Symbiose statt Widerspruch: Unternehmertum und Gemeinnützigkeit
Viele Menschen denken bei unternehmensverbundenen Stiftungen an Steuerersparnis und Nachfolgesicherung. Doch die Beziehungen zwischen Stiftungen und Unternehmen können sehr vielgestaltig sein – und auch das Gemeinwohl stärken. Wie das durch eine Zwei-Ebenen-Struktur mit klarem Wertekompass gelingen kann, zeigt Theresa Pfleghar von der CONTRACT-Stiftung.
© Chaital Harry
Immer wieder stoßen wir darauf, dass Unternehmertum und Gemeinwohl als Spannungsfeld wahrgenommen werden. Doch unternehmerische Verantwortung und gemeinnütziges Engagement können sich sehr gut gegenseitig ergänzen. Der Schlüssel liegt in durchdachten Stiftungsarchitekturen und tragfähigen Strukturen, die Unternehmen vor einer Reduktion auf reine Handelsware schützen und gleichzeitig den Nährboden für gemeinnützige Impulse in Wirtschaft und Gesellschaft bilden.
Unternehmensverbundene Stiftungen können gesellschaftliches Engagement langfristig und über Generationen hinweg absichern. Dieser Anspruch deckt sich mit unserer Unternehmensgruppen-Philosophie, die nicht nur darauf abzielt, kurz- und mittelfristig profitabel zu sein.
„Unsere Position war immer, dass Unternehmen sowohl Akteure als auch Nutznießer einer funktionierenden, offenen, demokratischen, regelbasierten Gesellschaft sind. Es gibt also sehr gute Gründe dafür, dass die Gesellschaft so erhalten bleibt. Damit verbinden sich sowohl der wirtschaftlich eigennützige als auch der gesellschaftliche Zweck“, sagt Joachim Karnath, einer der Gründer der World-of-CONTRACT. Diese Haltung begleitet ihn und seine Frau Irene Reifenhäuser schon seit mehr als 30 Jahren durch die gemeinsame unternehmerische Tätigkeit und bildet gleichsam den Hintergrund, vor dem die Stiftungskonstruktion im Jahr 2020 gebaut wurde.
Die Entwicklung der World-of-CONTRACT
Die CONTRACT KG (inzwischen CONTRACT GmbH) wurde 1991 durch Irene Reifenhäuser und Joachim Karnath in Karlsruhe gegründet. Seitdem entwickelt sich die Beratung für Personal- und Organisationsentwicklung stetig weiter. Hinzu kamen Büros in Köln, Hamburg und Südafrika und 2020 die erste Schwesterorganisation, die troodi GmbH. In der Arbeit mit Unternehmen, Organisationen und Individuen sammelten die Gründer*innen und ihr Umfeld Erfahrungen, reflektierten und schärften ihren inneren Kompass für eine nachhaltige, menschliche Art zu wirtschaften. Zum Kundenkreis zählen seit jeher sowohl der Profit-, Non-Profit- als auch der Public-Sektor. Mit Blick auf den Übergang der Geschäftsführungen reifte im Jahr 2020 eine Entscheidung: Die Unternehmen, die von den in ihnen arbeitenden Menschen getragen werden, sollten weder vererbt noch an Investor*innen verkauft werden.
Das Anliegen dahinter war:
- Substanz- und Neutralitätsschutz: Die Stiftung hält Gesellschafteranteile und stellt sicher, dass die Beteiligungsunternehmen lebendige Organismen bleiben und Gewinne für die Weiterentwicklung der Gruppe eingesetzt werden. Wie hoch der Anteil der Stiftung an den einzelnen Einheiten ist, unterscheidet sich je nach Unternehmen.
- Gelebte Humane Economy: Die Stiftung schützt nicht nur Substanz, sondern führt das Leitmotiv humane economy gezielt weiter und lässt daraus gesellschaftlichen Mehrwert entstehen. Unter humane economy verstehen wir ein Paradigma, in dem Wirtschaften nicht der Selbstzweck ist, sondern der Gesellschaft, dem Menschen, der Natur und der Erde dient.
Die Architektur: Dachstiftung und gemeinnützige Treuhandstiftung
Um diesen Auftrag sauber umzusetzen, haben wir eine klar strukturierte Architektur gewählt. Die rechtsfähige Dachstiftung dient im Kern der Nachfolgesicherung, der Vermögens- und Kapitalneutralisierung sowie der Fortführung und der Gestaltung der unternehmensübergreifenden Kultur der stiftungsverbundenen Unternehmen. Die gemeinnützige CONTRACT-Foundation wurde als unselbstständige Treuhandstiftung ins Leben gerufen. Sie wird treuhänderisch durch die rechtsfähige Stiftung verwaltet und verfolgt mit ihrem eigenen Vermögen eigenständige gemeinnützige Zwecke.
Die CONTRACT-Stiftung übernimmt als Treuhänderin die rechtliche Verwaltung der CONTRACT-Foundation. Die Governance der Foundation ist dabei so ausgestaltet, dass die verantwortlichen Personen der Dachstiftung auch in ihre strategische Willensbildung eingebunden sind. Diese Konstruktion soll die Gemeinnützigkeit auch in diesen Rollen direkt im strategischen Denken verankern.
