• Vielfalt in Stiftungen

"… solange die Sonne scheint und der Wind weht"

Schon seit Jahrhunderten setzen sich Frauen für andere ein. Wir porträtieren vier Stifterinnen, die mit Einfallsreichtum und Hartnäckigkeit auf die Herausforderungen ihrer jeweiligen Zeit reagieren.

7 Minuten 12.01.2024
Historische Unterwäsche
© bpk / Kunstgewerbemuseum, SMB / Stefan Klonk

Eine schlüpfrige Angelegenheit

Steckbrief

  • Stiftung: Johanna Margaretha Eding Testament
  • Gründerin: Johanna Margaretha Eding
  • Gründungsjahr: 1762
  • Gründungsort: Hamburg
  • Aufgabengebiete: Linderung von Altersarmut


Wir beginnen unsere kleine Porträtreihe im Hamburg des 18. Jahrhunderts – mit einem etwas skurrilen Testament, von dem sich die Bedachte schon so manches Mal gewünscht haben dürfte, es wäre nie geschrieben worden. Darin vermachte die Jungfer Johanna Margaretha Eding nach ihrem Tod im Jahre 1762 der Hamburger Hauptkirche St. Jacobi ihr gesamtes Vermögen: 850 Kurant, heute wären das umgerechnet mehrere hunderttausend Euro. Edings Bedingung: Mit dem aus dem Vermögensstock erzielten Zinsertrag sollte Leinenunterwäsche – damals für viele ein rares Gut – gekauft und an bedürftige ältere Frauen gespendet werden.  

Eine einmalige gute Tat? Von wegen! Von nun an sollte die Kirchengemeinde jedes Jahr Unterkleider spenden – und zwar „solange die Sonne scheint und der Wind weht“. So will es das Testament. Für die Kirchengemeinde eine im wahrsten Sinne des Wortes schlüpfrige Angelegenheit. Denn der jährliche Zinsertrag schnurrte in den 1980er-Jahren auf durchschnittlich 37 DM zusammen. Das aber reichte vorn und hinten nicht, um den letzten Willen der Stifterin zu erfüllen.

Kompromiss vor Gericht

Zweimal zog St. Jacobi deshalb vor Gericht, zuletzt 1985. Ohne Erfolg: Im Namen der Stiftung „Johanna Margarethe Eding Testament“ setzte der Stiftungsratsvorsitzende und Rechtsanwalt Matthias Scheer durch, dass sich die Kirche weiterhin an den Vertrag halten muss. Allerdings fanden die beiden Parteien einen Kompromiss und begrenzten die Anzahl der zu spendenden Unterwäschegarnituren auf 15 Stück pro Jahr.

Derzeit kommen diese bedürftigen Seniorinnen zugute, die von der Amalie-Sieveking-Stiftung in Hamburg unterstützt werden. Überreicht werden sie einmal im Jahr von Astrid Kleist, Hauptpastorin von St. Jacobi, begleitet wird sie dabei von Rechtsanwalt Matthias Scheer.

Kleist selbst hat längst ihren Frieden gemacht mit dem kuriosen Vermächtnis und ist voller Bewunderung für die weitsichtige Klugheit der Stifterin: „Wie gelingt es, dass ein letzter Wille Bestand hat bis in alle Ewigkeit? Darin war Johanna Eding genial!“, so die Pastorin. „Sie setzte dafür kein Datum einer von Menschen erdachten Zeiteinteilung ein, sondern orientierte sich an Sonne und Wind, also dem Lauf von Gottes Ordnung. Sie hatte offensichtlich ein hohes Gespür für den Symbolwert von Zeiten und Dingen. So hat das sprichwörtliche ‚letzte Hemd‘ zwar keine Taschen, aber es darf niemanden genommen werden.“

Clara Hoffbauer
© Credit Hoffbauer-Stiftung

Bauherrin mit Gespür für die sozialen Nöte der Zeit

Steckbrief

  • Stiftung: Hoffbauer Stiftung
  • Gründerin: Clara Ottilie Alexandrine Emilie Becker
  • Gründungsjahr: 1901
  • Aufgabengebiete: Betrieb und Unterhalt von Bildungsstätten und sozialen Einrichtungen, darunter Kindertagesstätten, Gymnasien und Einrichtungen zur Unterbringung, Pflege und Betreuung älterer sowie Menschen mit Handicap
  • Stiftungssitz: Tornow, Halbinsel bei Potsdam
  • www.hoffbauer-stiftung.de

