Vom Fördertopf zum Mitspracherecht: Jugendgremien in Stiftungen
Was brauchen junge Menschen? Was hilft ihnen? Wie kann man sie unterstützen? Das sind Fragen, die sich alle Stiftungen stellen, die sich für Kinder und Jugendliche engagieren. Doch wie entscheiden sie, welche Projekte gewinnversprechend sind? Welche Förderanträge bewilligen sie? Und wer entscheidet eigentlich darüber?
Laut einer Erhebung des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen von 2024 finden es etwa 35 Prozent aller in Deutschland fördernd tätigen Stiftungen eher wichtig bis sehr wichtig, die Vertreter*innen der Zielgruppe in die Suche und Auswahl von Förderprojekten einzubeziehen (mehr als 50 Prozent hingegen finden es eher nicht bis gar nicht wichtig). Einige Stiftungen, die sich für Kinder und Jugendliche engagieren, gehen diesen Weg sehr konsequent und haben dafür eigene Jugendgremien eingerichtet. Hier entscheiden junge Menschen selbst über ein festgelegtes Budget und vergeben Fördermittel mehr oder weniger eigenständig. Das verändert nicht nur die jungen Gremienmitglieder, sondern trägt auch frischen Wind in die Stiftung.
Zum Tag der Jugend haben wir vier Stiftungen gebeten, ihre Jugendgremien vorzustellen:
© Agentur 54 Grad / John Garve
Kinder- und Jugendjury der Gemeinnützigen Sparkassenstiftung zu Lübeck
© Gemeinnützige Sparkassenstiftung zu Lübeck
Sich einbringen, diskutieren und für andere stark machen – das macht die zehnköpfige Kinder- und Jugendjury (KJJ) der Gemeinnützigen Sparkassenstiftung zu Lübeck seit nahezu fünf Jahren. Zentraler Stiftungszweck ist die Förderung des bürgerlichen Engagements, dies gilt auch für die junge Generation. Mit der Aufstellung einer Kinder- und Jugendjury, die zu gleichen Teilen aus Mädchen und Jungen besteht, wird jungen Menschen die Möglichkeit gegeben, im Rahmen der Stiftungsarbeit die Interessen ihrer Generation zu vertreten, sich frühzeitig in der Gesellschaft einzubringen und Lübeck aktiv mitzugestalten. Darüber hinaus wird ihnen der Wert sozialen Engagements vermittelt und der Blick für die Bedeutung des gemeinnützigen Sektors innerhalb einer Region geschärft.
Die Mitglieder sind 11 bis 17 Jahre alt. Viermal im Jahr entscheiden sie insbesondere über Förderanträge, die sich an Kinder und Jugendliche richten. Dabei liegt die Entscheidung ausschließlich bei ihnen. Die Anträge kommen von Sportvereinen, kulturellen Einrichtungen, Umweltinitiativen und anderen gemeinnützigen Organisationen, die ihre Projekte häufig persönlich in den Sitzungen vorstellen. Pro Quartal darf die Jury bis zu 10.000 Euro vergeben, pro Antrag maximal 2.000 Euro. Um sich ein Bild davon zu machen, was mit den Fördermitteln geschieht, besuchen die Jurymitglieder viele der von ihnen geförderten Institutionen.
Neben der Fördermittelvergabe wird die politische Bildung der jungen Jury gestärkt. Die Jugendlichen tauschen sich regelmäßig mit Politiker*innen aus Lübeck aus – darunter Bundestags- und Landtagsabgeordnete und der Lübecker Bürgermeister –, um politische Entscheidungsfindung besser zu verstehen und ihre eigenen Interessen einzubringen.
Die Mitglieder der Kinder- und Jugendjury nehmen ihre Verantwortung ernst, alle Kinder und Jugendlichen in Lübeck zu vertreten. Die Beweggründe für ihr Engagement sind vielfältig. So erklärt Assol (15): „Das soziale Miteinander liegt mir sehr am Herzen, ich unterstütze andere Menschen gern (…), das Wohl von benachteiligten Kindern und Jugendlichen ist mir persönlich sehr wichtig.“ Tammo (13) möchte sich konkret dafür einsetzen, „dass Lübeck kinderfreundlicher und behindertengerechter wird.“ Cornelius (13) findet es wichtig, „dass Kinder und Jugendliche ihre Interessen in der Gesellschaft vertreten.“ Clara (15) möchte „nicht nur darüber reden, was in Lübeck verbessert werden kann, sondern auch handeln.“
Die Jurymitglieder sind durchweg sehr engagiert und nehmen auch Termine außerhalb der regulären Sitzungen wahr, wie etwa eine Exkursion zum Kieler Landtag oder das gemeinsame Kochen für „Menschen ohne Obdach“.
