleine 1x1“ der Vorstandsarbeit einführt – von Recht, Steuern und Vermögen über die Stiftungsorganisation bis zur Projektarbeit.
Ich freue mich sehr, dass wir hier im November 2025 mit der DSA einen Piloten gestartet haben, der bereits ausgebucht ist. Ich hoffe, dass sich das Webinar „Ehrenamtlich im Stiftungsvorstand" als regelmäßiges Angebot etablieren wird.
Weitere Informationen:
- Um den Einstieg in diese Tätigkeit zu erleichtern, hat der Bundesverband in seiner Reihe Stiftungswissen einen „Leitfaden für Ehrenamtliche Stiftungsvorstände - Das kleine 1×1 der Vorstandsarbeit" von Karsten Timmer veröffentlicht.
- Die Deutsche Stiftungsakademie gGmbH (DSA) bietet Weiterbildungen für ehrenamtliche Vorstände an. Die DSA wird vom Bundesverband Deutscher Stiftungen und dem Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft getragen.
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