 Malerisch ragt die Halbinsel Hermannswerder im Südwesten Potsdams in die Havel. 40 Hektar davon gehören der evangelischen Hoffbauer-Stiftung, deren Grundstein am 29. Juni 1891, also vor über 130 Jahren, mit dem ersten Spatenstich zur Errichtung des Waisenhauses „Esche“ gelegt wurde. Ihre Existenz verdankt die Stiftung einer weitsichtigen Frau, die offensichtlich nicht nur einen Sinn für idyllische Landschaften, sondern vor allem ein Gespür für die sozialen Nöte ihrer Zeit besaß – und den unbedingten Willen, den Menschen zu helfen, die unter die Räder der rasanten Industrialisierung Ende des 19. Jahrhunderts zu kommen drohten.   

Sieben Jahre vor der Grundsteinlegung, da war sie bereits verwitwet, hatte Clara Ottilie Alexandrine Emilie Hoffbauer, geborene Becker (1830 – 1909), das 40 Hektar große Gebiet erworben – und damit den ersten Schritt zur Stiftungsgründung getan. Diese wiederum ging auf den noch gemeinsam mit ihrem Mann, dem Kaufmann Herrmann Hoffbauer, gefassten Entschluss zurück, das Familienvermögen in eine mildtätige Stiftung einzubringen, da die Ehe kinderlos geblieben war.

Selbstbewusst und welterfahren

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts entstand auf dem späteren Stiftungsgelände ein beeindruckender Komplex aus knapp 20 Gebäuden, darunter eine Schule, mehrere Waisenhäuser, ein Kranken- und Mütterhaus, verschiedene Versorgungseinrichtungen, eine Kapelle und ab 1902 eine unabhängige Kirchengemeinde. 1901 dann die offizielle Anerkennung und Eröffnung der Hoffbauer-Stiftung. In Gedenken an ihren verstorbenen Ehemann ließ Clara Hoffbauer die Halbinsel Tornow in Hermannswerder umbenennen.

Und auch der Stifterin selbst wird ein ehrendes Andenken bewahrt. „Clara Hoffbauer war eine selbstbewusste, welterfahrene und unabhängige Frau. Ihr christlicher Glaube und ihre soziale Verantwortung veranlasste sie, sich tatkräftig für ihre Mitmenschen einzusetzen”, erinnert man auf der Website der Stiftung an die Gründerin.

Rassenkunde und völkische Inhalte auf dem Lehrplan

Von den politisch und gesellschaftlich bewegten Zeitläuften sollte allerdings auch die Hoffbauer-Stiftung Zeiten nicht unberührt bleiben: Infolge der schwierigen wirtschaftlichen Lage nach dem Ersten Weltkrieg und der galoppierenden Inflation Anfang der 1920er-Jahre musste die Stiftung einen deutlichen Vermögensverlust hinnehmen – allein städtische und staatliche Unterstützung rettete sie.

Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 half aller Widerstand nicht: Die Stiftungsleitung wurde neu besetzt, von nun an standen Rassenkunde und völkische Inhalte auf dem Lehrplan. Nach dem Sieg über die NS-Herrschaft nahm die damalige Sowjetunion ab 1945 einen großen Teil der Insel Hermannswerder für sich in Anspruch, unter anderem als militärisches Sperrgebiet. Die sowjetischen Truppen zogen erst nach Ende des Kalten Krieges im Jahr 1991 ab.  

Damit wurde ein neues Kapitel in der bewegten Geschichte der Hoffbauer-Stiftung aufgeschlagen: Gebäude wurden saniert, modernisiert und teils verpachtet. In den 1990er-Jahren wurde eine Werkstatt für Menschen mit Behinderung eingerichtet. Weitere Pflegeheime, Evangelische (Grund-)Schulen und Berufsschulen folgten.

Bis heute steht die Stiftung Clara Hoffbauers für christlich-soziale Werte und die Überzeugung, durch das eigene Stiftungshandeln Verantwortung für kommende Generationen zu übernehmen. Die Stiftung beschäftigt über 1.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in 40 Bildungseinrichtungen in Berlin und Brandenburg und zählt damit zu einem der größten Bildungsträger in der Region – über 5.000 Schülerinnen und Schüler, Kinder und Erwachsene lernen in den Einrichtungen der Hoffbauer-Stiftung.

