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Ausschließen, auswählen, ansprechen

Immer mehr Stiftungen wollen ihr Kapital nachhaltig anlegen. Doch wie findet man Finanzprodukte, die zum eigenen Stiftungszweck passen? Und worauf gilt es bei der Auswahl zu achten? Eine Einführung.

Wer in letzter Zeit bei seiner Hausbank oder seinem Vermögensberater war, um über das Thema Kapitalanlage zu sprechen, wird vielleicht eine wichtige Neuerung im Beratungsgespräch bemerkt haben: Seit Anfang August 2022 sind die Anlageberater verpflichtet, ihre Privatkunden aktiv danach zu fragen, ob diese bei ihrer Kapitalanlage Nachhaltigkeitskriterien berücksichtigen wollen. Diese sogenannte ESG-Präferenzabfrage ist ein Baustein eines umfassenden Aktionsplans der EU-Kommission, mit dem mehr Kapital in nachhaltige Investments gelenkt werden soll. Die Abkürzung ESG steht dabei für die drei Bereiche Umwelt (Environment), Soziales (Social) und verantwortungsvolle Unternehmensführung (Governance), die bei einer nachhaltigen Kapitalanlage regelmäßig berücksichtigt werden.  

Der EU-Aktionsplan zur Finanzierung nachhaltigen Wachstums setzt dabei an zwei Stellen an: Zum einen soll die Bekanntheit der nachhaltigen Kapitalanlage weiter gesteigert werden. Dazu dient vor allem die oben erwähnte ESG-Präferenzabfrage beim Beratungsgespräch. Mit Blick speziell auf den Stiftungssektor lässt sich zwar konstatieren, dass bereits heute viele Stiftungen die Möglichkeit nutzen, ihre Werte und Ziele auch durch die Berücksichtigung von Nachhaltigkeitsstrategie und -kriterien bei der Anlage ihres Kapitals zu verwirklichen. Allerdings sind sich noch längst nicht alle Stiftungen dieser Option bewusst.   

Hilfestellungen für Anleger 

Zum anderen soll es den Anlegern erleichtert werden, die „Nachhaltigkeitsqualität“ von Anlageprodukten, insbesondere von Fonds, einschätzen zu können. Diesem Ziel dient insbesondere die Offenlegungsverordnung, die im März 2021 in Kraft getreten ist. Ihr Grundgedanke: Wer als Anbieter die Nachhaltigkeit seiner Fonds betont, der soll dem Anleger auch transparent machen, wie diese in seinen Produkten konkret umgesetzt wird. Nach den entsprechenden Artikeln der Offenlegungsverordnung werden die nachhaltigkeitsorientierten Fonds als „Artikel 8-Fonds“ und „Artikel 9-Fonds“ bezeichnet. Artikel 8-Fonds werben (zum Beispiel im Namen) damit, dass bei der Fondskonstruktion Nachhaltigkeitskriterien berücksichtigt, also beispielsweise Unternehmen, die geächtete Waffen herstellen, ausgeschlossen werden. Mit Artikel 9-Fonds hingegen soll eine positive Wirkung auf eine klimaverträgliche bzw. nachhaltige Entwicklung erzielt werden. 

Verschiedentlich wird von Anbietern der Eindruck erweckt, dass mit der Klassifizierung eines Fonds insbesondere nach Artikel 8 der Offenlegungsverordnung eine Aussage über dessen Nachhaltigkeitsqualität verbunden ist. Dies ist nicht korrekt: Die Offenlegungsverordnung definiert Standards für die Transparenz, nicht aber für die Qualität des Fonds. Daher kann ein Artikel 8-Fonds einen eher wenig ambitionierten Nachhaltigkeitsansatz verfolgen oder die im Rahmen des sogenannten Triple A der nachhaltigen Kapitalanlage verfügbaren Strategien sehr umfassend nutzen (siehe folgenden Abschnitt). Insofern gibt die Klassifizierung als „Artikel 8-Fonds“ oder „Artikel 9-Fonds“ den Anlegern zwar einen Hinweis darauf, dass es sich grundsätzlich um ein nachhaltiges Anlageprodukt handelt. Sie ersetzt aber nicht eine Analyse, wie die Nachhaltigkeit im jeweiligen Produkt konkret umgesetzt wird. 