Die Kinder- und Jugendjury zeigt, wie wichtig es ist, junge Menschen frühzeitig in gesellschaftliche Prozesse einzubinden. Im Laufe ihrer Amtszeit werden die Jurymitglieder selbstbewusster, kommunikationsstärker, verantwortungsbewusster und politisch informierter, sie erhalten ein größeres Wissen über ihre Heimatstadt Lübeck und die lokalen Vereine und Organisationen und entwickeln ein stärkeres Gefühl von Selbstwirksamkeit.
Text: Petra Herrmann, Gemeinnützige Sparkassenstiftung zu Lübeck
Weitere Informationen: Kinder- und Jugendjury
Jugendrat der Kreuzberger Kinderstiftung
Wie gelingt echte Jugendbeteiligung in der Praxis? Die Kreuzberger Kinderstiftung zeigt mit ihrem Jugendrat, wie junge Menschen Verantwortung übernehmen und die Stiftungsarbeit aktiv mitgestalten können.
Um junge Menschen direkt in Entscheidungen einzubinden, wurde der Jugendrat 2014 gegründet und verfolgt seitdem ein zentrales Anliegen der Stiftung: Bildungsgerechtigkeit fördern und junge Menschen stärken.
Der Jugendrat ist kein symbolisches Gremium, sondern entscheidet eigenständig über ein eigenes Förderbudget. Die rund zehn aktiven Mitglieder sind zwischen 17 und 27 Jahre alt und meist ehemalige Stipendiat*innen der Stiftung. Viermal im Jahr beraten sie über Anträge, die sie zuvor eigenständig geprüft haben. Sie sprechen mit Projektträger*innen, diskutieren im Plenum und stimmen demokratisch über Förderzusagen ab. Ihre Entscheidungen treffen sie verantwortungsvoll und im Sinne junger Menschen und ihrer Anliegen. Das Förderbudget lag zuletzt jährlich bei 90.000 Euro. Die geförderten Projekte sind vielfältig und richten sich an eine breite Zielgruppe mit dem Fokus auf gesellschaftliches Engagement und Chancengleichheit.
Für die aktiven Mitglieder ist der Jugendrat mehr als nur ein Ehrenamt: „Teamarbeit, in einem vertrauten Kreis, mit einer großen Verantwortung, um auch meinen persönlichen Horizont zu erweitern“, beschreibt Katrin (17, Jugendratsmitglied und ehemalige Stipendiatin) ihre Erfahrung und betont: „Chancengleichheit ist für mich der Schlüssel, damit das Potenzial jedes Einzelnen entfaltet werden kann.“
In Zeiten, in denen demokratische Grundwerte von immer mehr Menschen infrage gestellt werden, ist die Beteiligung junger Menschen an demokratischen Prozessen besonders bedeutsam. Denn viele Studien zeigen, dass Demokratie vor allem durch praktisches Handeln gelernt und verinnerlicht wird.
Die Stiftung profitiert ihrerseits von jugendnahen Perspektiven, frischen Impulsen und einer stärkeren Zielgruppenorientierung. Gleichzeitig bringt Beteiligung auch Herausforderungen mit sich. Eine davon bleibt die Zusammensetzung des Gremiums: Diversität muss aktiv ermöglicht werden. Auch die Balance zwischen Anleitung und Autonomie erfordert stetige Aufmerksamkeit. Um Kontinuität zu gewährleisten und überregionales Engagement zu ermöglichen, organisiert und finanziert die Stiftung Fahrt- und Übernachtungskosten zu den Sitzungen. Zusätzlich ist seit 2025 eine Ehrenamtspauschale eingeplant – als wichtiger Schritt, um soziale Barrieren im Ehrenamt abzubauen und Teilhabe gerechter zu gestalten.
Text: Frauke Kreiser, Kreuzberger Kinderstiftung
Mehr Informationen: Jugendrat | Kreuzberger Kinderstiftung
Junger Beirat der Bürgerstiftung Region Neumarkt
© Violetta Paprotta
Der Junge Beirat der Bürgerstiftung Region Neumarkt wurde im Dezember 2022 ins Leben gerufen. Das Gremium konzipiert und realisiert eigenständig Projekte für Jugendliche und junge Erwachsene in der Region, wobei die Mitglieder großen inhaltlichen und organisatorischen Freiraum bei gleichzeitiger Unterstützung durch die Stiftung genießen.