Jenny De la Torre Castro
© Jenny De la Torre Stiftung

„Ich wollte einfach nur helfen – als Ärztin, als Mensch“

Steckbrief

  • Stiftung: Jenny De la Torre Stiftung                                                                                    
  • Gründerin: Jenny De la Torre Castro                                                                                  
  • Gründungsjahr: 2002                                                                                                          
  • Aufgabengebiete: Unterstützung obdachloser Menschen, u.a. durch medizinische Betreuung, Kleiderkammer und Speisenversorgung                                                                                            
  • Stiftungssitz: Berlin
  • www.delatorre-stiftung.de


2002 in Berlin gegründet, ist die Jenny De la Torre Stiftung fast ein Jahrhundert jünger als die Hoffbauer Stiftung. Und doch haben ihre Gründerinnen einiges gemeinsam: Beide engagieren sich für die Schwächsten in der Gesellschaft und stellen sich dem Kampf gegen gesellschaftliche Missstände. Bei der deutsch-peruanischen Ärztin Jenny De La Torre liegt der Fokus dabei ganz klar auf dem Einsatz für obdachlose Menschen,

Doch von Anfang an: Aufgewachsen in der Stadt Puquio in den peruanischen Anden, erlebte sie bereits als Kind die enorme Armut der Menschen dort. Und fasste angesichts des Ärztemangels dort bereits früh den Entschluss, Ärztin werden.

An der Universität „San Luis Gonzaga de Ica“ begann sie ihr Medizinstudium und wechselte 1977 im Rahmen eines Auslandsstipendiums an die Karl-Marx-Universität Leipzig in der damaligen DDR. 1982 schloss sie das Studium erfolgreich mit dem Examen ab und ließ sich anschließend zur Kinderchirurgin an der Charité Berlin weiterbilden. Ihre Promotion erlangte sie schließlich 1990 mit summa cum laude.

Elend in einem reichen Land

Zwischenzeitlich kehrte sie zweimal in ihr Heimatland zurück – allerdings beide Male nicht auf Dauer, denn ihr Weg führte sie immer wieder zurück nach Deutschland: „Mein Kindheitstraum, Ärztin zu werden und armen Menschen kostenlos zu helfen, hat sich nicht in Peru erfüllt, sondern in Deutschland“, blickt De la Torre Castro zurück. „Als ich Menschen ohne zu Hause am Bahnhof in einem kaum vorstellbaren dramatischen, gesundheitlichen Zustand kennengelernt habe, wollte ich einfach nur helfen – als Ärztin, als Mensch.”

In Berlin unterstützte sie Schwangere und Mütter in Not – wenn man so will der Beginn ihrer wohltätigen Arbeit: Ab 1994 legte sie ihren Fokus auf medizinische Hilfe für Obdachlose in der nun wiedervereinigten Hauptstadt. An ihre ersten Sprechstunden erinnert sie sich heute noch: „Als ich 1994 meine ersten Sprechstunden gehalten habe, standen wir in einem Bahnhof, in einer fensterlosen Einrichtung mit sehr begrenzten Möglichkeiten einem Elend gegenüber, das für mich in diesem reichen Land nur schwer zu begreifen war.”

Für ihre Verdienste wurde sie mit dem Bundesverdienstkreuz (1997), der „Goldenen Henne“ (Medienpreis der Super Illu, Kategorie Charity) (2002) sowie dem Stifterpreis des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen ausgezeichnet.

Preisgeld als Stiftungskapital

Das Preisgeld des Medienpreises nutzte sie als Startkapital für ihre eigene Stiftung. Damit erfüllte sie sich einen lang gehegten Wunsch: Obdachlosen, die in menschenunwürdigen Bedingungen auf der Straße leben, zu helfen. Durch weitere Zustiftungen und Spenden konnte das Fundament für die weitere Arbeit gelegt werden.

Heute betreibt die Jenny De la Torre Stiftung in Berlin ein Gesundheitszentrum für Obdachlose, das Unterstützung, Hoffnung und ein Gefühl von Gemeinschaft bietet: Es bietet unter anderem eine Allgemein-, eine Zahn- und eine Augenarztpraxis, einer Kleiderkammer, einer Speiseversorgung, sanitäre Anlagen sowie Möglichkeiten der psychologischen Unterstützung, wie etwa Suchtberatung.

Es ist Jenny De la Torre Castro und ihrem Team vor allem ein Anliegen, Obdachlosigkeit direkt vorzubeugen – oder Obdachlose vor erneuten Rückfällen zu bewahren. Dabei kann die Ärztin auf eine große Gruppe an Ehrenamtlichen, Studentinnen und Studenten sowie Praktikantinnen und Praktikanten setzen. Jenny De la Torre Castro: Eine inspirierende Frau, die ihr Leben dem Kampf gegen soziale Ungleichheit widmet.  