Triple A der nachhaltigen Kapitalanlage 

Für diese Analyse stehen grundsätzlich drei Strategien zur Verfügung, die als „Triple A“ der nachhaltigen Kapitalanlage bezeichnet werden können: das Ausschließen, das Auswählen und das Ansprechen von Emittenten, also Herausgebern von Wertpapieren:

Ausschlusskriterien

Sie sind gewissermaßen die „Türsteher“ vor einem Portfolio, durch die Emittenten, die entweder nicht zu den Werten und Zielen der Stiftung passen oder besonders hohe Nachhaltigkeitsrisiken haben, vom Investment ausgeschlossen werden. Bei Unternehmen beziehen sich die Kriterien entweder auf die Produkte und Leistungen, mit denen diese ihr Geld verdienen, oder auf das Geschäftsverhalten. Erstere betreffen beispielsweise die Produktion von Alkohol, Tabakwaren oder Waffen, letztere etwa die Verwicklung der Unternehmen in Arbeits- und Menschenrechtsverletzungen oder Umweltverschmutzungen. Auf Staatenebene geht es unter anderem um Menschen- und Bürgerrechte oder die Klimapolitik des Landes. Bei Ausschlusskriterien lässt sich sehr gut eine Verknüpfung zu den Stiftungszielen und zum Stiftungszweck herstellen. So wird eine Stiftung, die sich dem Kampf gegen Krebs verschrieben hat, konsequenterweise Tabakunternehmen ausschließen, eine Umweltstiftung besonders klimaschädliche Unternehmen und Branchen.  

Positivkriterien und Best-in-Class-Ansatz

Im Gegensatz zu den Ausschlusskriterien werden hier gezielt Emittenten zum Investment ausgewählt, die den nachhaltigkeitsbezogenen Vorstellungen der Anleger in besonderer Weise entsprechen bzw. ein besonders hohes Engagement für eine nachhaltige Entwicklung zeigen. Beim Best-in-Class-Ansatz betrifft dies jeweils die Unternehmen, die als „Klassenbeste“ innerhalb ihrer Branche führend in Sachen Nachhaltigkeit sind. Neue Wege geht der Best-in-Progress-Ansatz, der aktuell an Bedeutung gewinnt. Bei diesem Ansatz werden die Emittenten zum Investment ausgewählt, die in den vergangenen Jahren die größten Fortschritte im Umgang mit den Herausforderungen einer nachhaltigen Entwicklung gemacht haben. Der Ansatz gewinnt seine Attraktivität aus der These, dass es einen positiven Zusammenhang zwischen der Entwicklung der Qualität des Nachhaltigkeitsmanagements und dem finanziellen Erfolg der Unternehmen gibt.  

Dialogstrategien

Bei den Dialogstrategien sollen Unternehmen im direkten Gespräch dazu motiviert werden, sich für nachhaltigkeitsbezogene Ziele zu engagieren. Dies geschieht entweder durch die Nutzung der Stimm- und Rederechte auf Hauptversammlungen („Stimmrechtsausübung“) oder im Rahmen von direkten Gesprächen der Anleger bzw. Vermögensverwalter mit der Unternehmensleitung, dem so genannten „Engagement“. Diese Ansätze werden von immer mehr Anbietern nachhaltiger Kapitalanlagen genutzt, um die nachhaltigkeitsbezogene Wirkung ihrer Fonds zu steigern. 

Je nach Konzept wählen die Anbieter nachhaltiger Fonds aus diesem Instrumentenkasten ihre Werkzeuge aus, um ihren Nachhaltigkeitsfonds zu gestalten. Und bei Fonds, die die Offenlegungsverordnung umfassend umgesetzt haben, können Anleger transparent nachvollziehen, wie die Anbieter vorgegangen sind. 