Grundsätzlich steht der Junge Beirat Menschen zwischen 14 und 27 Jahren offen. Momentan engagieren sich neun Personen im Jungen Beirat. Sie kommen aus unterschiedlichen Landkreisgemeinden und werden vom Vorstand berufen. Das Gremium tagt sehr regelmäßig, zum Teil monatlich, und mindestens zwei Mal im Jahr gemeinsam mit dem Vorstand. Der Junge Beirat verfügt über ein Jahresbudget von insgesamt 2.500 Euro.
Für die Beiratsmitglieder selbst ist das Engagement eine wertvolle Erfahrung: „Wir sammeln Praxiserfahrung in Projektmanagement und Organisation – auch auf bürokratischer Ebene, übernehmen Verantwortung und knüpfen Netzwerke, während wir unsere eigenen Ideen umsetzen. Dass andere junge Menschen durch unsere Projekte, profitieren ist dabei ein großes Plus.”
Die Zusammenarbeit mit dem Vorstand klappt hervorragend, ebenso die Nutzung bestehender Netzwerke und Kooperationen. Herausforderungen waren die Suche nach aktiven Jugendlichen mit ausreichend Zeitressourcen sowie die realistische Einschätzung von Projektumfang und Reichweite im ländlichen Raum. Wichtige Lernerfahrungen für andere Stiftungen: Das volle Commitment des Vorstands und gute Ansprechpersonen sind essenziell. Kooperationen mit Jugendverbänden helfen bei Reichweite und Mitgliedergewinnung. Strukturierte Unterstützung am Anfang erleichtert den Start.
Text: Luisa Lodes, Bürgerstiftung Region Neumarkt
Mehr Informationen: Junger Beirat | Bürgerstiftung Region Neumarkt i.d.OPf.
Jugendcrew der Heinrich-Dammann-Stiftung
Die Heinrich-Dammann-Stiftung fördert seit vielen Jahren Projekte von und für junge Menschen – Partizipation ist dabei ein zentrales Anliegen. Ein Jugendgremium war daher ein logischer Schritt: Seit 2018 gibt es die Jugendcrew, ein eigenständiges Gremium junger Menschen zwischen 16 und 27 Jahren, das jährlich bis zu 25.000 Euro Fördermittel vergibt.
Die Jugendcrew entscheidet eigenständig über Projektanträge bis 1.000 Euro pro Projekt. Zusätzlich entwickelt sie ihre eigene Arbeitsweise weiter, plant die strategische Ausrichtung, gestaltet Öffentlichkeitsarbeit und setzt mit dem Jugendcrew-Projektpreis JUPP ein starkes Zeichen für junges Engagement. Dabei werden die Mitglieder nicht allein gelassen, sondern von der Geschäftsstelle der Stiftung sowie von dem externen Büro Cluster Projekte aus Hildesheim immer da begleitet, wo es gebraucht wird.
Die enge Zusammenarbeit mit Geschäftsstelle, Vorstand und Kuratorium hat auch innerhalb der Stiftung viel bewirkt. Perspektiven von Jugendlichen fließen direkt in die Arbeit auf allen Ebenen ein und erweitern den Blick für Themen, die junge Menschen bewegen.
Für die Jugendlichen selbst ist die Arbeit in der Crew eine intensive Erfahrung. Sie erleben, dass ihr Engagement Wirkung zeigt. Charlotte Ahrens (23), Mitglied der aktuellen Crew, sagt: „Ich komme selbst aus der Jugendarbeit – und ich möchte es anderen jungen Menschen erleichtern, ihren Weg ins Engagement zu finden. Geld sollte kein Projekt ausbremsen, deswegen finde ich die Jugendcrew so wichtig.“
Die Jugendcrew steht dabei auch vor Herausforderungen: Die Akquise neuer Mitglieder bleibt ebenso anspruchsvoll wie der Wunsch, mehr Diversität bei den eingereichten Projekten zu erreichen. Aktuell liegt der Fokus stark auf evangelischer Jugendarbeit – passend zum Stiftungszweck, aber auch Kunst, Kultur, Bildung und Sport stehen bei der Förderung der Jugendcrew ebenso im Fokus wie bei der Heinrich-Dammann-Stiftung.
Trotzdem ist klar: Das Modell funktioniert. Die Jugendcrew ist inzwischen in vierter Besetzung im Amt – etabliert, wirksam und mit Zukunft.
Text: Nadine Hiller, Heinrich-Dammann-Stiftung
Mehr Informationen: www.jugendcrew.de