Heidi Thiemann
© Julia Nohr

Change statt Charity

Steckbrief

  • Stiftung: Stiftung Alltagsheld:innen
  • Gründerin: Heidi Thiemann
  • Gründungsjahr: 2021
  • Aufgabengebiete: Unterstützung und Stärkung der Rechte von alleinerziehenden Personen
  • Stiftungssitz: Hilden
  • alltagsheldinnen.org

 
Es geht einmal quer durch die Republik nach Hilden in Nordrhein-Westfalen, zur jüngsten der hier porträtierten Stiftungen. Die Stiftung Alltagsheld:innen setzt sich für die Rechte von Alleinerziehenden ein – sowohl in sozialrechtlicher als auch in finanzieller Hinsicht. Und der Bedarf ist groß: 2022 gab es in Deutschland ca. 2,8 Millionen Alleinerziehende, davon etwa 85 Prozent Frauen.

Heidi Thiemann hat 2021 die erste bundesweite Stiftung für Alleinerziehende initiiert. Ihrer Gründung liegen vor allem persönlichen Erfahrungen zugrunde, wie sie der „Stiftungswelt“ erzählt: „Nach der Geburt meines ersten Kindes Ende der 1980er-Jahre war ich alleinerziehend und erlebte die vielen Barrieren, die mich von Teilhabe und Arbeit ausschlossen. Die damalige Wut über die frauenfeindliche Diskriminierung führte 30 Jahre später zur Gründung der Stiftung. Mit ihr möchte ich dazu beitragen, dass Alleinerziehende mit ihren Kindern selbstbestimmt, finanziell wie rechtlich abgesichert und frei von Diskriminierung leben können.”

Armutsrisiko von knapp 43 Prozent

Ein Ziel der täglichen Stiftungsarbeit ist es, strukturelle Probleme, die einem gleichberechtigten gesellschaftlichen Miteinander im Wege stehen, aufzuzeigen. Denn in der Regel verdienen Frauen schlechter als Männer und übernehmen zu Hause meistens den Großteil der Care-Arbeit.

Dazu kommt ein Armutsrisiko für Alleinerziehende von knapp 43 Prozent – das alles hat mit mangelnder Geschlechtergerechtigkeit und Rollenstereotypen zu tun, die es zu verstehen und aufzubrechen gelte: „Wir leisten einen relevanten Beitrag für eine geschlechtergerechte, menschenwürdige und diverse Welt, in der verschiedene Formen des Zusammenlebens mit Kindern gleiche Rechte haben. Wir stehen für Change – not Charity und wirken auf langfristige gesellschaftliche Veränderungen hin“, so die Vision der Stiftung.

Dating-Portal mit steuerrechtlichem Hintersinn

Ein Hauptaugenmerkt legt die Stiftung auf Geflüchtete sowie Einwanderinnen und Einwanderer, die in Deutschland in Ein-Eltern-Familien leben. Denn oftmals liegt der Fokus in der öffentlichen Diskussion nicht auf ihren speziellen Bedürfnissen. Im Sommer 2022 haben Heidi Thiemann und ihr Team beispielsweise einen Spendenaufruf für Frauen und Kinder in der Ukraine gestartet – und die Endsumme verdoppelt. Das Geld ging anschließend an zwei Frauenrechtsorganisationen in der Ukraine, die damit die humanitäre Hilfe im Kriegsgebiet weiterführen konnten.

Außerdem investiert die Stiftung in eine bessere und fundiertere Datenlage: Mit der Hochschule Düsseldorf führt sie momentan eine „Studie zur besonderen Lage migrantischer und geflüchteter Alleinerziehender in Nordrhein-Westfalen“ durch, deren Ergebnisse 2025 vorliegen und Problemstellungen und Unterstützungsbedarfe von Geflüchteten in den Blick nehmen sollen.  

Andere Aktionen sind so überraschend wie unmittelbar überzeugend. So hat die Stiftung auf www.Ein-Eltern-Ehe.de zusammen mit den gemeinnützigen Organisationen SOLOMÜTTER und Fair für Kinder e.V. ein Dating-Portal für Alleinerziehende entwickelt. Die Intention? Menschen aus Ein-Eltern-Familien zusammenzubringen, damit diese vom Ehegattensplitting profitieren und gemeinsam Steuern sparen können. Warum nicht?!  

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