Die Praxis: Die Central Commission (CeCo) als verbindendes Herzstück
Die Central Commission (CeCo) wurde als flexible Einheit an der Schnittstelle zur Praxis etabliert. Dieses zentrale Strategie- und Austauschgremium führt die Stiftungsräte und die Geschäftsführungen der operativen Einheiten zusammen. Sie ist der Ort der kreativen, gedanklich offenen und richtungsgebenden Diskussion unter den Entscheidungsträgern. Hier tragen alle Mitglieder gemeinsam Verantwortung für den Zusammenhalt über die verschiedenen Unternehmen und Standorte hinweg. In der CeCo wird das Leitmotiv der humane economy fortlaufend reflektiert und in strategisches Handeln übersetzt.
Natürlich sind die Geschäftsführenden zuständig für den Erfolg der jeweiligen Unternehmen. Gleichzeitig stellen sie sich in dieser Runde immer wieder einer spannenden zusätzlichen Dimension: Was sollte über Anteile der Unternehmensgewinne durch die Foundation gemeinnützig gefördert werden? Die CeCo ist für uns – neben der Weiterentwicklung der Gruppe – eine zentrale Brücke zwischen Unternehmertum und Gemeinnützigkeit.
Förderung durch Partizipation
Die CONTRACT-Foundation übersetzt diese Philosophie durch die internationale Förderung von Wissenschaft, Forschung und Bildung. Da wir mit einem überschaubaren Fördervolumen arbeiten, wählen wir unsere Projekte zielgerichtet aus. Wir setzen momentan prioritär auf gemeinnützige Initiativen mit Partizipation der Mitarbeitenden. Es ist ein Ausdruck dessen, was ihnen wichtig ist, was sie Gutes tun möchten und welchen Beitrag sie abseits der Erwerbstätigkeit leisten möchten. Die Mitarbeitenden erleben dadurch unmittelbar die gemeinnützige Tätigkeit der Foundation und können sich mit eigenen Impulsen in die Projekte einbringen. Auswahl und Durchführung der Projekte richten sich dabei ausschließlich nach den gemeinnützigen Satzungszwecken der Foundation.
Ein Beispiel-Projekt der Foundation ist die CONTRACT-Academy, welche seit 2022 ein Entwicklungsprogramm für Studierende im letzten Studienjahr in Südafrika und mittlerweile auch in Deutschland ist. Inzwischen haben 45 Teilnehmende in sieben Gruppen das Programm durchlaufen. Sie sollen für ein werteorientiertes Berufsleben im Sinne der humane economy im Bereich Training und Moderation sensibilisiert und befähigt werden. Initiiert und getragen wird dieses Projekt von drei Mitarbeitenden in Karlsruhe, Hamburg und Johannesburg/Kapstadt. Die Studierenden erleben die Academy als „Investition in das eigene Wachstum“ (Teilnehmerin Michelle) sowie in ihre „fachliche und persönliche Entwicklung“ (Teilnehmer Liandré).
Die Verbindung wagen und gestalten
Für uns sind Unternehmertum und gemeinnütziger Stiftungszweck keine Gegensätze. Die gemeinnützige Tätigkeit bleibt dabei eigenständig und ihren steuerbegünstigten Zwecken verpflichtet. Zugleich kann das Engagement positive Impulse für Mitarbeitende und Unternehmenskultur setzen.
Das können andere Stifter*innen von unserem Modell mitnehmen:
- Ein verbindendes Praxis-Organ schaffen: Eine Stiftungsstruktur bleibt ohne lebendigen Austausch starr. Ein gemeinsames Gremium wie die Central Commission (CeCo) führt Stiftungsrat und Geschäftsführende der Beteiligungsunternehmen zusammen und verankert den gemeinnützigen Auftrag.
- Werte verankern: Ein Leitmotiv braucht kontinuierliche Übersetzung in den Alltag. Begegnungen zwischen den Einheiten helfen, um wirtschaftliche Entscheidungen stets mit dem gesellschaftlichen Auftrag abzugleichen.
- Partizipation als Motor nutzen: Ein Stiftungsmodell entfaltet seine größte Kraft, wenn es die Menschen in den Beteiligungsunternehmen aktiv einbindet. Projekte, die breite Mitwirkung ermöglichen, tragen den Stiftungssinn direkt in die Unternehmenskultur hinein.
Über die Stiftung
Die CONTRACT-Stiftung bildet das Dach der Unternehmensgruppe World-of-CONTRACT. Sie verbindet unternehmerische Verantwortung mit gemeinnütziger Wirkung und hält Anteile an den operativen Beratungs- und Bildungsunternehmen der Gruppe. Gleichzeitig verwaltet sie die gemeinnützige Treuhandstiftung CONTRACT-Foundation, die internationale Initiativen in den Bereichen Bildung, Wissenschaft und Forschung fördert. Insbesondere zu Fragen einer werteorientierten Wirtschafts- und Gesellschaftsgestaltung.
Weitere Informationen: world-of-contract.com
Über die Autorin