7 Punkte, auf die Sie achten sollten:  

  1. Überlegen Sie, welche Investments den Werten und Zielen Ihrer Stiftung widersprechen und welche diese fördern könnten. Daraus können Sie erste Kriterien für Ihre Kapitalanlage ableiten.  
  2. Ausschlusskriterien sind häufig ein guter Start in die nachhaltige Kapitalanlage. Sie bieten Ihnen die Gewähr, dass Ihre Kapitalanlagen nicht die Werte und Ziele Ihrer Stiftung konterkarieren.  
  3. Etwas schwieriger kann es je nach Stiftungszweck sein, Kapitalanlagen zu finden, die diesen aktiv fördern. Anbieter greifen aber in ihren Konzepten immer mehr umweltbezogene und soziale Themen aktiv auf – hier lohnt es sich, den Markt im Blick zu haben bzw. regelmäßig seinen Berater zu fragen.  
  4. Beantworten Sie die ESG-Präferenzabfrage mit „ja“, sonst darf Ihnen Ihr Berater grundsätzlich keine entsprechenden Produkte anbieten.  
  5. Es muss nicht immer die Hausmarke sein – vielleicht findet sich die für Sie passende nachhaltige Kapitalanlage nicht bei Ihrer Hausbank.  
  6. Seien Sie skeptisch bei Anbietern, die eine Artikel-8-Klassifizierung als Qualitätssiegel verkaufen wollen – dies sagt auch etwas über die Seriosität des Anbieters aus.  
  7. Die Sustainable Finance Disclosure Regulation (SFDR) der EU verpflichtet die Anbieter, Informationen zu den Fonds auf ihren Websites zu veröffentlichen. Hier finden Sie (beinahe) alle Informationen, die Sie benötigen, um sich ein gutes Bild von der Nachhaltigkeitsqualität der Fonds zu machen.  
Über die Autoren:
Rolf D. Häßler
Rolf D. Häßler
© Bild: NKI 2022

Rolf D. Häßler ist geschäftsführender Gesellschafter des NKI – Institut für nachhaltige Kapitalanlagen. Er beschäftigt sich seit 30 Jahren mit den Themen Nachhaltigkeit und nachhaltige Kapitalanlagen. Zu seinen beruflichen Stationen gehören die imug Beratungsgesellschaft, das Institut für Ökologie und Unternehmensführung der European Business School, der Rückversicherer Munich Re und die Rating-Agentur oekom research (heute ISS ESG). 

Dr. Moritz Kilger
Dr. Moritz Kilger
© Amélie Loisier

Dr. Moritz Kilger ist Leiter der NKI Sustainable Finance Academy, Senior Manager Sustainable Finance der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PwC und Mitglied der Geschäftsführung von CRIC e.V., einer Investorengemeinschaft zur Förderung von Ethik und Nachhaltigkeit bei der Geldanlage im deutschsprachigen Raum. Zuvor war er u.a. Vorstand der Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft (EVZ), Geschäftsführer der Europäischen Jugendbildungs- und Jugendbegegnungsstätte Weimar (EJBW) sowie Fellow der Bildungsinitiative Teach First Deutschland. Seine Dissertation verfasste er zum Thema Finanzmarktregulierung der EU. 

Über das NKI:

Das NKI – Institut für nachhaltige Kapitalanlagen ist ein unabhängiges Beratungs- und Forschungsinstitut. Es wurde Anfang 2015 in München gegründet und begleitet institutionelle Anleger, insbesondere kirchliche Anleger, Stiftungen, Versorgungseinrichtungen und Versicherungen, bei der Entwicklung und Umsetzung nachhaltiger Anlagestrategien, welche die individuellen Werte und Ziele der Investoren umfassend berücksichtigen. Durch eigene Forschungsarbeiten leistet es einen Beitrag zur Weiterentwicklung der nachhaltigen Kapitalanlage. Die Bildungsaktivitäten des Instituts sind unter der Marke NKI – Sustainable Finance Academy gebündelt.  

Veranstaltungshinweis: Webinar „Sustainable Finance – nachhaltige Vermögensanlage für Stiftungen“

Termin: 8. Dezember 2022, 14:00–16:00 Uhr
Veranstalter: NKI – Sustainable Finance Academy in Kooperation mit der Deutschen Stiftungsakademie 
Inhalt: Im Rahmen dieses Webinars werden die Grundlagen der nachhaltigen Kapitalanlage für Stiftungen beleuchtet. Dabei wird es insbesondere um Strategien und Kriterien, Produkte sowie finanzielle und nicht-finanzielle Wirkungen der nachhaltigen Kapitalanlage gehen. Außerdem werden die Entwicklungen am nachhaltigen Kapitalmarkt in den übergeordneten Kontext von Sustainable Finance eingeordnet.