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„Eine gewisse Demut ist absolut angebracht“

Im September 2022 ist der Leitfaden „weniger ist mehr“ erschienen, der Stiftungen helfen will, ihre Förderprozesse flexibler und vertrauensvoller zu gestalten. Warum davon alle profitieren und wie Stiftungen mit ihrer Machtposition gegenüber den Förderpartnern verantwortungsvoll umgehen können, erzählen Kirsten Wagner und Karsten Timmer im Interview. Sie leiten im Bundesverband den Arbeitskreis Förderstiftungen, der Partner der Publikation ist.  

5 Minuten 14.09.2022
Interview: Nicole Alexander

Stiftungswelt: Die Publikation „weniger ist mehr. Ein Werkzeugkasten für moderne Förderstiftungen“ hinterfragt die gängige Förderpraxis vieler Stiftungen, die ihr zufolge vorwiegend auf Kontrolle beruht, und stellt ihr ein Modell entgegen, das auf Vertrauen zwischen Stiftung und Geförderten setzt. Wie ist es zu diesem Leitfaden gekommen, warum gerade jetzt?  

Karsten Timmer: Die Corona-Krise war sicherlich ein wichtiger Treiber dieser Entwicklung. Viele Stiftungen haben in dieser Zeit festgestellt, dass ein starres Festhalten an vereinbarten Projekten, Meilensteinen und Budgets die Kreativität und Leistungsfähigkeit ihrer Förderpartner hemmt. Förderbeziehungen, die auf Vertrauen beruhen, haben sich als flexibler und produktiver erwiesen. Völlig unabhängig von Corona wird das oft eher hierarchische Model der „strategischen Philanthropie“ gerade in den USA seit mehreren Jahren hinterfragt. Auch daran schließt sich der Leitfaden an.  

Kirsten Wagner: Ganz konkret ist die Publikation aus dem Webtalk #ImpulseStiften entstanden, in dem sich Förderstiftungen alle zwei Wochen über praktische Herausforderungen der Stiftungsarbeit austauschen. In den Calls wurden im Laufe der Zeit so viele tolle Beispiele vorgestellt, wie Stiftungen partnerschaftlich fördern können, dass wir uns entschlossen haben, dieses Erfahrungswissen in einem Leitfaden aufzubereiten, damit auch andere Stiftungen davon profitieren können.  

Welche Rolle spielt dabei der Arbeitskreis Förderstiftungen, den Sie gemeinsam leiten? 

Timmer: #ImpulseStiften, an dem neben uns beiden Stephanie Reuter von der Rudolf Augstein Stiftung und Felix Dresewski von der Kurt und Maria Dohle Stiftung mitwirken, war eine Initiative aus dem Arbeitskreis. Zusammen mit der Initiative #VertrauenMachtWirkung und dem Haus des Stiftens ist er nun auch Partner der Publikation. Viele Diskussionen, die wir in den letzten Jahren im Arbeitskreis geführt haben, spiegeln sich in dem Leitfaden wider.  

Sie werden diesen Leitfaden auf dem Deutschen Stiftungstag Ende September in Leipzig vorstellen. Was konkret bietet er Stiftungen, die ihre Förderpraxis überdenken wollen? 

Wagner: Wir haben mit einer großen Gruppe von Stiftungskolleg*innen Praxistipps und Beispiele gesammelt, die wir entlang des Workflows einer Förderstiftung organisiert haben: von den Anträgen und den Berichten über die Förderverträge und Projektbindungen bis hin zur Zusammenarbeit während der Förderung. Stiftungen, die auf der Suche nach Ideen und Tools für die Förderarbeit sind, können sich so ganz gezielt diejenigen Aspekte herauspicken, die für sie gerade relevant sind, und sich von den Beispielen inspirieren lassen.  

Timmer: Weil sich Stiftungsvorstände auch damit auseinandersetzen müssen, was rechtlich möglich ist, enthält jedes Kapitel zudem einen Abschnitt, in dem die jeweiligen rechtlichen Mindestanforderungen zusammengefasst werden.  

Im Vorwort des Leitfadens heißt es, die Initiatoren verbinde eine gemeinsame Lernerfahrung: In der Zusammenarbeit mit den geförderten Organisationen führten weniger Kontrolle und weniger Auflagen zu mehr Wirkung und zu besseren Ergebnissen. Können Sie das an einem konkreten Beispiel erläutern? Und wie lässt sich das überhaupt messen? 

Timmer: Meine persönliche Lernerfahrung, die mich für die Stiftungsarbeit sehr geprägt hat, war, als ich für die Kita meiner Kinder bei einer Stiftung Mittel für ein Sonnensegel beantragt habe. Für die Fördersumme von etwas über 1.000 Euro sollten wir einen mehrseitigen Bogen mit Wirkungsindikatoren ausfüllen und zudem ein umfangreiches Berichtsformular einreichen. Das steht in keinem Verhältnis zur Fördersumme und ist für ehrenamtliche Initiativen schlicht nicht zu leisten. Wenn ich das Feedback aus der Szene richtig deute, ist diese Erfahrung leider kein Einzelfall.  

Wagner: Man kann das auch an konkreten Zahlen festmachen: Der Schweizer „Grantee Review“ von 2019 hat herausgefunden, dass die geförderten Organisationen im Schnitt 31 Stunden in die Berichterstattung an Stiftungen investieren, und zwar pro Förderung. Zwischen 32 und 63 Stunden fließen in die Abfassung eines Förderantrages. Das sind also Tausende Stunden gemeinnütziger Arbeitszeit. Stiftungen haben nach unserer Überzeugung die Verantwortung, sorgsam mit diesen Ressourcen umzugehen und zu prüfen, wie viel Aufwand sie mit ihren Prozessen und Vorgaben verursachen.  

Dass eine Stiftung Vorgaben wie in dem von Ihnen, Herr Timmer, beschriebenen Fall machen kann, zeigt ihre Machtposition gegenüber den Antragstellern – ein Thema, das Sie in dem Leitfaden offen ansprechen. Macht, heißt es da, „war und ist immer ein wesentlicher Bestandteil der Stiftungsarbeit“. Die Rede von der ‚gleichen Augenhöhe‘ zwischen Förderern und Geförderten könne nicht darüber hinwegtäuschen, dass die einen über das Geld bestimmen, das die anderen benötigen. Inwiefern kann Ihr Ansatz des partnerschaftlichen Miteinanders zwischen fördernder Stiftung und Geförderten dieses offensichtlich systemimmanente Machtgefälle wirklich überwinden?  

Timmer:  Das Machtgefälle kann man nicht wegdiskutieren und auch nicht aufheben. Umso wichtiger ist es, dass sich Stiftungen dieser Macht bewusst sind – gerade weil sie sich häufig gar nicht als machtvoll empfinden. Das hat nicht nur mit konkreten Tools und Verfahren zu tun, sondern in erster Linie mit einer wertschätzenden und vertrauensvollen Haltung. Stiftungen sollten sich klar machen, dass die geförderten Organisationen im Regelfall viel mehr über die Bedürfnisse und Probleme der Zielgruppen wissen. Eine gewisse Demut, die die Förderorganisationen als Experten anerkennt, ist da absolut angebracht.   

Wagner: In dem Leitfaden sind zahlreiche praktische Beispiele enthalten, wie Stiftungen dieses Machtgefälle moderieren können, etwa indem sie anonym Feedback einholen oder die Partner in die Entscheidungsprozesse einbinden. Dreh- und Angelpunkt ist die Überzeugung, dass man nur in einer fairen Beziehung gemeinsam lernen und gemeinsam wirken kann. 

Wie optimistisch sind Sie, dass der Leitfaden zu einem echten Paradigmenwechsel in der Haltung von Stiftungen gegenüber ihren Förderempfängern führen wird?  

Wagner: Stiftungen sind zu Recht sehr misstrauisch, wenn man ihnen einen bestimmten Ansatz vorschreiben will. Nach unserer Erfahrung wandeln sich Stiftungen stattdessen Schritt für Schritt, indem sie gezielt neue Ansätze in bestehende und bewährte Abläufe integrieren. Genau da setzt die Idee des Werkzeugkastens an: Oft fehlt es einfach an Wissen und Inspirationen, und das wollen wir mit dem Leitfaden bieten.  

Timmer: „weniger ist mehr“ ist in einem kollaborativen Prozess entstanden, um die Schwarmintelligenz des Sektors zu nutzen und den Erfahrungsschatz zu heben, der in den Stiftungen vorhanden ist. Die 30 Autorinnen und -Autoren kommen aus ganz unterschiedlichen Stiftungen, aus großen „Tankern“ und kleinen Initiativen, aus dem Bildungs- und Sozialbereich oder der Entwicklungszusammenarbeit. Aus meiner Sicht gibt das den Tipps und Hinweisen eine große Glaubwürdigkeit, die hoffentlich viral weiterwirken wird. Nicht zuletzt die Corona-Zeit hat bei vielen Stiftungen zu einer Offenheit für neue Ansätze geführt.  

Wie soll es nach der Präsentation des Leitfadens auf dem Deutschen Stiftungstag weitergehen? 

Timmer: Die Publikation soll erst der Anfang sein. Sie ist sozusagen eine Momentaufnahme, mit der wir eine breite Diskussion im Stiftungssektor anstoßen möchten. Wir haben dazu die Website www.weniger-ist-mehr.org aufgebaut, um die Sammlung von Hinweisen und Beispielen kontinuierlich weiterwachsen zu lassen.  

Wagner: Genauso wie #ImpulseStiften ist „weniger ist mehr“ ehrenamtlich, kostenlos und offen für alle. Wir laden alle Stiftungen herzlich ein, Teil des Projektes zu werden, und gute Beispiele aus ihrer Praxis zu teilen, damit wir die Sammlung ergänzen und ausbauen können. Unsere Hoffnung ist, damit eine Plattform zu schaffen, die Stiftungen in Zukunft als Referenz dient, wie sie ihre Förderprozesse gestalten können.

Über die Gesprächspartner:
Dr. Karsten Timmer
Dr. Karsten Timmer
© privat

Dr. Karsten Timmer ist geschäftsführender Gesellschafter der panta rhei Stiftungsberatung, die Stifter*innen und Stiftungen bei der Auswahl förderungswürdiger Projekte unterstützt. Er ist gemeinsam mit Kirsten Wagner Leiter des Arbeitskreises Förderstiftungen im Bundesverband Deutscher Stiftungen, Co-Host des Webtalks #ImpulseStiften und Herausgeber des Leitfadens „weniger ist mehr“.  

Kirsten Wagner
Kirsten Wagner
© Michaela Kuhn, LichtFormArte

Kirsten Wagner setzt sich für Verbesserung der MINT-Bildung, Stärkung des ehrenamtlichen Engagements und zeitgemäße Kulturvermittlung ein. Früher war sie bei der Hamburgischen Kulturstiftung tätig. Seit 2011 ist sie Geschäftsführerin der NORDMETALL-Stiftung, die in ganz Norddeutschland Talente fördert, Zusammenhalt stärkt und dabei vor allem auf Netzwerke und Kollaboration baut. Gemeinsam mit Karsten Timmer leitet sie den Arbeitskreis Förderstiftungen im Bundesverband Deutscher Stiftungen und ist Co-Host des Webtalks #ImpulseStiften.

Mehr Informationen

Der Webtalk #ImpulseStiften ist eine ehrenamtliche Initiative aus dem Bundesverband Deutscher Stiftungen und wird unterstützt von SwissFoundations, dem Verband für gemeinnütziges Stiften Österreich sowie der Vereinigung liechtensteinischer gemeinnütziger Stiftungen und Trusts.

Der Webtalk findet regelmäßig jeden zweiten Dienstag um 9:00 Uhr statt. Eine Anmeldung ist nicht nötig. Themen und Termine sowie die Mitschnitte aller bisherigen Calls finden Sie unter www.impulse-stiften.de